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Das jüdische Echo · 1916-11-17 · 46 (17.11.1916) · p. Seite 430

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
46 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 Das Jüdische Echo Nr. 46 Nicht die Höhe des Einkommens und die ausgezeichnete Stellung im Beruf disponieren zur Führung im jüdischen Leben. Die politisch interessierten Juden, welche ohne weiteres begreifen, daß z. B. zur Diplomatenlaufbahn nicht nur Hochadelige oder Abkömmlinge der Schwerindustrie gelangen sollen, zeigen ein merkwürdiges Unvermögen, wenn sie die Gemeindeverwaltung, die nicht nur „Repräsentanz“ sein soll, für Cliquen, Würdenträger oder Geldmagnaten reservieren wollen. Die am stärksten gegen die ungerechte Ausschließung der Juden in Deutschland sind, vergewaltigen am ungeniertesten im jüdischen Lager Orthodoxe und Zionisten. Mit Recht verlangen sie, daß die kaiserliche Kabinettsordre vom August 1914, die eine Erneuerung der preußischen und deutschen Verwaltungsmaxime voraussieht, nicht auf die Zeit des Völkerringens beschränkt bleiben soll, aber sie beziehen diese Neuerung nicht auf die Verhältnisse in unserem eigenen Lager. Wir wollen hier, wenn wir auch nicht wissen, ob unsere Betrachtungen irgend einen Erfolg, oder etwas wie eine Selbstbesinnung in den verantwortlichen Kreisen der Daheimgebliebenen auslösen werden, das alles festlegen, damit historische Zeitdokumente späterer) Geschlechter den mangelnden Willen, die geringe Fähigkeit unserer Großen in Israel bezeugen, irgendeine Regung zeitgemäßen Verständnisses laut werden zu lassen. Als ich vor sechs Jahren eine volkswirtschaftliche Studie über die deutschen Juden der Öffentlichkeit übergab, schrieb mir eine bekannte jüdische Persönlichkeit Bayerns, die sich über das Maß ihres Amtes hinaus, durch Anteilnahme an dem Geschick unserer Gemeinschaft ausgezeichnet und heute wohl in aller Welt als der geschätzteste Vertreter der Juden im Lande der Wittelsbacher gilt: „Die Symptome haben Sie wohL erkannt — die Zukunft ihrer Voraussetzungen wird Ihnen aber Unrecht geben . . .“ In Bayern machen sich die Zersetzungsmomente im Judentum ganz besonders geltend. Für Bayern liegen dementsprechend die Voraussetzungen^ am. stärksten vor. Wo sind aber die großzügigen Abwehrmaßregeln, welche unsere Zukunft sichern sollen? „Qui tacet, consentire videtur“. Aber bei uns gilt das Motto: „Lassen Sie mir meine kgl. bayerische Ruhe . . .“ „Discite moniti“. Nur uns gilt anscheinend der Satz, daß wir aus der Erfahrung keine Schlüsse zu ziehen brauchen. Der Weltkrieg rauscht an unseren bayerischen Juden vorbei, ohne einen wirklichen Nachhall f;u binterlassen. Der alte Schlendrian geht weiter. Es wachsen hunderte jüdischer Kinder ohne wirkliche Kenntnis der jüdishen Ethik und des Schrifttums auf (ja sogar unfähig die einfachsten Vorgänge und Voraussetzungen des jüdischen Kultus zu kennen und zu verstehen, wobei wohlgemerkt die bayerische Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Judenheit stets Wert darauf legt, als Religionsgemeinschaft und nur als solche betrachtet zu werden); die draußen sich vollziehende Verinnerlichung und Erneuerung zeitigt bei uns keine neuen Ansätze, und die notwendige jüdische Wohlfahrt für die schreckliche Judennot beschränkt sich auf ein Minimum, von dem besser nicht gesprochen würde. Als im Jahre 1494 die Katastrophe über eine halbe Million spanischer Juden hereinbrach, rafften sich zahllose Gemeinden auf, den armen Vertriebenen zu helfen. Heute, wo nachweislich Millionen russischer Juden ruiniert, vertrieben, hungernd und sterbend auf den Landstraßen liegen, wo Hunderttausende von Juden in Osteuropa pogromartig gemartert werden, ist das Eintreten der bayerischen Juden hiefür weder geschlossen noch individuell irgend befriedigend. Man darf es nicht laut sagen, denn man würde den Nichtjuden ein Recht geben, an unserer Menschlichkeit zu zweifeln. Während in Deutschland 50 Milliarden bereit gestellt waren, die Art zu erhalten, während Hunderttausende auf den Schlachtfeldern verbluten, ist die Aktion der europäischen Juden auf ein Maß gegenüber all dem Elend, gegenüber all den jüdischen Katastrophen gesunken, daß spätere Zeiten nicht Worte genug finden werden, unser Andenken zu verwünschen. Einzig und allein die amerikanischen Juden, die kaum erst in freier Luft atmen, in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung noch Fuß fassend, haben über die nächsten Grenzen hinauszusehen verstanden. Wie soll die Überleitung der Ostjuden zur Friedenswirtschaft geschehen, welche Mittel stellt die bayerische Judenheit den Bedrängten zur Verfügung? 60 000 Juden, zum Teil in günstiger ökonomischer Lage, haben bisher nur ein dürftiges Almosen gereicht. Die Katastrophe, von der die Zionisten seit 15 Jahren sprechen, ist eingetreten. Auf jüdischen Schlachtfeldern wütet der Krieg, die Mehrzahl unseres Volkes ist heimatlos geworden, die ganze Tragik, daß der Jude an Land und Volk aufgeteilt werden soll, daß seine Gerechtsame der Willkür oder der guten Laune fremder Diplomaten anvertraut werden, bricht über uns herein. Und unser Volk steht verständnislos, hartherzig und unjüdisch gegenüber all dem Grauen da. Wie es im Felde Menschen gibt, die ohne jedes menschliche Regen den Tod des Kameraden von gestern ertragen, wie auf viele das unsagbare, ständig sich steigernde Drama des Augenblickes in dem Gefühlsleben nicht aufreizend, sondern nur abstumpfend wirkt, so daß die Welt der Empfindungen quasi mit einer Norm von Tatsachen rechnet, so steigert sich in der breiten Auffassung der jüdischen Massen bei uns zu Hause nicht das Mitgefühl, sondern erstarrt zu äußerlicher Mechanik. Nur die Gabe eines Bettlerpfennigs ist das tatsächliche Resultat, die Reakttion auf alle Eindrücke. Was sie vom jüdischen Leid gesehen haben, war ein Nervenkitzel, eine spannende Lektüre, ein Roman oder eine Tragödie, die sie einen Augenblick fesselte, als sie von ihr hörten. Aber sie hat sie nicht ins Herz getroffen. Wie eine Kinoaufnahme zog sie an ihrem Gesicht vorbei .... Versteht man, daß wir Jungen darauf warten, daß man auch an „unser Tor mit weit vernehmbaren Hammerschlägen neue Thesen schlagen wird“ (Rudolf Sohm), bis auch für uns das Wort Naumanns: mutatis mutandis, in Erfüllung geht. „Es gibt ein neues Volk, das seine Zukunft erst noch vor sich sieht. In allerlei Schichten und Be-

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