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Das jüdische Echo · 1916-11-10 · 45 (10.11.1916) · p. Seite 421

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 421 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 421 des Tages, da „die Erde erfüllt sein wird von der Erkenntnis Gottes, so wie das Meer erfüllt ist von Wassertropfen“.1) Wer nun unter uns Juden der Gegenwart darf dieses Judentum, in seiner reichen Gesamtheit verstanden, sein eigen nennen? Unter der großen Mehrheit der ernsten thoratreuen Vertreter der aschkenasischen wie der sephardischen, der Ostwie der Westjudenheit darf ich Übereinstimmung darüber voraussetzen, daß zum mindesten wir thoratreuen Westjuden, also auch namentlich die gegenwärtige deutsche Orthodoxie in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit wie auch etwa in der von S. R. Hirsch und seinen Schriften geforderten (von mir keineswegs für eine solche gehaltenen) Idealgestalt weit davon entfernt ist, jenes Judentum voll ihr eigen nennen zu dürfen, daß wir uns vielmehr teilweise mit Surrogaten statt pulsierenden Lebens begnügen und unter den zwingenden Verhältnissen wohl begnügen müssen, daß auch wir thoratreuen Westjuden in erheblichem Maße — freilich weit weniger als die uns umgebenden Teile der Judenheit — assimiliert sind. Während nun im allgemeinen die Assimilation stetig und verwüstend fortschreitet und während sie im „liberalen Judentum“ ein System von nur erklügelten, in nichts mehr unmittelbar jüdisch empfundenen Resten jüdischer Weltanschauung hervorbringt, ersteht da vor unseren Augen innerhalb der Judenheit eine Bewegung, die eine Reihe wichtiger jüdischer Werte — wenn auch keineswegs ihre Gesamtheit oder ihren größten Teil, auch nicht gerade die fundamentalsten Partien — in unmittelbarem, echt jüdischem Gefühl hervorhebt und ihre Erhaltung oder Wiedererringung mit besonderem Nachdruck fordert: so namentlich die Sonderstellung des jüdischen Volkes und seine Einheit, die Kolonisation von Palästina, die intensive Pflege der hebräischen Sprache, die Erziehung der gesamten jüdischen Jugend im jüdischen Bewußtsein und wenigstens gewissen Teilen jüdischen Wissens und Handelns, die Verwerfung jeder bloßen Nachahmung nichtjüdischer Tendenzen und Einrichtungen als solcher und vieles andere. Und es erscheint nicht als Zufall, daß diese Bewegung gerade einsetzt zur Zeit der Hochflut der Assimilation, und noch weniger als Zufall, daß zu einer Zeit, da der Glaube und die religiöse Überzeugung leider weiten jüdischen Kreisen verloren gegangen ist und da im großen ganzen ihre Wiedererweckung in diesen Kreisen zunächst nicht sehr aussichtsvoll erscheint, jene Bewegung sich gerade auf diejenigen jüdischen Werte richtet, die von der religiösen Überzeugung verhältnismäßig unabhängig sind. So bewirkt diese — als Bewegung an sich wie auch ihrem Inhalte und Streben nach als Zionismus bezeichnete — Bewegung, daß nicht allein der thoratreue Jude als Zionist gewisse, teilweise vorher vernachlässigte jüdische Werte mit besonderer Entschiedenheit pflegt, sondern gleichzeitig auch, daß weite Teile der Judenheit, denen der Glaube abhanden gekommen ist, mit dem Glauben nicht auch gleichzeitig J) Ganz abgesehen ist hier von denjenigen jüdischen Werten und Aufgaben, die an den Boden des heiligen Landes, an das nationale Leben in Palästina und endlich an die mit dem Tempelkult auf Zion verknüpfte Theokratie gebunden sind. Einzig und allein diese Theokratie fällt nicht in den Bereich der lediglich durch menschliches Wollen und Handeln