Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 422 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Das Jüdische Echo Nr. 45 den, aber sie verlaust nicht, wir sollen „aufhören ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein, um unterzutauchen in den Völkerreigen“. Die Angehörigkeit vieler thoratreuer Juden zur zionistischen Organisation liegt also weder an „der Verwechslung eines subjektiv begriffenen Zionismus mit der zionistischen Organisation“ noch an „einem gewissen opportunistischen Optimismus“; sie wäre eher — cum grano salis, wie bei jedem Vergleich — gegenüberzustellen der Zugehörigkeit eines thoratreuen Juden zur Chewra kadischa seines Wohnorts, die ja auch nur bestimmte jüdische Ziele verfolgt. Andererseits ist sicherlich die Mitarbeit recht vieler thoratreuer Juden in der zionistischen Organisation auch vom thoratreuen Standpunkt aus höchst wünschenswert: negativ, um dem thorawidrigen Reden und Handeln vieler Zionisten innerhalb und außerhalb der Organisation (nicht aber der Organisation selbst) entgegenzutreten; positiv, weil durch Mitarbeit der thoratreuen Kreise sicherlich die Ziele der zionistischen Bewegung an Inhalt und Umfang gewinnen werden und ohne „Täuschung der nichtreligiösen Mitglieder“ im Lauf der Generationen, dem tiefinnerlichen Wunsch der thoratreuen Zionisten gemäß, die Organisation sich vielleicht so entwickeln wird, daß ihr Programm einen immer größeren Teil der Gesamtheit jüdischer Werte und Ziele umfaßt. Auf weitere Einzelheiten einzugehen, darf ich unterlassen, und auch auf den zuweilen selbst von thoratreuer Seite dem Zionismus gemachten, von Ihnen erfreulicherweise gar nicht berührten Vorwurf, als könnte die zionistische Bewegung den Patriotismus untergraben, kann ich mir ersparen näher einzugehen; muß doch der thoratreue Jude besonders deutlich erkennen, wie unsinnig die Vorstellung einer Schädigung des Patriotismus durch die nationalen jüdischen Ziele ist, und bedarf es für ihn doch nicht des Hinweises auf die Gegenwart, um zu' wissen, daß der deutsche Zionist wie jeder anständige deutsche Jude in tiefer Dankbarkeit und eiserner Pflichttreue zu seinem Herrscher und dem deutsehen Staate steht und diese Gefühle in Krieg und Frieden mit Gut und Blut bekräftigt. So lassen Sie mich hoffen, daß es mir wenigstens bis zu einem gewissen Grad gelungen sei, Mißverständnisse zwischen positiv jüdisch strebenden Kreisen zu zerstreuen, und lassen Sie mich wünschen, daß in ■ der gegenwärtigen Zeit mehr denn je jeder bewußte Jude jüdisch strebe und schaffe, wie und soweit es seiner Veranlagung, seinen Gaben, seinen inneren und äußeren Fähigkeiten. entspricht, damit sich recht bald im Sinne des vollen Judentums für das ganze jüdische Volk das Wort erfülle, mit dem Sie Ihre Darlegung beschließen: „So wähle das Leben!“ Rus der Geschichte der Juden in München. (Fortsetzung.) Ein düsterer Schrecken lagerte über allen Menschen, man glaubte, das Ende der Welt sei gekommen. Und es tauchte die Mär auf, die Juden hätten die Pest ins Land gebracht, sie hätten die Brunnen vergiftet. Dieses wahnsinnige Gerücht,^ das von den umherziehenden Flagellanten, den Geißlern noch geschürt wurde, fand überall Glauben, und der Pöbel, der in jenen Tagen aller Fesseln von Zucht und Ordnung sich entledigt fühlte, fiel fast ausnahmslos in allen deutschen Städten über die Juden her. Ein großer Blutstrom wälzte sich über ganz Deutschland hin. Der Kaiser, die Fürsten und großen Herren hinderten den Frevel nicht; sie leisteten ihm teilweise sogar Vorschub, und hatten nur die eine Sorge, daß ihnen aus dem Vermögen der erschlagenen Juden auch etwas in die eigene Tasche gelangte. Auch die Herzoge von Bayern wehrten nirgends dem Morden und Rauben: und so wurden damals auch in München neue Judenschlachten geliefert; die Gemeinde wurde ganz oder doch großenteils vernichtet und der Rest vertrieben. Viele ihrer Häuser kamen in christlichen Besitz. Was wars nur, was diese Schreckenstaten möglich gemacht hatte? Gewiß wirkte viel der religiöse Fanatismus mit, der in jener jammervollen Zeit besonders blühte, aber der wichtigste Grund war doch ein anderer. Ein zeitgenössischer Chronist drückt es ehrlich aus: „Ihr bares Gut war die Vergiftung, welche die Juden tötet? Man war den Juden verschuldet und man schaffte sich einen unbequemen Gläubiger vom Halse. Daneben kam noch ein gut Teil vom Vermögen der erschlagenen Juden in die Hände der Mörder. Kaiser Karl IV. machte mit dem Rat von Augsburg eigene Verträge über das Vermögen der erschlagenen Juden. Mit dem Rat von Nürnberg hatte er sich schon im Voraus geeinigt, wie es zu halten sei, wenn die Juden dort totgeschlagen würden. So sicher erwartete man den Eintritt dieser grauenhaften Ereignisse. Bald merkte man, daß man die Juden doch nicht so leicht entbehren konnte. Schon wenige Jahre später erklärte Herzog Ludwig V., der Sohn Kaiser Ludwigs, dem Oberbayern zugefallen war: „in Erwägung des Gebrechens an Geld, das seit der Zeit, wo die Juden verderbt worden, überall im Lande zwischen Armen und Reichen gewesen sei, werde er die Juden schirmen, die in sein Land ziehen wollten und denen, die bereits früher da gewohnt, zwei Jahre Steuerfreiheit gewährleisten.“ So entstand bald auch in München wieder eine Judengemeinde. Allerdings erst dreißig Jahre später war man soweit, daß man den Bau einer Synagoge und eines Spitals unternehmen konnte. Die Mittel dazu brachte man in der Art auf, daß jeder sich verpflichtete, drei Jahre hindurch die Hälfte seines Zehnten diesem Zwecke zuzuführen. Die Beiträge wurden allmonatlich durch den Schatzmeister in einer Büchse einkassiert. Wir erfahren das aus einem Brief der jüdischen Gemeinde Münchens, an die jüdische Gemeinde Straßburgs aus dem Jahre 1381, der sich im jüdischen Archiv in Straßburg befindet. Er ist das einzige erhaltene Dokument der alten Münchener Judengemeinde. Es betrifft einen Juden, namens isak Hazafati, ein Franzose, der lange Zeit in München gewohnt hatte und dann unter Mitnahme der fremden Pfänder und anderer Gegenstände aus dem Besitz des Herzogs und seiner Familie durchgebrannt war. Da man ihn in Straßburg wußte, wandte man sich an die dortige jüdische Gemeinde. Gleichzeitig schrieb der Herzog an den Rat von Straßburg, der dann auch wirklich den schurkischen Juden festnahm. Aus dem Brief erfahren wir auch, daß der Herzog damals einen jüdischen Leibarzt hatte, den Meister J a c o b, oer ebenfalls von dem Ausreißer geschädigt worden war. Gegen Ende des 14. Jahrunderts wurden die Juden durch die Scluildentilgungsgesetze des Königs Wenzel des größten Teiles ihrer Vermögen