Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
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418 Das Jüdische Echo Nr. 45 Besuch der polnisch-katholischen Schulen fast unmöglich seinacht wird und man auch nicht gewillt scheint, den dringend der Reform bediirftigtcn nicht-städtischen Chedarim aus städtischen Mitteln einen Pfennig zu gewähren. Unter den 11 000 städtischen Beamten in Warschau gibt es keinen einzigen Juden, unter 10 bis 11000 im Dienste der Stadt stehenden Arbeitern allerhöchstens 300 Juden. Der Warschauer Stadtrat hat — trotz des lebhaften Protestes der jüdischen Ratsmänner —■ die Verfügung erlassen, daß alle Handel- und Gewerbetreibenden strenge Sonn- und (katholische) Feiertagsruhe zu halten haben, was den Juden, die dort fast sämtlich auch an den jüdischen Feiertagen und am Sabbath ihre Betriebe schließen, 130 Ruhetage im Jahre aufnötigt. Eine Maßnahme, die ihren materiellen Ruin herbeiführen muß! Ferner hat man — ohne daß sich die Stimme eines nicht-jüdischen Ratmannes dagegen erhoben hätte — im Warschauer Stadtrat beschlossen, in den wiederhergestellten Handelsgewölben die christlichen und die jüdischen Kaufleute von einander zu trennen und den letzteren im hinteren Teile des Gewölbes einen eigenen Platz — ein neues Ghetto — anzuweisen. Die Judenzählung geht weiter. Der Antrag, die Juden in den Kriegsgesellschaften zu zählen, war der erste Streich; der zweite folgte: Von der obersten Heeresverwaltung ist eine Verfügung ergangen, nach der die Z a h 1 u n d die Verwendung der Juden im Heere festgestellt werden soll. Auch damit nicht genug. Schon hat eine freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz einen Fragebogen zur Ausfüllung erhalten, der die Frage stellt, wieviele kriegsverwendungsfähige Juden als Helfer und Krankenpfleger in Reservelazaretten bezw. beim Transport der verwundeten Soldaten vom Bahnhof in die Reservelazarette verwendet werden. Hiermit wird es vermutlich nicht sein Bewenden haben; sicherlich wlird sich die Judenzählung, die das von Feinden bedrohte Deutschland inmitten des Weltkrieges anzustellen für nötig befunden hat, noch auf weitere Verbände erstrecken. Ob man freilich auch im Ministerium, im Staats¬ und Verwaltungsdienst, im Post-, Eisenbahn- und Unterrichtswesen eine Judenzählung veranstalten ward, erscheint fraglich. Und doch würden derartige Statistiken nicht minder lehrreich sein, würden nicht minder dazu dienen, gewisse Erscheinungen sozial und psychologisch zu erklären, als die Statistiken in den genannten Stellen. Die größte und begreiflichste Erregung hat natürlich die Anordnung einer Judenzählung im SSSM Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) deutschen Heere hervorgerufen. Die Tausende jüdischer Familien, deren männliche Mitglieder seit Jahr und Tag im Felde stehen oder bereits für Deutschland verblutet sind, müssen es als beschämend und entwürdigend empfinden, daß man ihren noch draußen kämpfenden Männern als Lohn ihrer Tapferkeit und Pflichterfüllung eine Statistik beschert, die sie durchaus als ein Mißtrauensvotum empfinden müssen. Aus gekränktem und erschüttertem Herzen heraus haben die Abgeordneten Heine und Haas gegen diese Registrierung der jüdischen Soldaten im Reichstag protestiert. „Viele Juden“, sagte Heine, „sind für das Vaterland gefallen. Sie hofften, an dem neuen Deutschland mitbauen zu können. Sorgen wir dafür, daß die Überlebenden nicht schließlich die Föten beneiden müssen, die im Dienste des Vaterlandes ein rasches Ende gefunden haben, während wir einen hoffnungslosen Kampf mit Kleinlichkeit und Falschheit führen müssen.“ Noch tieferen Eindruck auf die Parlamentsmitglieder machten die Worte des Abg. Haas, die wir an anderer Stelle wiedergeben. Der Abgeordnete Haas spricht davon, daß die jüdischen Soldaten im Felde sich durch den Erlaß als Gezeichnete fühlen werden. Er wird sicherlich nicht gemeint haben, daß die Kennzeichnung als Juden an sich ihnen als eine Brandmarkung erscheint — hat er doch zweifellos selbst im Laufe des Krieges oft genug erlebt, wie gerade die, welche am tapfersten zu kämpfen verstehen, am stolzesten auf ihr Judentum sind. Nur die Gründe, weshalb diese Kennzeichnung jetzt erfolgt und die Art, wie sie vorgenommen wird, machen sie zu einem Manifest des Mißtrauens gegen die gesamte deutsche Judenheit und verletzen dadurch jeden einzelnen — auch den draußen kämpfenden — Juden. Von Toleranz spricht ferner der Abgeordnete Haas, von Toleranz, die man auch den Juden gewähren müsse. Der Jude, der in den 27 Kriegsmonaten treu seine Pflicht getan hat — gleichviel ob im Felde oder an irgendeinem Posten in der Heimat — darf mehr als Toleranz verlangen: er darf verlangen, daß man seine Bedeutung für den Aufbau und die Erhaltung des Deutschen Reiches dankbar anerkenne. Er darf verlangen, daß man cinsieht, wie jüdischer Fleiß, jüdische Tüchtigkeit dazu beigetragen haben, dem Deutschen Reiche die Armee und Flotte zu ermöglichen, von denen es heute verteidigt wird, wie ungeheuer wichtig die Arbeit ist, die von Juden in Kriegs- und anderen Gesellschaften während des Krieges geleistet wird. — Es mag sein, daß nicht alles auf diesem Gebiete exakt zu beweisen ist. Aber selbst zugegeben, Herr Haas täuscht sich, wenn er die körperliche Tüchtigkeit der Juden für ebenso groß hält, wie die der anderen (vielleicht ist wirklich <Jje Zahl der felddiensttauglichen Juden verhältnismäßig weniger groß), beweist das, daß sie nichts für Deutschland leisten? Ist die Arbeit derer, die in den Etappen und Ämtern treu ihre Pflicht erfüllen, wertlos? Wenn sich beispielsweise wirklich herausstellen sollte, daß die Zahl der jüdischen Krankenpfleger und -Träger beträchtlich ist — dürfte man es wagen, diese Sanitätsmannschaften als Drückeberger zu bezeichnen? Der Jude hat niemals behauptet, daß seine größte Stärke im Militarismus liege, daß seine tiefste Neigung das Dreinschlagen und Waffenführen sei — er hat stets lieber mit dem