Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 478 r? mLr’ bitte, was hast du dein Lebtag getan? Der Schlächter erwiderte: Sündig wie ich bin, habe ich mich mit der Schrift nicht viel befaßt. Ich war immer Schlächter; anfangs hatte ich wenig Geld, alsdann wurde ich reich; allwöchentlich teile ich unter den Armen des Ortes und der Umgegend Fleisch aus; außerdem gebe ich viel Almosen. Darauf sprach der Weise: Aber sage mir: ich bitt’, hast du außer diesem nicht noch Größeres vollbracht? Der Schlächter sprach: Ich will dir noch von einer Sache erzählen, die ich einst getan habe. Ich war früher auch Zinspächter dieser Stadt und durfte von jedem Schiff, das hierherkam, irgendetwas verlangen, wozu ich Lust hatte. Einst landete ein Schiff bei uns, und ich nahm meinen Zins davon. Nachdem ich das Meinige bekommen hatte, kam der Steuermann und sprach zu mir: Willst du noch ein geheimes Ding erstehen? Ich will es dir verkaufen. Ich antwortete: Sage mir zuvor, was ist das für ein Ding? Er aber sprach: Ich sage es dir nicht eher, als bis du es kaufst und dafür Geld bezahlst; und kaufst du es nicht gleich, so verkaufe ich es nicht mehr. Da sprach ich: Sage mir den Preis, ich will ihn hören. Der Schiffer erwiderte: Zehntausend Goldstücke will ich dafür haben. Darauf sagte ich: Zeige mir die Sache, und ich will das Geld bezahlen. Nun aber sprach er: Ich gebe es dir nicht, es sei denn, du gibst vierzigtausend Goldstücke dafür. Als ich sah, daß er den Preis erhöhte, dachte ich bei mir, daß es wohl ein kostbarer Gegenstand sein müsse, und ging auf den Preis ein. Darauf sagte er: Zahle mir vorher das Geld aus, ehe ich dir das Gewünschte zeige. Da gab ich ihm den Betrag. Alsdann führte der Mann aus dem unteren Raume des Schiffes zweihundert jüdische Gefangene hervor und sprach zu mir: Hättest du sie nicht gekauft, ich hätte sie heute alle ins Meer geworfen. Er lud sie aus, und ich führte sie in mein Haus, gab ihnen zu essen und zu trinken, salbte sie und bekleidete sie. Danach brachte ich die ledigen Männer und Weiber zusammen und vermählte sie untereinander. Es war aber unter ihnen ein Mägdelein, das war sehr schön; sie dauerte mich, und ich gab sie meinem Sohn zum Weibe. Er sollte sie heiligen, und ich rief alle Leute des Ortes zum Hochzeitsfest. Als die Gäste beisammen waren, sah ich einen Jüngling von den Gefangenen, der saß da und weinte. Ich sprach zu ihm: Warum weinst du? Er wollte es mir aber nicht sagen, bis ich ihn in eine besondere Kammer führte. Da gestand er mir, daß der Tag, an dem sie alle gefangen genommen worden waren, der Tag seiner Hochzeit mit dem Mägdelein, der Braut meines Sohnes, hätte sein sollen. Ich sprach zu ihm: Willst du nicht von ihr lassen, ich will hundert Silberlinge dafür geben. Er aber entgegnete: Mein Herr, sie ist mir lieber als alles Gold und Silber auf Erden; doch was kann ich tun, dein Sohn soll sie ja heimführen. Ich ging nun zu meinem Sohne und erzählte ihm das alles. Da ließ mein Sohn von der Jungfrau, und ich gab sie dem Jüngling. Das wird wohl die Tat gewesen sein, die ich vollbracht habe. Da sprach Rabbin Simeon: Gelobt sei der Herr, daß mir zuteil ward, dein Genosse im Jenseits zu sein! Dieselbe Geschichte anders erzählt. Es lebte in einem Orte ein frommer und gelehrter Mann, der wollte gern von Gott erfahren, mit wem er im zukünftigen Leben zusammen sein werde. Er fastete viele Tage und mehrte Gebet und Flehen, bis ihm im Traume der Nacht gesagt wurde: Der und der Schlächter wird dein Genosse sein. Da erwachte der Fromme von seinem Schlaf, bekümmert und betrübt, und er war wie abwesend und traurig; er begann wieder seinen Leib zu kasteien und vor Gott zu beten, und es ward ihm wiederum im Traume gesagt: So ist dir doch schon der Bescheid zugekommen, daß jener Mann dein Gefährte im Jenseits sein werde. Als der Fromme das hörte, ward er unmutig, seufzte und weinte gar sehr ob dieser Antwort. Aber da hörte er eine Stimme vom Himmel rufen: Wärest du nicht ein Gerechter und hättest gute Taten vollbracht, du verdientest den Tod. Warum verdrießt es dich, daß jener Schlächter mit dir zusammen sitzen wird? So wisse denn, jener Mann hat Dinge getan, die nicht jedermann tun kann, und gar hoch ist die Stufe, die er dereinst drüben einnehmen wird. Da stand der Fromme auf in der Frühe, begab sich nach dem Laden des Schlächters, bot ihm den Friedensgruß, setzte sich zu ihm und sprach: Meine Bitte ist, daß du mir von deinen Taten erzählest und was Gutes du in dieser Welt getan hast. Der Schlächter antwortete: Mein Herr, du kennst mein Handwerk; was ich verdiene, davon gebe ich die Hälfte den Armen, von der andern aber ernähre ich mich und mein Hausgesinde. Da sprach der Fromme: Es sind viele Menschen da, die viel mehr für die Armen tun als du; das wird es also nicht sein. Sage mir aber, ob du nicht noch etwas getan hast, das nicht ein jeder tun könnte? Da schwieg der Schlächter eine geraume Zeit, bis er dann sprach: Mein Herr, ich entsinne mich eines Geschehnisses, das vor vielen Jahren sich begeben hat. Der Fromme sprach: Was war das für eine Geschichte? Und der Schlächter fing an zu erzählen: Es sind viele Tage seitdem vergangen, da war ein Tag, an dem ich wie heute meine Arbeit verrichtete, und siehe, ein Haufe Kuthäer kam gezogen mit vielen Gefangenen, und unter ihnen war ein Mägdlein, das weinte bitterlich. Ich ging auf sie zu und fragte: Tochter, warum weinst du so, und warum jammerst du? Sie erwiderte: Mein Herr, ich bin eine Judäerin, und ich fürchte, diese Ungläubigen werden mich weitab von der Gemeinde Israels bringen! ach, könnte ich doch nach einem jüdischen Orte kommen, daß mich die Brüder aus der Hand der Kuthäer erlösten. Als ich diese Worte vernahm, ward mein Herz weich, ich erbarmte mich ihrer und sprach zu ihr: Sei stille und vertraue mir, ich werde dich befreien. Alsdann ging ich zu ihrem Herrn hin und kaufte die Gefangene um vieles Geld — es war mehr, als Für das Vaterland starb unser lieber Bundesbruder UJllred Kaizenslein Referendar, Leuln. di. in einemRayeries.-lni.-Rgl. Ehre seinem Andenken! Die Verbindung Jüdischer Studenten „Jordania“ im K. J. V. (München) i. Ä.: Dr. Ludwig Wassermann.