Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 445 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9138069--01138-9073964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 47 Das Jüdische Echo 445 als je mit ernsten Dingen beschäftigt, gerade in der schweren Zeit, da das jüdische Volk eine furchtbare Krisis durchmacht, erscheint es geboten, die Kräfte unserer jungen Leute zu sammeln, auszubilden und sie auf die ihrer harrenden schweren Aufgaben vorzubereiten. I. Die Tätigkeit des jüdischen Lese- und Diskussionsklub Gunzenhausen. Von Joseph W o 1 f f. Gunzenhausen hatte mit ungefähr 300 jüdischen Seelen vor dem Kriege genau so seinen Vergnügungsverein wie andere Gemeinden. Da kam aber der Krieg und verscheuchte das Vergnügen, doch konnte er dem Gemeinschaftstrieb, den Willen zum jüdischen Vereine nicht aufheben. Der Verein, hauptsächlich die Jugend in ihm, griff zu einem anderen Leben erhaltenden Mittel: zur Belehrung, zum geistigen Genüsse. Wir haben nun seit 1915 mit den einfachsten Mitteln so viel Gutes und Schönes dabei erreicht, daß ich mich ermuntert, ja verpflichtet fühle, anderen Gemeinden, in welchen die Jugend nach geistiger Nahrung in größerem Kreise dürstet, das Rezept zu verraten. Dabei folge ich dem Programme des Winters 1015/16, das ich der Reihe nach folgen lasse: 1. Theodor Körner und seine Freiheitslieder. 2. Kriegsgedichte aus dem ersten Kriegsjahre der deutschen Literatur. 3. Hugo Zuckermann und seine Dichtungen. 4. Der ostjüdische Dichter Perez und seine Werke. 5. Chanukahfestsitzung. 6. Vorlesungen aus den Werken deutscher und jüdischer Schriftsteller nach persönlicher Wahl. 7. Novellen von Schalom Asch und Jehuda Perez, sowie Rezitationen des Herrn Moses Gutmann aus seinen eigenen Dichtungen. 8. Diskussion über die Ostjudenfrage mit einleitendem Referat über die Lage der russischen Juden vor dem Kriege. 9. Lesen von Goethes „Iphigenie in Tauris“ mit verteilten Rollen. — Der aufmerksame Leser wird im ersten Teile des Programmes, das mit bestem Erfolge und zur Zufriedenheit der Teilnehmer durchgeführt wurde, eine Entwicklung konstatieren. Es ist in ihm die Idee verkörpert, von Bekanntem zum Unbekannten hinüberzuleiten, der bewußte Jude wird aber auch herausfühlen, daß alle Punkte vor 5 zur Idee des Chanukah, des national-religiösen Licht- festes, hinführen. Im ersten Thema liegt die hohe Geburtsstunde eines feurigen Nationalgedankens, des deutschen, einer reiner aktiven Begeisterung für die höchsten Ideale eines Volkes, des deutschen. Wir hören den Vater Körner sprechen: „die reine Begeisterung entzündet sich nur in einem glücklichen Volke, das fremde Gewalt nicht fürchtet und nichts Fremdes begehrt“ und finden anregende Vergleiche zur Lage des jüdischen Volkes. Nachdem ein Mitglied des Vereines einen kurzen Überblick über das Leben des Freiheitskämpfers gegeben hat, treten wir in die Halle seiner Freiheitsgesänge selbst ein. Diese sind einige Tage vorher an verschiedene Teilnehmer zum Vorlesen gegeben worden und werden nun mit Schwung und innerem Verständnis leicht nach dem Buche vorgetragen. Dabei streut der Vorsitzende am Anfang und Ende der Dichtungen Bemerkungen über Wesen und Entstehen der einzelnen Gesänge ein. Zuletzt hat man ein klares Bild über die Bedeutung Körners innerhalb der Freiheitsbewegung von 1813, zumal ein Mitglied der Runde die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1812—1814 noch kurz am Anfang des Abends verlesen und charakterisiert hatte. Wir kannten nun geradezu die Werdestunde des deutschen Patriotismus und konnten am zweiten Abend ein starkes Wiedererwachen im August 1914 umso eindringlicher beurteilen. Dort Begeisterung für ein Werden, hier für ein Erhaltenbleiben! Gedichte von Lang-Heinrich aus der „Jugend“, von Presber, Ostini, Dehmel u. a. waren vorher verteilt worden und wurden nun nach einleitendem Referat über die literarischen Erscheinungen des Weltkrieges von einzelnen Mitgliedern vorgetragen. Das „Reiterlied“ Zuckermanns führte zum 3. Abend hinüber. An der Hand des bei Löwit (Wien) erschienenen Gedenkblattes wurde Zuckermann der Jugend bekannt gegeben und nach Gedichten des gleichen Verlages in lebendiger Wirkung gewürdigt. Wie freuten wir uns, in dem Dichter Körnersche Charakterzüge entdeckt zu haben und wie blutete unser Herz, ihn früh als unseren Makkabäer sterben zu sehen. Blutige Wirklichkeit und (die Unberührtheit seiner jungen letoenswarmen Dichtung vereinigten sich in uns zum unauslöschlichen starken Erlebnis. Die wertvollen Urteile Martin Bubers in seinem Vorwort zu der Zuckermannschen Übersetzung des Perez’schen Werkes „Die Nacht auf dem alten Markte“ machten mit Zuckermann und Perez zugleich bekannt und spannen die Fäden zum nächsten Abend- Perez kam in einigen seiner Meisterschilderungen zu Wort. Wir waren im Zentrum der ostjüdischen Dichter angelangt und bekamen einen lebenden Hauch neuerwachter jüdischer Dichtung zu verspüren. Wir waren beglückt, daß uns der Himmel neues Leben auf jüdischem Parnasse geschenkt hatte und fühlten uns hochgestimmt zum Empfang des Chanukahfestes. In Form einer Festsitzung — auf dem Tische sprachen zart und sinnig die Lichtlein zu uns — feierten wir gemeinsam das uralte Fest. Zuerst bracht einer nach dem Geschichtswerk von Bäck die historischen Grundlagen des Festes uns nahe. Es folgten gesprochene Im Dezember erscheint: Dos jüdische Prag Eine Sammelschrift Herausgegeben von der Redaktion der „Selbstwehr*, Unabhängige jüdische Wochenschrift in Prag II., Tuchmachergasse 34. Inn ÜPm Inhalt• Das Prob,em des jüdischen nliu Uulll lillidll. Prag. — Ethik und Gemeinschaft. — Lyrische Anthologie.— Epische Kunst. — Ueber Prager Künstler. — Aus der Geschichte des jüdischen Prag. — Die Ostjuden ln Prag usw. Mitarbeiter u. a.: Hermann Bahr, Max Brod, Mart. Buber, Frz. Kafka, Else Lasker-SchUler, Alfons Paquet, Hugo Soius, Franz Werfel. Illustrationen nach Werken von : Eugen v. Kahler, Max Horb, Friedrich Feigl, Max Oppenheimer, Georg Jilovsky, — Professor L. Saloun, Hermann Struck. — Zahlreiche Prager Ansichten, Abbildungen jüdischer Sehenswürdigkeiten und Graphik. — Umschlagbild von Hermann Struck. Preis M. 2.—, K. 2.80.