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Das jüdische Echo · 1916-11-17 · 46 (17.11.1916) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
46 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. I.-, Halbj. M. 2.-, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf.—Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, m vmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 46 München / 3. Jahrgang 17. November 1916 Von Bayerns Judennöten. 6. Drahtverhaue und Schützengrabenseist von Felix A. T h e i 1 h a b e r, z. Zt. Bat.-Arzt im Felde. In dem neuen Roman Gustav Meyrinks „Der Golem" schreit einer der Helden wie zum Hohn auf: „Sie kennen doch den Satz: Alle Juden sind Bürgen für einander“. Diese Auffassung hat praktische und ideelle Voraussetzungen. Der Gedanke, daß das Verhalten des Einzelnen im Volke gebunden an das Schicksal und an das Sich-Geben des Volksgenossen ist, klingt in der breiten Erkenntnis vieler anderer Völker nach und gibt eine gerechte Weisheit wieder. Den bayer. Juden aber ist über all den Irrungen und Wirrungen diese einfache Erkenntnis verloren gegangen. Die Geschichte der Juden Bayerns, die leider bis nun keinen objektiven Historiker gefunden hat, könnte eine prächtige Illustiation dafür geben, wie sich bei uns ein Kleinstaatengeist breit macht, der die einzelnen Teile der Gemeinschaft wie durch Drahtverhaue von der Gesamtheit abzuschließen sucht. Am liebsten würden sich jetzt der rechte und der linke Flügel unserer Gemeinden vollkommen von dem Gros ablösen und in eine vollkommene. Trennung für alle Zukunft willigen. Und das heute, wo in ganz Deutschland der Ruf nach Sammlung ein kräftiges Echo gefunden hat! Wo sind die tatkräftigen Führer bayerischer Gemeinden, die aus der Zeit zu lernen, die Teile zur Gesamtheit zu verbinden und diese Gesamtheit zum Schaffen, zur Tat, zur Lösung der Judenfrage zu führen suchen? Draußen im Felde ist als wertvollstes Ergebnis der Zeit das Bewußtsein der Gemeinschaft, der Verbundenheit erwacht. Mögen in der Etappe Elemente existieren, die weiter ihr bisheriges Leben führen und von ihren alten Vorurteilen, ihren kleinlichen Anschauungen nicht frei kommen können. Die aber, die seit Jahr und Tag im Schützengraben lagen, die den Krieg auf sich voll einwirken ließen, die in zugigen Scheunen Feste gefeiert, die in Schnee und Eis, hungernd und verwundet altjüdische Erinnerungen gepflogen, bald kaum ein Minjan stark sich als Juden vereinigten oder wieder zu Hunderten zusammentrafen, um ins Neue Jahr einzugehen — sie hat es keineswegs geschmerzt, daß die Gegensätze in unsrem Lager ruhten, sie haben keine Notwendigkeit gefunden, uns endgültig in neologe, orthodoxe, nationale Kreise zerreißen zu lassen. Nicht als ob die religiöse Betätigung nach dem Kriege der Vielgestaltigkeit beraubt werden solltet. Aber gewissermaßen mit in die eisernen Denkmäler der Zeit müßte der Geist festgenagelt werden, der uns draußen alle beseelte, und der der Heimat und der kommenden Zeit Kunde tun sollte, wie stark die Annäherung aller Juden durch das Bewußtsein ihres gemeinsamen Judentums war. Man darf unsere orthodoxen „Separatisten“ in diesen großen Zeiten daran erinnern, daß schon der erste große jüdische Prophet. Arnos, eindringlich gegen die Überschätzung der Form des Religionswesens zu Felde zog. Er sagte, daß Gott die Opfer und Feste der Juden hasse und das Geplärr ihrer Kultlieder nicht hören wolle; Recht aber sollten sie vor ihm fließen lassen wie Wasser und Gerechtigkeit wie einen nimmer versiegenden Bach. Der Appell an den Geist und an den Inhalt, der Kampf gegen die Uberhebung der kultischen Formen mag viele zu Hause unangenehm berühren. Die Kameraden, die wirklich am Webstuhl der Zeit mitwirkten, werden kein Verständnis dafür haben, daß man unsere jüdische Einheit in die alte Zerrissenheit zergliedern will. Diese Dinge müssen frei ausgesprochen werden, sollen sie ein Echo in den heimatlichen Kreisen finden. Es ist bezeichnend, daß vor dem Kriege die Reform des bayerischen Judenedikts nicht vorwärts kam, weil die bayerische Regierung keine einheitliche bayerische Judenheit antraf, die ihr ein neues Programm vorlegen konnte. Mit Erstaunen muß man damit die Haltung der bulgarischen Juden vergleichen. An Zahl den bayerischen Juden etwa gleich, teilen auch sie sich in verschiedene Lager, unterscheiden sich nicht nur religiös, sondern auch sprachlich in aschkenasische und spaniolische Juden, die separat organisiert sind. Trotzdem trafen wir hier ein unvergleichlich größeres Maß von gutem Willen, Einsicht und Liebe zur Verständigung. (NB.! in einem Lande, das erst seit einem Menschenalter die politische Freiheit gefunden)! Ja, selbst in Deutschland wird jeder, der Norddeutschland und Bayern kennt, einen bedeutsamen Unterschied bemerkt haben. Der regsame Geist, der im Norden eine Erneuerung erstrebt, und die gemütliche, allzu gemütliche bajuwarisch jüdische Stimmung innerhalb der blau-weißen Grenzpfähle. In der letzten berühmten Reichstagsrede des Kanzlers Bethmann-Hollweg findet sich der klare Hinweis darauf, daß sich um uns in Deutschland keine chinesischen Mauern erheben sollen, daß den Tüchtigen freie Bahn geschaffen werden müsse. Wir verlangen dasselbe innerhalb unserer Gemeinschaft und wir müssen unsere Gemeindegewaltigen dafür verantwortlich machen, wenn unsere Gemeinden im Tosen der neuen Zeit — weiterschlafen.

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