Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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& Das Jüdische Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halb). M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag (des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, iwmMwmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 45 München / 3. Jahrgang 10. November 1916 Polen. So ist denn die schwierige Frage, die seit vielen Monaten die Geister bewegt hat, entschieden worden: Am 5. November wurde der Bevölkerung der besetzten Gebiete im Osten verkündet, daß Deutschland und Österreich übereingekommen seien, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu bilden, der im Anschluß an die beiden verbündeten Mächte bestehen und eine eigene Armee erhalten soll. Gleichzeitig sind Galizien weitgehende Zugeständnisse einer Sonderstellung gemacht worden. Damit ist der glühende Wunsch der Polen erfüllt, und vom allgemein-menschlichen Standpunkt aus ist es aufrichtig zu begrüßen, daß der Krieg — neben seinen furchtbaren Wirkungen — doch auch das Resultat gezeitigt hat, einem unterdrückten Volke die Freiheit zu geben. Für die Lage des jüdischen Volkes ist natürlich der gewaltige Umschwung im Schicksal eines Gebietes, in dem mehrere Millionen Juden wohnen, in dem die Duelle des jüdischen Volkslebens sprudelt, gleichfalls von gewaltiger Bedeutung. Im Laufe von 27 Kriegsmonaten haben die kleineren Nationalitäten in den besetzten Gebieten, darunter die Juden, zum zweiten Male die Herrschaft gewechselt: nach den Russen die Deutschen nach den Deutschen die Polen. Die Russenherrschaft hat die polnischen Juden zu einer gedrückten, von dem Born europäischer Bildung abgeschnittenen, an Leib und Seele schwer geschädigten Masse gemacht. Als dann die Deutschen ins Land kamen und ihnen wiederholt ihre Absicht ausdrückten, sie von den Fesseln einer brutalen Tyrannei zu befreien, sahen die Juden den neuen Herren mit gespannter Erwa-rtung entgegen. Die Hoffnung begann sich in ihnen zu regen, daß man nun endlich auch ihre nationalen Ansprüche berücksichtigen, auch ihnen die Möglichkeit einer nationalen Entfaltung gewähren werde. Die anfangs gehegte Hoffnung weiter polnischjüdischer Kreise auf nationale Selbständigkeit ist nun freilich geschwunden, in den Polen ist ihnen ein neuer Herr erwachsen. Dennoch herrscht im jüdischen Volke — eingedenk seiner historischen Schicksale — warme Anteilnahme an dem Freiheitsglück der Polen: hat doch Jahrhunderte lang das alte Königreich Polen seinen jüdischen Bewohnern, die zum großen Teile vor ihren westeuropäischen Verfolgern im Mittelalter dort Zuflucht gesucht hatten, gastliche Aufnahme, Recht und Freiheit gewährt. In Erinnerung der polnischen Gastfreundschaft früherer Zeiten begrüßen wir das neue Königreich. Freilich dürfen wir uns nicht verhehlen, daß in den letzten Jahrzehnten die Polen eine immer stärker werdende judenfeindliche Haltung bewiesen haben, die auch in den Kriegsmonaten seitens der polnischen Beamtenschaft und der sonstigen Bevölkerung in — mitunter erschreckender — Weise zutage getreten ist. Das Vorurteil der Polen gegen die Juden stützte sich auf den alten Vorwurf, die letzteren seien das russophile und russifikatorische Element im Lande. Nachdem — dank den neuen Ereignissen — diesen Vorwürfen der Boden entzogen wurde, dürfen wir hoffen, daß die alten Vorurteile schwinden, daß das freie Polen sich auf die gute Tradition des Landes besinnt und in dem neuen Königreich auch der jüdischen Bürgerschaft Schutz und Recht gewährt. Wir dürfen und müssen noch mehr von den Polen fordern: sie, die selbst so leidenschaftlich um die Erlangung ihrer nationalen und eigenkulturellen Rechte gekämpft haben, müssen verstehen, daß sie die moralische Pflicht haben, auch die nationale Eigenart der Juden in ihrem Lande zu achten, die jüdische Individualität sich frei entwickeln lassen. Sie, die selbst mit glühenden Worten vor der Welt ihre Anklagen gegen die Tyrannei der Russen erhoben, dürfen nicht die Juden ihres Landes in ihren Bildungsmöglichkeiten beschränken, dürfen nicht den Juden die Mitwirkung am öffentlichen Leben, an der Verwaltung des Landes verwehren, dürfen nicht über die Sonderbediirfnisse der Juden einfach hinweggehen oder ihnen mit Gewalt ihre eigene — die polnische — Kultur aufzwingen. Der Beginn der neuen Ära darf nicht für das jüdische Volk eine neue Katastrophe bedeuten, sondern es muß auch ihm einen neuen Völkerfrühling bringen. Die polnischen Juden heißen das neue Königreich willkommen, sie sind gern gewillt, dem neuen Staat, dem neuen Heere Gefolgschaft zu leisten. Aber sie erwarten dagegen, daß der Buchstabe der neuen Verfassung, die das Königreich erhalten wird, ebenso wie die Haltung der polnischen Staatslenker und der Beamtenschaft ihnen das Recht und die Möglichkeit einer freien nationalen und kulturellen Entfaltung verbürgt. Zur Lage der Juden in Polen. Wir brachten in unserer letzten Nummer einen Aufsatz unseres polnischen Berichterstatters über die jüdischen Schulverhältnisse in Warschau. Aus diesem Aufsatz geht hervor, daß man den jüdischen Kindern nur eine lächerlich kleine Zahl von eigenen Schulen zubilligt, während ihnen der