Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 44 Batterie leerer Sektflaschen. Es dämmert und ich sehe ins Freie hinaus. Jetzt erklingen in unser» Tempeln zu Hause die ersten hebräischen Weisen. — Roschhaschonoh. * * * „S.,“ sage ich ein andermal, „was wird aus der Jom-Kippurlfeier, idie wir veranstalten wollten?“ Mein Onkel, der anno 1870 dabei war, hatte uns soviel von dem Feldgottesdienste erzählt, auf Bildern und sogar auf Taschentüchern konnte ich als Junge sehen, wie man damals diese Tage beging. Wir aber steckten mitten in der Arbeit. Zu Beginn des jüdischen Jahres hatten wir die Berennung Antwerpens unternommen und jetzt stand uns die letzte Tat, der Übergang über die Nethe bevor. Um zwei Uhr ging das Bataillon am erstürmten Lierre vorbei über den Fluß. Es regnete, aber wohl wenige achteten darauf, weil alle gespannt der Dinge harrten, die da kommen sollten. Die ersten Kompagnien kamen gut über den Steg. Die Belgier mußten sich auf die Entfernung der neuerrichteten Pionierbrücke erst einschießen; allmählich fanden sie das Ziel. Zwischen dem Bataillon und meiner Krankenträger-Truppe schiebt sich eine Maschinengewehrkompagnie ein, so daß wir, am Ufer liegend, Zusehen, wie die Schüsse immer dichter an dem Steg sitzen. Weiter hinten spritzen hohe Wassersäulen empor, wo ganz große Kaliber, die man deutlich abziehen hört, einschlagen. Im gegenüberliegenden Wald beginnt der Nahkampf. Hornisten blasen andauernd Signale, die wir längst vergessen haben und nicht kennen. Jetzt kommen wir zum Übergang, wo ein Schuß die Bretter wackeln läßt. Wir laufen mit unseren Bahren wie toll, über den schmalen, vom Regen feuchten Steg, der nur wenig aus dem schmutzig-grauen Wasser hinausragt, und verteilen uns sofort über die Wiese, um nicht auf dem Wege ein einheitliches Ziel abzugeben. Die Wiese war, da die Nethe gestaut war, keine Wiese mehr, sondern ein Sumpf, aus dem ich hundert Meter später herausgezogen werden mußte. Die feindliche Artillerie beflügelt unsern Schritt, besonders an der Ruine eines Schlosses, wo sich die Granaten ein Rendez-vous geben. Zuerst waten wir in einem Kanal umher und finden keinen Übergang, dagegen Salven feindlicher Maschinengewehre, die, weil die Belgier vielfach zu hoch schießen, das hintere Gelände mit unheimlichem Feuer bestreichen. Einzelne Verwundete kommen, die wie gewöhnlich keine Ahnung haben, wo wir weiter gehen sollen. Nur vorwärts! Zweimal steigen wir zu kleinen Brücken empor, auf denen uns die Kugeln um die Ohren sausen, über Hecken und Gräben, durch morastige Felder. Einige unserer Leute verlieren sich. Tote Belgier liegen im Schützengraben. Nach vier Stunden finden wir das Bataillon, schleppen die Verwundeten iv. den Keller des zerstörten Schlosses zurück und rücken, dafür schwer mit Wein und Brot beladen, wieder zur Front, da die Soldaten vorne nichts zu essen und zu trinken haben. Der Stab liegt fünfzig Meter hinter der Schützenlinie in einem kleinen Gehöft, wo ich mich um 12 Uhr hinlege. Um 2 Uhr geht eine blödsinnige Knallerei los. Die Belgier machen einen Feuerüberfall. Wirklich gelingt es einer feindlichen Kompagnie durch eine Lücke durchzubrechen. Schießen vor und hinter der Front. Wie ich aus dem Haus herausgehe, pfeifen die Kugeln aus allen Richtungen. Die durchgebrochenen Belgier haben sich vis-ä-vis im Hause festgesetzt. Um 4 Uhr ist der Ausfall abgeschlagen. In unserm Hause treffen sich Transporte mit Verwundeten und Gefangenen. Wir haben 3b Mann von unserm Bataillon zu verbinden. Es wird darüber Tag und schon flitzen die Granaten in mein provisorisches Lazarett, ehe wir beim Abtransport sind. Zuerst lachen wir, als von draußen das Dach ans Fenster fliegt. Dann fällt der Schornstein vom Dach und Flintenkugeln sausen durch die Fensterläden und verlieren sich in der Wand. Der Sanitätsunteroffizier, der Kaffee für die Verwundeten kocht, springt in eine Ecke. Zwei verwundete Belgier in einem Raume erschlägt eine Granate. Leise wimmernd haucht der eine sein junges Leben aus. Ein junger, belgischer Arzt, der als Offizier diente, kreischt laut auf und schreit. Die Fahne, die bei uns untergebracht ist, trifft ein Geschoß und der lange Fahnenträger R., der einen Schuß ins Bein davongetragen hat, schimpft und flucht. Die Krankenträger springen mit ihren Bahren über das Feld. Und als ich mit dem Sanitätsunteroffizier M. den armen Unteroffizier V., der aus Markirch stammte und einen Bauchschuß hatte, in den Keller bergen will, bearbeitet meinen Rücken ein abgesprengtes Schrapnellstück, so daß ich fast den Verwundeten zur Erde fallen lasse. Aber das alte Eisen hatte keinen durchschlagenden Erfolg ... Weil wir nichts zu essen bekamen, hat an diesem „langen Tag“ sogar das ganze Bataillon gefastet. Ende L a u b h ii 11 e n f e s t waren wir an die Yser gekommen, ln der 6. Kompagnie diente der Zugführer S., Bankbeamter aus Düsseldorf. Er wollte als Jude zeigen, daß er besonders tapfer sei. Mehrfach war er mutige Patrouillen gegangen, in den Gefechten war er mit seinem Zuge stets voraus. Wir waren gute Bekannte, weil er mir sein Leid geklagt hatte. „Sie werden sehen,“ sagte er, „heute zeige ich, daß ein Jude Schneid hat.“ Simchas Thora kommt, ein Tag der Freude. Aber das Krachen der Geschütze wird nur noch lauter; aus dem Himmel fahrende zündende Blitze, Pfeifen und Heulen. S. ist an der Spitze der 6. Kompagnie heute gefallen. Und nun buddeln sie ihn ein. Simchas Thora ist heute, hört Ihr nicht? Das Krachen um uns wird nur ärger. Jetzt werfen sie Erde auf das frische Grab. Nur die Sonne geht blutigrot unter. In Samogitien. 1 e 1 z i. Auf dem Marktplatz der Juden. Der Ort ist sonst so leer. „Warum seid Ihr nicht geflohen?“ frage ich die Herumstehenden. „Herr, wir sind geflohen. Das nackte Leben haben wir aus laurogg gerettet. Bis hierher sind wir gekommen. Auch hier gibt es nichts zu essen. Wohin sollen wir jetzt?“ Und artne, zerlumpte Menschen drängen sich um uns. Ich bin ratlos, wie meine Brüder in Rußland. Wohin soll ich ihnen raten, sich zu wenden? „ S z a w 1 e. Vor der Flucht haben die Russen die Stadt angeziindet. Eine jüdische Stadt, keine russische. Und in den Häusern verbrannte ihr Letztes. Mag die Kriegsfurie den Bauern Haus und Hof, die Ernte zum Teil vernichten, der Boden, der wahre Besitz, bleibt. Die Zukunft ist gegeben, einst nach dem Friedensschluß, vielleicht schon vorher kann der Bauer wieder die Erde bestel-