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Das jüdische Echo · 1916-12-01 · 48 (1.12.1916) · p. Seite 460

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 460 (sequence 8)
Language
German
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460 Das Jüdische Echo Nr. 48 (Berlin), ein Veteran von 1870 und Abgeordneter Kanzow. Letzterer betonte, daß der bayerische Kriegsminister das Verlangen nach einer Judenzählung mit aller Entschiedenheit zuriickgewiesen habe. Die russischen Juden in England. Wegen des Antrages des englischen Ministers Samuel betreffend die Dienstpflicht der russischen Juden vom „National Workmen Committee of Jewish Rights“ wurde eine Protestversammlung berufen. Der Jurist Morris Hilquet sagte in seiner Rede: Die Juden nach Rußland zurückzusenden, bedeutet für sie so viel wie der Galgen oder Sibirien! Der Vorsitzende Sjiplakow war der Meinung, daß England nicht das Recht habe, politische russische Flüchtlinge seinen Armeen einzuverleiben. Am Schlüsse der Versammlung wurde ein Telegramm an den Minister des Äußeren gesandt, worin es heißt: Die Juden werden nun in fast allen kriegführenden Ländern Opfer bringen müssen. Es wird ein großes Unglück für die Sache der Menschlichkeit sein, wenn England, das traditionelle Land der Freiheit und Demokratie, sich den Mächten anschließt, welche die Juden unterdrücken. — Am 22. Oktober fand in London eine von den russischen sozialistischen Gruppen in London und von den jüdischen sozialdemokratischen Vereinen in England anberaumte Versammlung statt, welche sich gleichfalls gegen die Vorstellungen von Minister Samuel wandten. Nachdem viele bekannte Persönlichkeiten aus der russischen Arbeiterbewegung gesprochen hatten, wurde einstimmig ein Beschluß angenommen, in dem erklärt wurde, daß die Politik der englischen Regierung in dieser Sache gegen die Flüchtlinge gerichtet sei und die Vernichtung des Asylrechts bezwecke. Diese Politik, hieß es weiter, sei ein schwerer Schlag für die internationale Arbeiterbewegung. Darum fühle die Versammlung sich verpflichtet, zusammen mit dem inernationalen Proletariat „jene Übereinkunft mit Rußland“ zu bekämpfen. Feuilleton Der Hund. Von Abraham R e i s i n. Niemand wußte, woher er kam. Eines schönen Sommermorgens bemerkten die Mitglieder des alten Beth Hamidrasch, daß die Jungensbande ihrer Stadt einen neuen Zuwachs erhalten hatte. Es war ein Junge von etwa 15 Jahren, schäbig, zerfetzt, mit zerzausten Haar und ganz zerkratztem Gesicht. „Nanu, ein Neuer!“ sagte Chone Perches mit einer Grimasse, als er auf dem Wege zur Schul den Burschen traf. „Woher kommst du?“ „Von einem Vater und einer Mutter,“ antwortete der Bengel spöttisch und kratzte sich am ganzen Körper. „Pfui!“ Chone spukte aus und ging an seinen Platz. Die übrige „Bande“ empfing den Neuangekommenen mit wenig Begeisterung. Als sie ihn aber auf die Probe stellten und er einige von ihnen zu Boden warf, rief einer von der Gesellschaft, Getzel, aus: „Kraft hast du!“ „Wie ein richtiger Soldat!“ stimmte ein anderer namens Feiwel zu. Die „Bande“ scharte sich um ihn und unterzog den Ankömmling einer respektvollen Untersuchung. „Kommst du hier aus der Gegend?“ fragte Getzel. „Nein“, antwortete er trocken und zurückhaltend. „Woher kommst du denn?“ „Aus Kletzk.“ „Kletzker Diebe!“ rief einer. „Genau so ehrlich wie die hiesigen Juden,“ gab er ärgerlich zurück. „Hast du einen Vater und eine Mutter?“ „Nein.“ „Was willst du denn hier machen?“ „Ich werde es schon schaffen“, erwiderte er hochmütig, im Tone eines Erwachsenen und kniff ein Auge zusammen. Und das war alles, was die „Bande“ vorläufig aus ihm herausbringen konnte. Einige Wochen später, als er mit Getzel schon besser bekannt geworden war und drei Züge an der Zigarette, die dieser rauchte, getan hatte, gab er einmal folgenden Aufschluß: „Ich bin zu Fuße hierhergekommen.“ „Den ganzen Weg von Kletzk hierher?“ rief die „Bande“ voller Staunen aus. „Das will gar nichts heißen,“ prahlte er. „Laß mich noch einen Zug tun“, und er streckte die Hand aus. Getzel steckte „dem Neuen“ die Zigarette in den Mund, denn er wagte nicht, sie aus der Hand zu lassen. Das neue „Mitglied“ sog aus Leibeskräften daran. „Das war aber ein Zug!“ sagte Getzel und schnitt eine Grimasse. „Du hast ja die ganze Zigarette weggeraucht.“ „Na wenn schon; wenn ich mal eine habe, dann lasse ich dich auch ziehen. Geizig bin ich nicht.“ „Bettler sind immer Wohltäter“, witzelte jemand. „Also ich will euch sagen, weshalb ich durchgebrannt bin“, fuhr der „Neue“ in seiner Selbstbiographie fort. „Als mein Vater starb —“. „Hast du eine Mutter?“ unterbrach einer aus der „Bande“. __ „Nein, ich habe es doch schon einmal gesagt. Sie starb als ich geboren wurde. Als mein Vater starb, nahm mich ein Nachbar, ein Schuhmacher, vor und sagte: „Chotzkele —“ „Du heißt Chotzkele?“ rief die „Bande“. „Chotzkele“, erwiderte er ruhig, als schämte er sich seines Namens. Jetzt gibt es sowas nicht mehr‘, sagte der Schuhmacher. „Jetzt bist du genug herumgestrolcht. Jetzt sollst du ein Mann sein. Ich will dich zu mir nehmen und dich mein Handwerk lehren.1 Das gefiel mir aber gar nicht. Pfui, den ganzen Tag sitzen und Nägel einschlagen! Das war ja der wahre Tod für mich. Wozu brauchte ich denn zu arbeiten? Ich sagte mir, das beste ist, frei zu sein, selbst wenn man nichts zu essen hat. Arbeiten möchte ich schon, aber nur ein bischen: vier Stunden am Tage. „Vier Stunden am Tage ist immer noch zu viel“; fuhr Getzel dazwischen. „Eine Stunde am Tage ist genug. Ich helfe meiner Mutter jeden Tag eine Stunde lang Mahlsteine drehen. Dann habe ich genug.“ „Und mein Schuhmacher verlangte von mir, daß ich einen ganzen Tag sitzen und arbeiten sollte. Wenn ich ein bischen faul war, schlug er mich, und das machte mich wild. Natürlich, wenn mich die „Bande“ ein bischen verhaut, dann schadet das nichts. Sie prügelt mich, ich prügle

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