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Das jüdische Echo · 1916-12-01 · 48 (1.12.1916) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, wm/immm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 48 München / 3. Jahrgang 1. Dezember 1916 Die wahren jüdischen Drücke* berger. Daß einige hochgestellte und maßgebende Persönlichkeiten erklären, daß sie in der Konfessionsstatistik keinen Ausdruck des Mißtrauens gegen die Juden sehen und daß ihnen persönlich ein jüdischer Drückeberger nicht unangenehmer ist als ein christlicher, ändert wenig an der Wirkung dieser unglücklichen Maßnahme auf das breite Publikum. Das Publikum, das bisher keineswegs daran gewöhnt worden ist, die Juden als die Schoßkinder der Regierungskreise anzusehen, kann nicht glauben, daß das Kriegsministerium die Statistik nur angeordnet habe, um die Welt von der Tapferkeit und Staatstreue der Juden zu überzeugen; wie sollte es auch glauben, daß die Regierung, die doch wahrhaftig noch andere Sorgen hat, aus purer Menschenliebe bezw. Judenfreundschaft — nur um die Verleumdeten zu rechtfertigen — gerade jetzt Zeit, Mühe und Arbeitskraft auf diese Judenzählung verwendet? umsomehr wenn das Publikum sich klarmacht, daß diese gleiche Regierung es anscheinend ruhig geschehen läßt, daß gleichzeitig zwei Millionen Juden ihren furchtbarsten, erbarmungslosesten Feinden, den Polen, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden, ohne daß man ihnen irgendeine ausreichende Waffe in die Hand gibt, um sich gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte in den polnischen Parlamenten des Landes zu wehren. Und wenn wirklich das Publikum geneigt sein sollte, in der Judenzählung einen besonderen Gnadenakt der Regierung zu sehen, so sorgen gewisse Blätter schon dafür, ihm diesen Glauben zu zerstören, indem sie ihm ebenso pikante wie verlogene Einzelheiten auftischen, die sich bei der Statistik ergeben haben sollen. Und wenn auch einige anständige Zeitungen (bezeichnenderweise nur solche liberaler Tendenz) einwandsfrei feststellen, daß die antisemitischen Angaben glattweg erlogen sind, so haben doch die Giftausstreuer nach dem Rezept: „Von einer Verleumdung bleibt immer etwas hängen!“ die gewünschte Wirkung erzielt. Vor allem aber mögen noch so beschwichtigende Worte die Juden selbst nicht davon zu überzeugen, daß die Statistik etwas anderes als ein Mißtrauensvotum ist. Wie auch immer sie begründet wird, welche Resultate sie auch ergeben mag — die Juden, die noch nie die Erfahrung gemacht haben, daß die deutsche Regierung sich zum Anwalt jüdischer Verdienste gemacht hätte, müssen die Überzeugung gewinnen, daß alle ihre Opfer an Gesundheit und Leben umsonst gewesen, daß sie nun und immerdar dem Staate als „verdächtig“ gelten. Es ist merkwürdig zu beobachten, welche Wirkungen diese neue Bestätigung einer alten Überzeugung auf die Juden selbst ausübt. Einmal in ihrem Verhältnis zum Heeresdienst. Wir haben Briefe von Leuten erhalten, die vom ersten Kriegsmonat ab im Felde stehen, die teilweise als Freiwillige hinausgezogen sind, teilweise unter tausend Fährnissen aus dem Auslande nach Deutschland geeilt sind, um sich zu stellen, und die nun schreiben, daß ihnen der Heeresdienst durch die Statistik bis zum Überdruß verleidet sei. Wir haben Leute gesprochen, die sich trotz irgendeines schweren Körperschadens neuerdings ins Feld gemeldet haben, weil sie sich bewußt sind,4 daß der Jude bis zur völligen Selbstaufopferung gehen muß, um der jüdischen Gemeinschaft wenigstens das gleiche Ansehen zu erringen, das andere Gemeinschaften genießen. Wir haben freilich — und verständlicher Weise — auch Stimmen gehört, die da sagten: Wozu sollen wir immer weit über das Maß unserer Kräfte hinaus Opfer bringen, wenn doch alles vergeblich ist? So verschieden die Judenzählung auf das Verhältnis der Einzelnen zum deutschen Vaterlande wirkt, so verschiedenartig wirkt sie auch auf ihr Verhältnis zum Judentum. Es ist eine in der Geschichte des Volkes sich ständig wiederholende Erscheinung, daß je größer der Druck von außen, die Verfolgung, die gesellschaftlichen Vorurteile werden, die Glieder der jüdischen Gemeinschaft sich umso fester aneinander schließen. Der Gemeinschaft, in der man Freude und Glück erlebt hat, fühlt man sich verbunden — noch inniger verbunden fühlt man sich derjenigen, um deretwillen man gelitten, für die man Opfer gebracht hat. Soldaten, die draußen im Zusammenleben mit den Kameraden ihres Judentums schon fast vergessen hatten, junge Juden, die sich schon ganz und gar als deutsche Offizere gefühlt, haben plötzlich eine ernste Mahnung erhalten an den Stamm, dem sie entsprungen, an die Sonderstellung, die sie innerhalb des deutschen Volkes einnehmen. Manche haben den Denkzettel unwillig und beschämt entgegengenommen. Andere — und das ist vielleicht der einzige segensreiche Erfolg der unglückseligen Maßnahme — haben sich wieder zu fragen begonnen, welche Werte ihnen das Judentum, dem sie nun einmal angehören, bietet, haben einzusehen oder doch zu ahnen begonnen, daß, wie sehr sie sich auch der Kultur der anderen Völker genähert haben, sie doch die höchsten Werte ihres Wesens und Lebens dem Judentum

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