Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Das Jüdische Echo Nr. 48 verdanken. In Vielen ist aufs neue die Erkenntnis erwacht, daß eine Lehre, für deren Erhaltung: seit Jahrtausenden die furchtbarsten Opfer an Out, Blut und Glück gebracht worden sind, die — trotz der größten Anfeindungen ihrer Bekenner — viele Völker und Kultursysteme überlebt hat, wohl einen so großen und gewaltigen Kern haben müsse, daß seine Bewahrung die gebrachten Opfer rechtfertigt. Aber neben denen, die sich durch Verfolgungen und Zurücksetzungen nur immer enger an das Judentum anschließen, gibt es immer solche, die das bedrohte Schiff in der Stunde der Not verlassen und sich dorthin wenden, wo das Leben angenehmer und bequemer ist. Ich habe im Laufe einer einzigen Woche drei Mal von Angehörigen angesehener Münch'ener Familien gehört, daß die K o n f e s s i o n s s t a t i - stik sie zu dem Entschluß gebracht habe, ihre Kinder taufen zu lassen. „Wozu sollen unsere Söhne so vielen Widerwärtigkeiten ausgesetzt sein? Sollen sie Kraft und Blut dahingeben, um schließlich doch nur gedemütigt und verdächtigt zu werden?“ Wenn die Söhne derselben Leute vor einem Schulkameraden, der sie beschimpft, die Flucht ergreifen wollten, so wären die Herren Eltern gewiß recht beschämt über die Feigheit ihrer Sprößlinge. Aber eigentlich zeugt ihre Aufnahme der sich ergebenden Schwierigkeiten von genau der gleichen Psychologie, die, der fortlaufende Schulbube besitzt. Es ist in der letzten Zeit so viel von Drückebergerei die Rede gewesen. Gibt es kläglichere Drückeberger als die, welche sich von der Verpflichtungen, die den Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft obliegen, einfach drücken? Gibt es eine kläglichere Erziehungsweise als die, welche dem heranwachsenden Kinde einfach alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumt, es lehrt, sich zu drücken und zu ducken, anstatt sich zur Wehr zu setzen? Was müssen das für Menschen werden, die man mit dem Motto erzieht: wenn die Sache schwierig wird, dann lauft ihr einfach weg! Es ist schade, daß man sich mit solchen Fällen überhaupt befassen muß. Unsere jüdische Gemeinschaft sollte stark genug sein, um den Verlust von Personen, in denen das Gemeinschafts¬ und Verantwortlichkeitsgefühl so verblaßt ist, daß sie ihre Pflichten gegen das Judentum gar nicht mehr erkennen, ruhig ertragen zu können. Aber erstens beweisen die Zahlen, die über die Austritte aus dem Judentum in Bayern während der letzten Jahre Aufschluß geben, daß das Taufübel schon beginnt, an der Wurzel des bayerischen Judentums zu fressen. Und dann handelt es sich hier nicht um die Bestimmung erwachsener Personen über sich selbst, sondern um die Bestimmung anderer über das Schicksal u n m ii n d i - Cognac Macholl München den beeten französiaohen Marken ebenbürtig - überall erhältlloh. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Küaigshof) ger Kinder. Wer aber in den letzten Jahren beobachtet hat, wieviele junge Leute, deren Familien dem Judentum schon entfremdet waren, den Weg zum Judentum zurückgefunden und sich ihm aus eigener Wahl neu verbunden haben, der wird es als eine Forderung von höchster Wichtigkeit betrachten, daß man den wahren jüdischen Drückebergern immer wieder zuruft: Ihr habt kein Recht, euren Kindern den Weg zum Judentum zu verstellen! daß man sie immer wieder aufs neue fragt: Was gebt ihr euren Kindern als Ersatz für das Judentum, das ihr ihnen raubt? In dieser Frage scheint mir der Kernpunkt des ganzen jüdischen Taufproblems zu Liegen. Jüdische Eltern berauben ihre Kinder des Zusammenhangs mit dem Judentum und geben ihnen dafür — was? eine andere Religion oder Ethik? Niemand glaubt das. Sie nehmen und geben nichts dafür, kein geistiges Gut, keine neue Sittenlehre, keinen religiösen und ethischen Besitz; mit einigen allgemein-menschlich-ethischen Phrasen und einem krampfhaften Streben nach völliger Assimilation an die Nationaleigentümlichkeiten der Anderen lassen sie ihre Kinder ins Leben hinausgehen. Aber die so leichtsinnig ihre Kinder zu Drückebergern machen, haben eben häufig nicht einmal eine Ahnung davon, was sie den Kindern nahmen, als sie ihnen die Zugehörigkeit zum Judentum raubten. Denn sie haben kaum jemals darüber nachgedacht, was eigentlich das Jutentum ist, worin sein Werk beruht. Sie betrachten es als ein Uglück mit dem man geboren wird wie mit der ererbten Tuberkulose. Worin der Kern, die Bedeutung, die Aufgabe dieses Judentums und seiner Bekenner im Leben der Menschheit besteht, darüber haben sie sich niemals den Kopf zerbrochen. An dieser Ahnungslosigkeit gegenüber dem Judentum aber sind nicht nur die Einzelnen, an ihr ist zu einem großen Teile die jüdische Gemeinde schuld, die es vielerorts nicht der Mühe wert hält, durch ausreichenden Religionsunterricht, durch Weiterbildung der schulentlassenen Jugend, durch Zusammenfassung der auseinanderfallenden Glieder den Körper der Gemeinschaft zu erhalten und das Wissen um das Wesen des Judentums vor dem Verfall zu schützen. Hier ist der Punkt, wo der Kampf gegen das Taufübel, das bei jeder judenfeindlichen Maßnahme akut wird, einsetzen sollte. Wenn Erscheinungen wie die Zählung jüdischer Drückeberger im Staate das Resultat zeitigen, daß die Schar der Drückeberger vom Judentum beängstigend wächst, so ist hiefiir nicht zum wenigsten die Gleichgültigkeit der Gemeinden gegen ihren eigenen Fortbestand, so ist bestimmt die geringe Verbreitung jüdischer Kenntnisse dafür verantwortlich zu machen. H. H. C. Die neue OrganisationS"Ordnung für die Juden Polens. Am 1. November 1916 hat der deutsche Generalgouverneur v. Beseler für das seiner Verwaltung unterstellte Gebiet des ehemaligen Russisch- Polen eine „Verordnung die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau betr.“ erlassen, deren Text wir in den beiden letzten Nummern unseren Lesern zur Kenntnis gebracht haben.