Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Nr. 48 Das Jüdische Echo einer deutschen Bevölkerung von 90 Millionen gegeniiberstehen werden. Das einzige Mittel, dieser Übermacht zu widerstehen, liegt in der Schaffung des mitteleuropäischen Block, der aus Deutschland, Österreich-Ungarn, den Balkanländern und Polen bestehen und mit der Türkei verbunden sein muß. Die Verbindung mit der Türkei ist von höchster Wichtigkeit, da die türkischen Provinzen künftig Mitteleuropa mit ihrem reichen Schatz an Rohstoffen versorgen und von einer Abschneidung vom Weltverkehr, wie wir sie heute durch die englische Blockade haben, behüten müssen. Um diese Verbindung Mitteleuropas mit dem Orient zu bewahren, ist die Angliederung eines starken Polen an den mitteleuropäischen Block von höchster Wichtigkeit: denn dieses Polen muß dazu dienen, Rußland, das bei seiner rapide wachsenden Bevölkerung und Produktionsmenge einen Ausweg nach dem Meere, und zwar über das Schwarze Meer durch die Dardanellen nach dem Mittelmeer sucht, so weit zu schwächen und nach dem Osten zu drängen, daß es unfähig wird, sich den Zugang zum Bosporus zu erkämpfen. „Rußland nimmt jährlich um 3 Millionen Menschen zu, darum muß Polen zu Mitteleuropa gehören.“ Deutschland muß sich nun angewöhnen, in der Polenpolitik einen ganz neuen Kurs einzuschlagen; es muß es den Polen erwünscht machen, zu Mitteleuropa zu gehören, da sonst jederzeit die Qefahr besteht, daß Rußland sie auf ihre Seite zu locken versucht, indem es ihnen ein polnisches Reich zusichert, dem auch Westpreußen, Posen und Galizien angehören. Daß es für Deutschland und Österreich undenkbar ist, diese Gebiete an Polen abzutreten und damit seine Grenzen nach dem Osten hin noch viel ungünstiger zu gestalten, ist selbstverständlich. Polen muß einsehen lernen, daß es einen Teil seiner Untertanen in den beiden angrenzenden mitteleuropäischen Staaten lassen muß, wie Deutschland 1866 zu Gunsten Österreichs auf eine große Zahl seiner Untertanen verzichten mußte. Es muß einsehen lernen, daß es durch ein starkes Mitteleuropa für diesen Verzicht entschädigt werden kann: indem ihm die Möglichkeit gegeben wird, sich nach dem Osten hin, nämlich nach Weißrußland auszubreiten. Die Ausdehnung des polnischen Reiches nach Weißrußland zu dürfte umso leichter möglich sein, als die Weißrussen sich dem iPolentum ver/wandt fühlen. Außerdem müssen die übrigen Gebiete, die zwischen den wolhynischen Sümpfen und dem Baltischen Meere liegen: Litauen, Esthland, Livland usw. in das mitteleuropäische Gebiet hineinbezogen werden. (Auf ein näheres Eingehen auf die ukrainische Frage verzichtete Dr. Rohrbach, obwohl seine Zuhörer äußerst gespannt waren, über die künftigen Beziehungen Polens zu den Ukrainern und die Art, wie die Ausdehnung Polens nach dem Osten zu sich vollziehen soll, näheres zu hören.) Der beste Weg, Polen seine Zugehörigkeit zu Mitteleuropa erwünscht zu machen, ist, daß man sein starkes Nationalgefühl respektiert und ihm volle nationale Freiheit läßt; es muß sich sagen, daß ihm Rußland zwar ein nach Westen ausgedehntes Gebiet geben könnte, ihm aber niemals die volle Freiheit gewähren würde, die es durch seinen Anschluß an Mitteleuropa erhält. Ein zweites Erfordernis für die Neuorientierung in Deutschlands Polenpolitik ist, daß ein Keil zwischen Rußland und Polen geschoben wird; dieses Ziel wird erreicht eben indem man die Polen lehrt, ihre Blicke nach Weißrußland zu richten. Dadurch muß sich ein starker Gegensatz zwischen den polnischen und den russischen Interessen ergeben. „Wir müssen es den Polen in Mitteleuropa innerlich angenehm machen, indem wir in Deutschland und Österreich eine verständnisvolle, humane und das nationale Recht der Polen anerkennende Politik machen, indem wir das neue Königreich so frei und selbständig wie möglich machen und durch Angliederung weißrussischer Gebiete dem Reiche eine Ausdehnung nach Osten geben.“ Betrachtungen zu Paul Rohrbachs Vortrag. Als Paul Rohrbach seinen „deutschen Gedanken in der Welt“ in die Öffentlichkeit sandte, da war er davon durchdrungen, daß das deutsche Volk hohe sittliche Aufgaben zu erfüllen berufen ist. Als er im Winter 1915 im Saale des Berliner Abgeordnetenhauses seinen Vortrag über Deutschlands Orientpolitik hielt, da vertrat er den Standpunkt, daß man bei der Erschließung der asiatischen Türkei dem verbannten und bedrückten jüdischen Volke Gelegenheit geben sollte, sich zum Segen Deutschlands und der Türkei zu betätigen und sich dabei selbst eine Heimstätte zu schaffen. In diesem Gedankengang lag wieder eine enge Verknüpfung realpolitischer und ethischer Momente. Als derselbe weitschauende Politiker am Montag Abend in München über ..Polen und Mitteleuropa“ sprach, da stellte er sich auf den Standpunkt unbedingter Realpolitik (trotz eines kleinen Hinweises darauf, daß es auch vom moralischen Standpunkt aus zu begrüßen sei, wenn die Polen nach langer Unterdrückung endlich die Freiheit erhielten) und wies ganz Mitteleuropa eine einzige Aufgabe zu: nämlich sich bezw. Deutschland politisch, militärisch und wirtschaftlich in Zukunft gegen Deutschlands Feinde zu behaupten. Nicht um irgendeinen „Gedanken in der Welt“ durchzusetzen, sondern lediglich um einem starken Feinde einen stärkeren Widerstand entgegenstellen zu können. Sicherlich ist der Krieg die Ursache dieser Entwicklung eines Politikers von einem idealen zu einem rein praktischen Standpunkt. Noch vor wenigen Jahren hätte Paul Rohrbach, gewiß Wert darauf gelegt, daß Deutschland sich Genossen wähle, die in erster Linie den deutschen Gedanken zu erfassen und zu fördern geeignet sind, er hätte wohl geprüft, wie weit dies bei den einzelnen Gliedern des geplanten mitteleuropäischen Blocks der Fall ist, hätte erwogen, auf welche Weise man den deutschen Geist vor allem auf die Bundesgenossen Deutschlands wirken lassen könne. Heute ist von solchen Erwägungen keine Rede mehr, heute rechnet ein Politiker von so hervorragender Bedeutung wie Rohrbach es ist, nur noch mit einer Zukunft, bei der es darauf ankommt, wer die stärksten Fäuste und die zuverlässigste Vorratskammer hat. Hätte Rohrbach vor einigen Jahren an ein Bündnis der Mittelmächte mit einem Königreich Polen denken können, so hätte er bestimmt nicht vergessen zu erwähnen, daß das polnische Volk sich seinen nationalen Fanatismus, seine nationale Unduldsamkeit gegen die andersnationalen Minoritäten im Lande abgewöhnen müsse, um ein