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Das jüdische Echo · 1916-12-08 · 49 (8.12.1916) · p. Seite 472

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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472 Das Jüdische Echo Nr. 49 folgendes über seinen Stoff und dessen Behandlung: „Die jüdische Historie pflegt den biblisch-apokryphischen Stil; im Vordergrund steht die Tat, der Sinn ist auf das Heroische gerichtet. Die Legenden hingegen sind mehr in der talmudischen knappen Form gehalten; es ist kein eigentliches Erzählen, sondern nur ein Mitteilen. Das Wunder ist mit dem Ereignis verwoben; das innere Auge schaut beides zugleich. Aber schon im Talmud schieben sich neben die Heiligengeschichten Weisheitserzählungen, Parabeln und Fabeln, welche Züge des echten Orientalismus aufweisen. Mit dem Einsetzen der arabischen Periode im Judentum verbreitet sich dieser Strom. Eine bewußte Erzählungskunst, die sich mit Vorliebe der gereimten Prosa bedient, tritt zutage; die Erbauung ist nicht nur Mittel, sondern auch vernehmlicher Zweck der Dichtung. ' In den Zeiten der Bedrängnis wendet sich die Volkserzählung wieder den besonderen Ereignissen zu. Unstet und flüchtig ist das Volk Israel, aber auch Jahve erwartet die Erlösung und die Rückkehr in sein Heim. Die Romantik des Heiligen Landes erwacht; um die Gräber der Väter spinnen sich neue Historien. Nach und nach durchtränkt die Mystik die jüdische Erzählung. Alte Mythen kehren wieder; wie in den Tagen der Genesis paaren sich Dämonen und Gespenster mit den Menschenkindern. Wandel und Taten der Heiligen werden der einzige Gegenstand der Darstellung. Der Verlauf der jüdischen Legenden und des Märchens zeigt uns beinahe dasselbe Bild, das wir im Werdegang der Schrift des Alten und des Neuen Bundes gesehen haben. Wie in der Bibel von der Offenbarung und der Prophetie ein Weg zu den Weisheitsschriften hinüberleitet, ein weiterer aber durch die Visionen Ezechiels und die Geschichte Daniels zu den apokalyptischen Weissagungen führt, ebenso weiten sich die hebräischen frommen Legenden zu Märchen und Parabeln, worauf dann wieder die Heiligen- und Wundergeschichte in Erscheinung tritt und nun allein die Herrschaft über die Gemüter hat. Die Legende erzählt von dem menschlichen Tun auf Erden; Sittenreinheit und Gerechtigkeit öffnen die Tore des Paradieses, Elias und die Engel sind die Boten des Lebens. Der mystischen Erzählung aber ist die Erde nur ein Planet des Himmels. Da oben wohnen die menschlichen Seelen seit jeher, und wenn sie in Leiber gekleidet werden, Antlitz und Odem bekommen, so geschieht das nur, um eine bestimmte Handlung hienieden zu verrichten; danach kehren sie in die ewige Heimat zurück, um die Gottheit zu preisen. Wir befinden uns im Reiche neuer religiöser Vorstellungen. Bibel und Talmud sind nicht die einzigen Religionsbücher der Juden. Mit dem Sammeln jüdischer Märchen und Legenden ist schon in den frühesten Zeiten begonnen worden. Das meiste Material aber ist in den zahlreichen Chroniken, lexikalischen Werken, Biographien, Memoiren, Moralbüchern und in den Vorreden zu Schriften verschiedenen Inhalts zerstreut. Viele dichterische Stoffe sind in die Codices versteckt, wo sie gar nicht zum Thema gehören. Was in Handschriften verborgen ist, ist nur zum kleinen Teil gehoben worden. Wo die Juden noch geschlossen wohnen und ihre alten Traditionen pflegen, lebt neben den aufgezeichneten noch eine Menge mündlicher Geschichten, Der Sammler hiat in seiner Jugend viele Legenden und Märchen aus dem Volksmund gehört und ihre Wirkung miterlebt. Mehreres davon ist von ihm nachher in die neuhebräische und jüdische Sprache umgedichtet worden. Der Born Judas zerfällt in zwei Serien und ist auf mehrere Teile berechnet. Die erste Serie umfaßt die Materien von Liebe und Treue, Märtyrer- und Heiligen-Geschichten, die Wanderungen des Elias und den Kreis der Weisheits- und Erbauungsgeschichten. In der zweiten Serie sind die Volkserzählungen, die Geschichten vom Heiligen Lande, Geister- und Dämonengeschichten und die frommen und chassidjschen Legenden vereinigt. Jede Serie bildet ein Werk für sich, jeder Teil ein ganzes, in sich geschlossenes Buch. Gleiche Motive bilden besondere Kapitel oder Zyklen. Die Anordnung und die Reihenfolge der Geschichten beruhen auf einem inneren Prinzip. Es kam dieser Arbeit zustatten, daß sie Hand in Hand mit anderen Arbeiten des Verfassers auf dem Gebiete der jüdischen Sagen und Mythen vor sich gegangen ist. Die deutsche Wiedergabe der Texte ist treu und trägt nichts in die Originale hinein. Einige Geschichten sind etwas gekürzt worden, was überall vermerkt worden ist. Mythische Fragmente am Schlüsse der Bücher zeigen den dogmatischen Hintergrund mancher Erzählungsgruppen. In den Ergänzungen und in der Quellenangabe wird auf verschiedene Parallelen in der Märchenliteratur hingewiesen. Bei der Umschreibung der heb(räischien Quellenschriften ist der, Mittelweg zwischen der alten Schule und der neuen extremen Art gewählt worden. Bücher aber, die von den Autoren selbst oder von den Herausgebern umgeschrieben worden sind, sind aus bibliographischen Gründen in ihrer Fassung belassen worden.“ In der Sammlung steckt ein sehr großes Maß eifriger Arbeit. Der Sammler hat seinen Stoff vielfach gegliedert nach dem Motiv, nach der Persönlichkeit, um die sich eine Sage rankt und nach Entstehungsort und -Zeit der Erzählungen. Es ist ungemein interessant zu verfolgen, in wie verschiedenartigem Gewände ein und dieselbe Sage auftritt. Für den Forscher der jüdischen Historie und Kulturgeschichte ist das neue Buch eine Fundgrube, dem unbefangenen Leser, den es in die jüdische Sagenwelt entführt, wird es viele genußreiche Stunden bereiten. Feuilleton Eine großmütige Tat.*) Rabbi Simeon flehte Gott an, daß er ihm seinen Platz im Eden zeigen möge. Da wies der Herr ihm einen Ort neben einem Schlächter. Rabbi Simeon wunderte sich darüber und sprach in seinem Herzen: Tag und Nacht habe ich über der Schrift gesessen, und nun soll ich einen Schlächter zum Nachbar haben? So will ich denn hingehen und will ihn nach seinem Tun ausfragen und ausforschen. Der Weise ging zu dem Schlächter hin, und siehe, es war ein reicher Mann. Er blieb bei ihm zu Gast und wohnte bei ihm acht Tage, und der Schlächter erwies ihm alle Ehre. Da rief ihn Rabbi Simeon aufs Feld und sprach zu ihm: Sage *) Aus „Der Born Judas“ Legenden, Märchen und Erzählungen. Gesammelt von M. J. bin Gorion. Leipzig. Im Insel-Verlag.

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