Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 411 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 411 Eingesandt Feiertage im Felde. Die dritten Kriegs-Feiertage... Für mich waren die Feiertage, die ich das zweite Mal schon im Waffenrocke fern der Heimat verbringen sollte, besonders erhebend und lange ersehnt, da sie mich wieder in jüdische Umgebung führten. Zwar konnte ich nicht, wie ich erwartete, am Festgottesdienste meines Korps teilnehmen, wo ich manchen guten Kameraden, manchen alten Bekannten zu treffen hoffte. Statt in die kleine Synagoge des altertümlichen Städtchens nahe der Front führte mich mein Geschick hierher, wo eine große, alte Gemeinde auf das Kommen vieler Frontsoldaten sich vorbereitet hatte. Bot schon der Gottesdienst durch die zahlreichen Garnisonsmannschaften und Feldgrauen ein Bild mit stark kriegerischer Färbung, so war durch die Fürsorge der Gemeinde uns Soldaten Gelegenheit gegeben worden, einander näher kennen zu lernen durch ein Feiertags-Essen im Heime der B’ne B’rith-Loge. Ein Mitglied der Loge, in seinem militärischen Range Vizefeldwebel1, begrüßte die aus der Garnison und dien nahegelegenen Frontabschnitten Herbeigekommenen und betonte die Freude der Veranstalter, durch die Ermöglichung koscherer Mahlzeiten den der Heimat Entrissenen einen gewissen Ersatz der gewohnten Feier zu bieten. Das Tischgebet, welches von einem der Teilnehmer gesprochen wurde, und die zeitgemäße zu Herzen gehende Ansprache des Herrn Rabbiners leiteten zu der geistigen Anregung des Abends sinngemäß über. In anregendem Gespräche bot sich vielfache Gelegenheit, den lang entbehrten Umgang mit Gleichgesinnten zu pflegen. Ernste und heitere Vorträge belebten die Stimmung. Unter den weither Gekommenen traf man manchen alten Bekannten aus der Heimat, aus dem engeren und weiteren Vaterland und so erfüllte das Gefühl einer höheren Gemeinschaft alle Versammelten. Infolgedessen war es nicht verwunderlich, daß alle gemeinsamen Mahlzeiten, deren vier die Gemeinde an den beiden Rosch ha- Schanah-Tagen und zwei am Jom Kippur veranstaltete, sehr eifrig besucht waren; ja, bedauerlicherweise war die Zahl der Gekommenen am Erev Jom Kippur größer, als daß sie alle hätten tcilnehmen können. Alles jedoch, die wohltuende Gastlichkeit der hiesigen Judenheit, das Geschick, alle Gekommenen nicht nur unter dem Banne der Thora sondern auch unter dem eines tragenden und erhebenden Gemeinschaftsgefühls zu vereinen, ist des Dankes und dauernder Erinnerung aller Teilnehmer gewiß. Ein Leser. Feuilleton Schlichte Kriegserlebnisse von Dr. Felix A. T h ei 1 h a b e r.*) Die „Feiertage.“ Auf den Wunsch meines Bataillonskommandeurs, Major v. J„ war ich ausgeritten, nachzusehen, ob ein Bataillon des Res.-Inf.-Reg.... ein Dorf besetzt habe. Ohne Karte verreite ich mich wie gewöhnlich und komme, nachdem ich vor unserer Front herumgeturnt war, in ein langge¬ *) Aus: Lamms Jüdische Feldbücherei, Verlag Louis Lamm, Berlin. strecktes, vollkommen leeres Nest. Kein Mensch zeigt sich. Ich reite die Straßenbahn gegen Putte zu und finde niemand. Also drehe ich um. Da stehen plötzlich zwei Fahrräder, die sich an einem hübschen Hause langweilen. Aha, zwei belgische Patrouillen, die ich gefangen nehmen kann. „Hallo“ rufe ich und schon stürzen zwei deutsche Vizefeldwebel bestürzt und erhitzt aus dem Weinkeller empor. Sie rapportieren, daß sie nachsehen sollten, ob das Nest von Belgiern frei sei und daß sie nun gefrühstückt, wie Bismarck zu sagen pflegte, beim Herrn Pfarrer eine kleine Visite gemacht hätten. Zurück geht es. Inzwischen marschierte unsere Truppe weiter, schwärmte aus und rückte in Putte, einem Nest, das dem Außenfort von Antwerpen Wawre S. Catherine vorgelagert ist, ein. Unterwegs treffe ich die irdischen Überreste des braven Stabsarzt-Gaules. Mein hoher Chef, Stabsarzt Dr. G. hatte sich tags zuvor einem Aufklärungsritt angeschlossen und war dabei einem belgischen Panzerautomobil in den Weg gekommen. Über seinen Verbleib war nichts bekannt. Das Fell war von Maschinengewehrschüssen wie durchsiebt, das Fleisch selbst fehlte, das hatte die Bauernbevölkerung über Nacht abgeholt. Während wir uns ernstliche Sorge um das Leben unseres immer unerschrockenen, stets liebenswürdigen Herrn Stabsarztes machten, drohte man ihm /zur' selben Zeit im Zuchthause von Antwerpen mit dem Tode des Erschießens. Wie uns Dr. G. nach der nach Wochen erfolgten Auslieferung erzählte, begnügte sich der Zuchthaus- Direktor mit de* Konfiskation seiner goldenen Uhr. Ich trotte also mit den Krankenträgern allein dem Bataillon nach und treffe in dem Dorfe Putte den Feldwebel der 7. Komp. S„ der als gemeiner Soldat ausrückte und bald es zu dieser „gehobenen“ Stellung brachte. „In einer Stunde ist Rosch-haschoh-noh.“ Wir sehen uns an und wissen wirklich nicht, was wir sagen sollen. „Viel Vergnügen,“ sage ich nun platt und gehe, den Stab suchen. Der hat sich im Hause des Arztes von Putte eingenistet. Die Zimmer sind in eiliger Flucht völlig eingerichtet zurückgelassen worden. Unser Bursche Sp. findet gleich einige einladende Pullen Sekt im Weinkeller, schleppt entsprechende Gläser in den Apothekenraum. Irgend ein Bursche stellt eine Kiste Konfekt auf den Tisch, der Sektpfropfen knallt. „Bum“ — „bum“ kracht es draußen. Und das ganze Haus zittert in den Fugen. Eine nette Bescherung. Unsere Hand stellt rasch das Glas zurück und irgend einer am Fenster sagt; „Die Kerle haben uns einrücken gesehen und schießen von dem Fort auf uns.“ Die Worte ersterben in dem unsympathischen Lärm, den die einschlagenden Granaten um uns herum machen. Einer nach dem andern schleicht sich aus dem Haus. In einem Straßengraben vor den Häusern treffen wir uns wieder: der Major, der Adjutant und ich. Wir lachen herzlich. Eine nette Begrüßung. Zwei Meter abseits schlägt eine Granate ein und trifft gleich zwei unserer Leute. Unruhig wandere ich zu unseren Truppen hinaus und stehe schließlich wieder vor dem Heim des belgischen Kollegen. Niemand von den fröhlichen Zechern ist mehr in dem Hause, das bei jeder Granate, die dem unglücklichen Dorfe gilt, wie erschrocken zusammenfährt. Nur in der Ecke der Apothekerstube schläft der Bursche Sp., umgeben von einer