Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 457 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 457 würdiger Bundesgenosse des deutschen Volkes zu werden. Heute gellt Rohrbach über die Frage, wie sich das Verhältnis der Polen zu den nationalen Minderheiten im Lande gestalten solle, vorsichtig hinweg, er tritt mit keinem einzigen Wort dafür ein, daß diese Minderheiten geschont und respektiert werden sollen und läßt nur über eines keinen Zweifel: daß man die Polen ermutigen müsse, sich Weißrußland einzuverleiben. Mit Ethik, mit dem deutschen Gedanken hat diese Parole wenig zu schaffen. Weiß Rohrbach nicht, daß das polnische Volk weit härter als das russische die nationalen Minderheiten im Lande, vor allem die Juden, bekämpft und auszurotten strebt? Macht er sich nicht klar, daß, wenn Deutschland wirklich eine Kulturmission hat, es diese zu allererst zu seinen mitteleuropäischen Bundesgenossen tragen und von diesen verlangen muß, daß sie den primitivsten Forderungen der Humanität nicht offen Hohn sprechen? Natürlich kennt er die nationale Unduldsamkeit der Polen; wenn er also mit keinem einzigen Wort darauf hindeutete, daß Deutschland dafür Sorge tragen müsse, die Rechte der kleinen Nationen im neuen Königreich dieser Unduldsamkeit nicht zum Opfer fallen zu lassen, geschah dies offenbar, weil Rohrbach heute für solche „Sentimentalitäten“ keinen Sinn mehr hat. Oder sollte er sich den Glauben an ethische Pflichten der Völker noch nicht ganz abgewöhnt haben und es nur um der Realpolitik willen vermeiden, der „Sentimentalität“ nachzugeben? Fast scheint es, als ob ein Anhaltspunkt für diese Annahme gegeben wäre: Rohrbach zählte in seinem Vortrag fast sämtliche Nationalitäten Rußlands, er zählte alle Nationalitäten Polens auf und ließ in beiden Fällen die Juden aus. Der Gelehrte, der im Winter 1915 über die Bedeutung der Juden für die Erschließung Syriens sprach, ist ein viel zu guter Kenner der Verhältnisse, um nicht zu wissen, daß ■— abgesehen von einer kleinen Assimilantengruppe — die russischen und die polnischen Juden sich als eine besondere Nation fühlen. Glaubte er, daß durch das bloße Aussprechen des Wortes „Juden“ in vielen seiner Hörer eine Ahnung der furchtbaren Unterdrückung erwachen würde, welche die Juden von einem Polen, dem Deutschland (um mit Rohrbachs Worten zu reden) „möglichst viel Freiheit und Selbständigkeit gewähren muß, damit es sich im mitteleuropäischen Hause wohlfühlt“1 zu gewärtigen haben? und paßte ihm die Erweckung dieser Erinnerung schlecht in sein Programm, das die Hörer von der Notwendigkeit eines frei schaltenden Polen überzeugen wollte? Und doch ist es sicherlich auch vom rein realpolitischen Standpunkt aus von höchster Wichtigkeit, daß Männer wie Paul Rohrbach die deutsche Regierung immer wieder auf die Erhaltung der Juden und sonstigen nationalen Gruppen in Polen verweisen: weil nämlich diese Gruppen der allzu hemmungslosen Entfaltung des slawischen Geistes einen Widerstand bieten, wodurch verhütet wird, einmal daß die Polen sich schließlich doch an ihre slavischen Brüder, die Russen, anschließen; ferner, daß das slavische Element in der mitteleuropäischen Genossenschaft so stark werde, daß es schließlich den deutschen Gedanken nicht allein in der Welt, sondern sogar schon in Mitteleuropa verdrängt. Möge doch Rohrbach sich und seinen Hörern klar machen, daß, wie wenig auch heutzutage die Politik nach moralischen Gesichtspunkten orientiert ist, es immerhin nicht geschehen darf, daß Deutschland im Reiche seines künftigen Bundesgenossen eine nationale Gruppe von zweieinhalb Millionen Menschen ruhig zu Grunde gehen läßt, was zweifellos eintritt, wenn die deutsche Regierung die Selbständigkeit der Polen in der Judenfrage nicht rechtzeitig beschneidet. Möge er, der kluge Politiker, dessen Wort weithin gehört wird, sich doch sagen, daß seiner eine hohe sittliche Aufgabe winkt: er kann wie kaum ein anderer die Sache der Juden verteidigen. Er kann dafür eintreten, daß entweder durch die polnische Verfassung, die jetzt ausgearbeitet wird, den Juden Verteidigungswaffen gegen die Vergewaltigungs¬ und Ausrottungspolitik der Polen in die Hand gegeben werden. Oder er kann — wenn ihm aus irgendeinem Grunde die nationale Sonderexistenz der Juden in Polen nicht wünschenswert erscheint — mit seiner weithin ertönenden Stimme die deutsche Regierung ermahnen, die Juden nicht dem Untergang preiszugeben, sondern ihnen ein Abflußgebiet zu eröffnen. Im Winter 1915 nannte Paul Rohrbach das geeignete Abflußgebiet: Palästina, Syrien und Mesopotamien! Helene Hanna Cohn. Außerordentlicher Delegierten*« tag der ZionistischenVereinigung für Deutschland. Am Montag, den 25. und Dienstag, den 26. Dezember 1916 im Savoy-Hotel, Berlin, Friedrichstraße 103. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorsitzenden Dr. Arthur Hantke, Berlin. 2. Referate: S. Schocken jun., Zwickau und Kurt Blumenfeld, Berlin, über „Zionistische Gegenwartsarbeit“. Die Sitzungen sind nicht öffentlich. Zur Teilnahme an der Tagung berechtigt sind außer den Delegierten, den Mitgliedern des Zentralkomitees und den Beamten der Organisation als Gäste nur diejenigen Gesinnungsgenossen, die ein Ehrenamt in der zionistischen Vereinigung für Deutschland oder in einer zionistischen Ortsgruppe bekleiden oder in früheren Jahren bekleidet haben. Diese Gesinnungsgenossen werden gebeten, sich rechtzeitig um eine Gastkarte zu bewerben. Zur Entsendung von Delegierten sind nur diejenigen Ortsgruppen berechtigt, welches die Landesbeiträge rechtzeitig abgeführt haben. 1]JIII!IIIIIIIIIII1IIIIII!!]1I1IIIIIIIII1I1IIIIIIIIII!IIIIIIIIIIIIIIIIIIII!I!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!IIIIII1IIIII!U (( I )) ESKft KLEIMKÜMST- I VER5RND | MÜNCHEN Straße3?’ | Ausstellung aller Zweige | des Kleinkunst-Gewerbes | ffiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiT