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Das jüdische Echo · 1916-11-03 · 44 (3.11.1916) · p. Seite 406

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 406 (sequence 2)
Language
German
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406 Das Jüdische Echo Nr. 44 Herr Scheidemann stellt es so hin, als wollte die „reaktionär-nationalistische Richtung“ nach dem alten Gaunertrick „Haltet den Dieb!“ die dumpfe Yolksmasse auf unsere semitischen Mitbürger hetzen, um die Aufmerksamkeit von den eigenen egoistischen Machenschaften abzulenken, und um so besser ihr fettes Süppchen am schmutzig schwelenden Feuer wärmen zu können. Eine solche Verdächtigung rührt uns nicht.“ Zum Schluß schreibt dieses Blatt im Zeichen des Burgfriedens: „Heute jedoch schon raten wir Herrn Scheidemann, sich nicht allzusehr! mit der „goldenen Internationale“ einzulassen, wenn es ihm wirklich ernst ist damit, daß die Kapitalherrschaft über die Arbeiterinteressen nicht Macht gewinne.“ Der „V o r w ä r t s“ schreibt: „Hat denn der Staat ein Recht nach der Religion zu forschen? Für Preußen antwortet das nach dieser Richtung noch gültige „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“ klipp und klar mit: Nein. §§ 4 und 5 II. 11 des Allgemeinen Landrechts lauten: § 4. Niemand soll wegen seiner Religionsmeinung beunruhigt, zur Rechenschaft gezogen, verspottet oder gar verfolgt werden. § 5. Auch der Staat kann von einem einzelnen Untertan die Angabe: zu welcher Religionspartei sich derselbe bekenne, nur alsdann fordern, wenn die Kraft und Gültigkeit gewisser bürgerlicher Handlungen davon abhängt. § 6 fährt dann fort: Aber selbst in diesem Falle können mit dem Geständnis abweichender Meinungen nur diejenigen nachteiligen Folgen für den Gestehenden verbunden werden, welche aus seiner dadurch, vermöge der Gesetze, begründeten Unfähigkeit zu gewissen bürgerlichen Handlungen oder Rechten von selbst fließen.“ Dem gleichen Blatt schreibt ein Deutsch-Amerikaner: „Gestatten Sie einem Bürger der Vereinigten Staaten, der deutscher Abstammung ist und der sein Deutschtum — freilich ohne Chauvinismus — stets in Ehren gehalten hat, die Angelegenheit auch unter internationalem Gesichtspunkt mit ein paar Worten zu beleuchten. Wer jahrzehntelang sich in der Welt umgesehen hat, und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, der wußte auch vor Ausbruch des Krieges, daß Deutschland bei fremden Völkern nicht beliebt ist. Zweifellos verdankt der Deutsche diese seine Stellung unter der Nation nicht nur seinen Fehlern, sondern auch seinen Vorzügen. Aber es wäre ganz falsch, anzunehmen, daß nur Neid und Mißgunst den Deutschen zu einer Karrikatur entstellt haben. Dieses Kapitel abzuhandeln, wäre weitläufig. Ich möchte in diesem Augenblick nur darauf hinweisen, daß der deutsche Antisemitismus nicht allein jeden modernen Menschen in hohem Grade abstoßen Eigene Verkaufsstelle: Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) muß, sondern daß sein Hervorkehren in diesem Augenblick zugleich eine politische Dummheit ist. Wir Deutsche in den Vereinigten Staaten haben uns redlich Mühe gegeben, alle jene Kräfte mobil zu machen, die geeignet sind, eine gerechte und unparteiische Neutralität der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Der Stand der Deutschen drüben ist, wie man hier weiß, kein leichter. Wir stehen mit den Iren zusammen, die erklärlicherweise von der Betätigung englischer Weltbeglückung nicht entzückt sind. Wir suchen an einem Strang zu ziehen mit den Juden, die aus Rußland stammen und die die Entente nicht lieben können, zu der jenes Reich gehört, das auf die niederträchtigste Weise die Millionen ihrer Freunde und Verwandten behandelt. Einen Einfluß auf die Juden zu gewinnen, ist nicht ganz leicht gewesen, denn englische Agenten und die der englischen Politik zugängliche Presse machen mit größtem Nachdruck den folgenden Standpunkt geltend: England und Frankreich sind die Länder der Freiheit, und wenn diese Länder siegen, so werden sie die Möglichkeit haben, auch in Rußland die bürgerliche Freiheit der Juden durchzusetzen. Die Behauptung ist gewiß grundfalsch, denn ein siegreiches Rußland wird nicht geneigt sein, sich die Bahn für seine innere Politik vorzeichnen zu lassen. Ein Sieg befestigt die herrschende Politik in Rußland. Er erschüttert sie ganz gewiß nicht, und wenn das reaktionäre Rußland siegreich ist, so wird auf absehbare Zeit die Knechtung der gesamten russischen Bevölkerung ohne Ausnahme bestehen bleiben. Immerhin haben, so falsch auch die Folgerungen der Englandfreunde sein mögen, solche Ausführungen einen gewissen Eindruck gemacht, und es hat Arbeit gekostet, diese Sophistereien einigermaßen unwirksam zu machen. Nun nach dem Beschlüsse der Mehrheit der Budgetkommission sehe ich nach echtamerikanischer Gepflogenheit schon in den proenglischen Zeitungen New Yorks zollgroße Überschriften etwa folgenden Inhalts: Sieg der Antisemiten im Deutschen Reichstag, oder Der Deutsche Reichstag skalpiert die Juden. Daß diese Überschriften zutreffend und geschmackvoll sind, will ich nicht behaupten, aber wirkungsvoll sind sie für den Leser drüben, und man soll nicht vergessen, daß es in New York allein über zwei Millionen Juden gibt. Politisch urteilsfähig sind sie gewiß heute noch nicht alle, aber politisch mitzureden haben sie alle, und ihre Stimmen fallen bei der bevorstehenden Präsidentenwahl ins Gewicht. Wenn sie im Deutschen Reichstage starke antisemitische Tendenzen zu erkennen glauben, dann werden sie sich nicht gerade für verpflichtet halten, den englischen Lockungen die Ohren zu verschließen. Der deutsche Botschafter in Washington würde gewiß geneigt sein, ein Privatissimum über die vorliegende Frage denen zu halten, die mehr darüber zu wissen wünschen.“ Diese Preßstimmen dürften vorläufig genügen, um die Gefühle zu kennzeichnen, mit denen der Antrag in den verschiedenen Kreisen aufgenommen wurde. München. Die Mitglieder der Zionistischen Ortsgruppe treffen sich allwöchentlich Montag abend um 8.30 Uhr im Cafe Fürstenhof, I. Stock. Gäste und Freunde sind stets willkommen.

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