Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-11-17 · 46 (17.11.1916) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
46 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138067--01123-9073949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 46 Das Jüdische Echo 431 rufen leben Männer und Frauen, die sich dem neuen Zeitalter nicht im Trauergewand nahen, sondern einen Glauben haben an die Vernunft, sobald nur die Menschen vernünftig sein und handeln wollen. Diese Menschen, die sich nicht bange machen lassen, weder vor ausländischer Konkurrenz noch vor neuen Arbeitsmethoden, weder vor Kartellen noch vor Gewerkschaften, diese sind es, die den besten Bestandteil der Nation ausmachen, weil sie nichts anderes wollen, als der immer vorwärtsschreitenden Geschichte selbst mit ihrem kleinen Können dienen. Es sind die Menschen, deren Seelen leuchten, weil sie die Welt um sich herum neu werden sehen. Zwischen ihnen allen besteht eine Harmonie des Wollens an sich, selbst wenn sie sich um ihrer Programme willen zeitweilig zu zerreißen drohen . . .“ Die Not der Stunde ruft alle Juden Bayerns zu gemeinsamem Handeln — man zeige uns die neuen Programme! Wir Jungen warten auf sie! Die Judenfrage im Warschauer Stadtraf. Am 31. Oktober wurde im Warschauer Stadtrat die Budgetfrage erörtert. Als erster Redner trat der jüdische Abgeordnete Herr Farbstein im Namen der zionistischen Gruppe auf: „Es fällt uns schwer, die Budgetfrage zu behandeln, ohne die Judenfrage im allgemeinen zu berühren. Zum ersten Male reden die Juden zu den Vertretern des polnischen Volkes Angesicht zu Angesicht. Die falschen Vorurteile den Juden gegenüber müssen endlich einmal abgeschafft werden, die Juden müssen Gleichberechtigung mit allen anderen Bürgern des Landes bekommen. Wir Zionisten glauben nicht, daß das Schicksal des jüdischen Volkes hierzulande gänzlich gelöst werden kann, das kann unserer Meinung nach nur dort geschehen, wo die Wiege des jüdischen Volkes gestanden, in Palästina. Als Anhänger der Idee eines unabhängigen Staates verstehen die Zionisten wohl die Wünsche des polnischen Volkes, aber der gesunde Verstand zwingt uns, auf die Vergangenheit des jüdischen Volkes Rückschau zu halten, um uns zu überzeugen, daß die Juden als Volk existieren und keineswegs gesinnt sind, sich zu assimilieren, trotz aller Leiden, Verbannung, Verfolgungen und Auto-da-fe’s. Hätte das polnische Volk das eingesehen, würde es sich zu den Juden anders verhalten. Wir treten hier auf mit der Überzeugung, daß das polnische Volk uns anhören und die Gleichberechtigung mit allen Bürgern erteilen wird. Diese Überzeugung haben wir durch den Mund des Vorsitzenden auf der ersten Sitzung des Stadtrates ausgesprochen und ich will es hier nochmals betonen, weil wir wissen, daß unsere Ansprüche durch sie allein und nicht durch Einmischung dritter Personen erledigt werden müssen. Wir glauben auch, daß Hand in Hand mit der Verwirklichung der Wünsche des polnischen Volkes, seine Beziehungen zu den Juden sich ändern werden. Es ist sehr zu bedauern, daß den Juden gegenüber Unrecht begangen wird, gerade von einem Volk, das selbst so viel gelitten und an der Schwelle der Befreiung steht, und gerade von solchen Menschen, die als Vertreter des Volkes Brüderlichkeit und Liebe hätten säen sollen. Wir gingen in den Stadtrat, um gemeinsam mit den Polen friedlich zu arbeiten, aber welche Enttäuschung haben wir erlebt. Der Magistrat, als die höchste Institution des Landes, geht zusammen ( mit der antisemitischen Gesellschaft „Roswoi“ im Kampfe gegen die Juden. Der Magistrat beschäftigt über 500 Angestellte, darunter sind aber nur so viel Juden, daß man sie an den Fingern abzählen kann und dabei würden noch drei Finger übrig bleiben. Als die Juden sich an den Magistrat um eine Erhöhung des Zuschusses für Armenunterstützung von 50 auf 80 000 Rubel wandte, wurde ihr Gesuch abgewiesen, während er für die christliche Bevölkerung eine halbe Million Rubel bewilligte. Die Folge hiervon ist, daß Hunderte jüdischer Familien Hunger und Not leiden. Und dann die Ausscheidung der Juden aus dem Handel in „Naschtinni Dwor“ durch den Magistrat, ist das nicht der erste Rückschritt in die Zeiten des Mittelalters? Es ist danach kein Wunder, daß man in gewissen polnischen Kreisen schon an die Absonderung der jüdischen Kinder von den polnischen in den Volksschulen denkt. Aus diesen Gründen fühlt sich die zionistische Gruppe im Stadtrat zu der Erklärung gezwungen, daß sie gegen das Budget stimmen wird. Der zweite jüdische Redner, Rechtsanwalt Pri- 1 u t z k i, sprach im Namen der jüdischen Volksgruppe und kritisierte scharf die ungeheueren Ausschreitungen der polnischen Stadtmiliz den Juden gegenüber; daß u. a. den Juden nicht erlaubt wurde, ihre Laubhütten auf den Baikonen aufzurichten, was auch von der russischen Polizei niemals beanstandet wurde. Daß das Publikum des jüdischen Theaters Kaminski, wegen einer Abrechnung des Magistrats mit dem Theaterdirektor, von der polnischen Miliz vertrieben wurde. Ferner wies Prilutzki auf die Ungerechtigkeit des Magistrats hin, der die jüdischen Händler zwingt, doppelt so viele Tage die Geschäfte geschlossen zu halten, als die polnischen Händler. Der dritte jüdische Redner, H. Hirschhorn, kritisierte u. a. die Forderung des Magistrats von 950 051 Rubel für Personalausgaben, die doppelt so hoch ist, als die früheren Ausgaben der russischen Polizei und wies darauf hin, daß nach wie vor der Kommissar mehr Macht besitzt als das Gesetz. Der vierte jüdische Redner, Natansohn, erklärte im Namen der Assimilatoren, daß sie sich nicht zu der jüdischen Nation, sondern zum jüdischen Glauben bekennen, daß sie sich als Polen fühlen und in allen nationalen Fragen mit den Polen sich eins wissen. Um aber die graue jüdische Masse den Polen näher zu bringen, müssen alle ungesetzlichen Begrenzungen abgeschafft und eine elementare Schule mit echt polnischem Geist für alle Bürger eingeführt werden. Nur auf diese B. Müllers Musikinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineeke, Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirekior Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel. Cello usw.) u theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an aulgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.