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Das jüdische Echo · 1916-11-10 · 45 (10.11.1916) · p. Seite 420

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 420 (sequence 4)
Language
German
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42Ö Das Jüdische Echo Nr. 45 wird, daß wahre Toleranz im deutschen Volke keine Stätte finden könne. Ich weiß, daß dieser Vorwurf nicht gerechtfertigt ist, aber es geschieht zu viel — und dazu gehört auch dieser Erlaß —, der dieser Auffassung eine gewisse Berechtigung verleiht. Ich sehe übrigens den Ergebnissen der Statistik ruhig entgegen. Die Jahre der Emanzipation haben genügt, die deutschen Juden körperlich zu entwickeln. Wenn es wahr wäre, daß bei den deutschen Juden die Neigung vorhanden ist, sich zu drücken, und wenn ein Gefühl der Feigheit und Angst vorhanden wäre, dann würde ich nicht die deutschen Juden anklagen, sondern die Urgroßväter der jetzigen Generation, die dann durch jahrhundertelangen Druck die Juden zu dem gemacht hätten, was sie sind. Ich sehe in Russisch- Polen, was durch den Druck erzeugt werden kann. Die deutschen Juden waren stark genug, um in relativ kurzer Zeit den Zwang und Druck zu überwinden. Bei der Statistik muß man jedenfalls richtig zählen. Schon der Versuch, die Juden bei den Kriegsgesellschaften zu zählen, mußte zu einer falschen Statistik führen. Nicht darum handelt es sich, wieviel Juden sich in dieser Gruppe befinden, sondern darum, wieviel irn wehrpflichtigen Alter in der Heimat reklamiert sind, oder sich in der Etappe oder in der Front befinden. Wenn man schon zählt, muß man auch die Reklamierten bei der Schwerindustrie und der Landwirtschaft zählen. Man muß überall zählen, wenn man die Statistik richtig erfassen will, man muß alles zählen und nicht nur einen Teil. Zählen Sie auch einmal die Kriegsfreiwilligen aus den ersten Wochen des Krieges und untersuchen Sie einmal, ob nicht auch die Juden von dem großen starken Zug erfaßt waren. Die deutschen Juden haben sich in diesem Kriege bewährt. Ich will den deutschen Juden sagen: sie sollen, nachdem sie die Erklärung des Kriegsministers gelesen haben, sich nicht in eine zu verzweifelte Stimmung drängen lassen. Sie müssen sich auch darüber klar sein, daß noch mancher Kampf gegen den Antisemitismus notwendig ist; aber sie können ruhig sein, w^eil sie ein gutes Gewissen haben. Sie haben ihre Pflicht getan, nicht um Dank zu erreichen, sondern im Interesse des ganzen deutschen Volkes, und ich würde wünschen im Interesse dieses Ganzen, daß jetzt alles unterlassen wird, was geeignet ist, dieses Volk auseinander zu reißen. Jetzt keinen Zwist und kein Zerreißen! Lassen Sie uns einig zusammenbleiben!“ Thoralrcucs Judentum und Zionistische Organisation. Offener Brief an den Verfasser des gleichbetitelten Leitartikels in Nr. 44 des „Israelit“ von Dr. A. Fr., z. Zt. im Felde. Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! Die jüngste Polemik zwischen „Israelit“ und „Jüdischer Rundschau“ — auf beiden Seiten nicht ganz mit der taktvollen Hochachtung des gegnerischen Standpunktes geführt, wie sie zumal in der gegenwärtigen jüdischen Krise in allen irgendwie positiv jüdisch strebenden Kreisen selbstverständlich sein sollte, — gibt Ihnen Veranlassung, sich unter obigem Titel mit der vom thoratreuen Standpunkt aus zu fordernden Stellungnahme gegenüber der Zionistischen Organisation zu beschäftigen; in ernster und erfreulich leidenschaftloser