herbeizuführenden jüdischen Entwicklung. jeden inneren Zusammenhang mit dem Judentum verlieren, daß ihnen vielmehr ein gewisser Rest jüdischen Empfindens und Handelns gewahrt bleibe und zugleich auch die Möglichkeit erhalten sei, für sich selbst oder wenigstens in ihren Kindern und Kindeskindern wieder zu umfassenderen, fundamentaleren, lebendigeren jüdischen Werten kontinuierlich zurückzufinden. So bildet sich denn endlich, der Not der Zeit und dem Geist der Stunde entsprechend, die zionistische Organisation: nicht um den alten Begriff „Judentum“ zu zerstören und einen neuen an seine Stelle zu setzen, nicht um denjenigen, die verhältnismäßig reich an jüdischen Werten sind, einen Teil von diesen zu entreißen, nicht um den religiösen Glauben oder das Ritualgesetz zu bekämpfen, sondern um — unter bewußtem Beiseitelassen zahlreicher, ja vieler der fundamentalsten jüdischen Werte — die durchaus positiv jüdischen Ziele jener zionistischen Bewegung anzustreben und zu fördern und um alle Juden, denen diese Ziele, unbeschadet der eigenen Stellung zu den übrigen jüdischen Werten, erstrebenswert erscheinen, unter ihre Fahne zu sammeln. Daß die zionistischen Ziele dem lebendigen Judentum angehören und daß die zionistische Organisation ihrer Definition nach alle Juden für sich beanspruchen kann, werden Sie, verehrter Herr Gesinnungsgenosse, nicht bestreiten können. Eine andere, nicht mehr prinzipielle, sondern lediglich praktische Frage ist es freilich, ob der einzelne, die zionistischen Ziele bejahende Jude sich verpflichtet fühlt, dem Ruf der zionistischen Organisation zu folgen, ob er nicht vielleicht seinen Beitritt zu dieser trotz ihrer unvergleichlichen Universalität immer noch speziell gerichteten Organisation für unzweckmäßig ansieht. Auf solche prinzipiell uferlose Erwägungen kann ich hier aus Raummangel nicht eingehen. Aber als meiner persönlichen Überzeugung möchte ich doch der Meinung Ausdruck geben, daß dem thoratreuen Juden der Anschluß an die zionistische Organisation doppelt und dreifach erwägenswert erscheinen dürfte in einer Zeit, da das jüdische Volk sich in der furchtbarsten Krise befindet, die seit zwei Jahrtausenden über es hereingebrochen ist, da es für Aktionen aller Art wichtiger ist als je, eine möglichst breite und doch noch positiv jüdische Organisations- und Arbeitsgrundlage zu besitzen, und da das Rückgrat d!a(r Judenheit, die ostjüdischen Millionen, in Gefahr sind, mit (oder selbst ohne) plötzlicher Veränderung ihrer politischen Verhältnisse unter dem Ansturm mangelhaft verarbeiteter westjüdischer Kultur zum großen Teil den Glauben und Hand in Hand damit überhaupt ihr Judentum zu verlieren, während mittels der zionistischen Bewegung — natürlich daneben auch noch mit anderen Mitteln — ein wirksames Bollwerk gegen jenen Ansturm errichtet und selbst im schlimmsten Fall immer noch ein gangbarer Weg zur allmählichen Rettung gesichert werden könnte. So wird denn Ihre eingangs erwähnte Auffassung, verehrter Herr Gesinnungsgenosse, nicht aufrecht zu erhalten sein. Die zionistische Bewegung „leugnet“ nicht, „daß die Sinailehre die Grundlage des jüdischen Volkes sei“, sondern sie beschäftigt sich überhaupt nicht mit dieser Frage und kann also an sich in dieser Beziehung bei der thoratreuen Judenheit so wenig Anstoß erregen wie etwa eine thoratreue jüdische Gemeinde, die sich nicht mit der „Austrittsfrage“ beschäftigt. Gewiß hebt die zionistische Organisation zunächst nur hervor, daß wir überhaupt ein Volk bil-

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