Betrachtung kommen Sie zu dem Ergebnis: „Für jeden thoratreuen Juden, der bestrebt ist, sein ganzes Leben nach den Grundsätzen der Gotteslehre zu regeln, kann es bei klarem Durchdenken also nur eine prinzipielle Ablehnung der zionistischen Organisation geben. Gestatten Sie einem thoratreuen Juden, der den ä u ß e r e n Anschluß an die zionistische Organisation erst unter den mittelbaren und unmittelbaren Kriegseindrücken gefunden hat, seine Einwendungen gegen Ihren Gedankengang vor der Öffentlichkeit geltend zu machen in Ausführungen, die trotz des Umfangs und der Tiefe des Gegenstands mit Rücksicht auf Raum- und Zeitmangel sich in der Gedankenfolge wie in der Begründung beschränken und vielfach mit Andeutungen begnügen müssen. * * * Was ist Judentum? Sie werden, verehrter Herr Gesinnungsgenosse, mit mir darüber iibereinstimnien, daß dem thoratreuen Juden das Judentum bedeutet und bedeuten soll nicht eine Weltanschauung, nicht eine Rechtslehren- und Gesetzessammlung, nicht den Anspruch auf nationale Gleichberechtigung unter den Völkern der Erde, nicht einen Ritualkodex und seine Befolgung, nicht den Inbegriff gewisser ästhetischer und intellektueller Werte, — daß das Judentum aber auch ganz gewiß nicht darstellt eine „Religion“ in der europäischen, wesentlich von christlichen Anschauungen beeinflußten Bedeutung dieses Wortes. Nein, das Judentum umfaßt all die Inhalte der angeführten Begriffe und noch unendlich viel darüber hinaus, es beansprucht den als Juden geborenen — und in Ausnahmefällen auch den freiwillig und in vollem Verantwortungsbewmßtsein ins Judentum eingetretenen — Menschen in Körper und Seele, in seinem ganzen Denken, Fühlen und Wollen, in seinem Tun und Handeln; es umfaßt, äußerlich regelnd und innerlich beseelend, das ganze Leben des Juden in seinen tierischsten wie vergeistigtsten Funktionen, vom morgendlichen Erwachen und Ankleiden bis zum Beschluß des Tagwerks, von den täglichen Berufsgeschäften bis zur geistigen und ästhetischen, nationalen und religiösen Erhebung an Sabbath und Feiertagen, von den täglichen Mahlzeiten bis zum Eheleben und der Kindererziehung, von den allgemeinsten Weltanschauungsfragen bis zu den Einzelheiten der rituellen Schlachtung und Eleischuntersuchung, von der Art des Erforschens und Erfassens der Tiefen der Wissenschaft bis zum Erleben künstlerischer und literarischer Werte, von dem selbstverständlichen Gebrauch der nationalen, der heiligen Sprache und dem tiefen Verständnis ihrer Schönheiten bis zum unablässigen Studium der Thora, des Talmuds und der gesamten jüdischen Wissenschaft, von der I rauer um das abgerissene nationale Leben auf eigenem geweihtem Boden am 9. Ab bis zu der Bloßlegung, Läuterung und wuindersamen Weihe der Seele vor ihrem Schöpfer am Versöhungstag; es umfaßt endlich das gemeinsame Leben des ganzen jüdischen Volkes wie seiner freiwilligen und pflichtgemäßen Teilkörperschaften von der Organisation der Gemeinde bis zu den gesetzlichen Normen der Geltung und Entwicklungsfähigkeit der Religionsvorschriften, von der formalen und inhaltlichen Regelung der Rechtspflege bis zur Einhaltung der Ritualinstitutionen, von der stolzen, verpflichtenden und demütigen Gewißheit, ein besonderes Volk, zu bilden — das Volk, das „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk1 ist und sein soll —, bis zum Bew ußtsein der gemeinsamen Arbeit an dem Endziel der Herbeiführung

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