Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 402 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Das Jüdische Echo Nr. 48 ihm seine älteren Brüder einst befrachten, and worin Gott dringend ersucht wird, den Moses wieder auf Erden zu senden, damit er die Juden aller Länder versammle und wieder ins Gelobte Land führe; wenn sie aber durchs rote Meer zögen, dann solle Gott eilig das Wasser über sie fallen lassen, daß sie alle ersöffen und wir von ihnen befreit seien. „Dann sterben wir wenigstens nicht in schlechter Gesellschaft,“ meint der Kleine, aber er hat sich vorher die Unterlippe zerbissen. Der Große fragt gereizt, was das heißen solle, der Kleine stellt ihm die Auslegung frei, da mischt sich Siegmund Beuthner ein, Schlächter Beuthners Sohn, gutmütig und sehr kräftig, und meint: „Prost Gräbert, laß den Kleinen in Ruhe.“ Grabert trinkt ihm zu. Er schweigt, er notiert das spöttische Lächeln des Kleinen; dann schweifen seine Augen blau und träumerisch umher, gewahren in einer Ecke den mächtigen Schrank, in dem der Wirt Gott weiß was aufbewahrt, schätzten mijt plötzlichem Blitzen seine Höhe, fassen gleichsam jauchzend den Kleinen an... und er schlägt mit beiden Händen flach klatschend auf den Tisch: „Kinder,“ ruft er, „Kinder, ich weiß einen famosen Fuchsenulk! Ich setze den Kleinen auf den Schrank dort, dann sag ich ihm mein hübsches Gebet vor, und wenn er’s nachgebetet hat, darf er herunterspringen. Na, was sagt Ihr?“ — Ja, was sagen sie? Es entsteht eine Stille, in der man die abseitigen Reden der Primaner hört, die über die heutige Arbeit sprechen — und dann: allgemeine Freude, beredtes Bravo, heitere Aufregung, niemand hat etwas dagegen... und wer etwas dagegen hat, äußert sich nicht., warum? Der Kleine erbleicht, klammert sich mit beiden Händen an den Tisch und sagt mit angstvoller Stimme: „Nein.“ Es sitzen noch andere Juden unter den Sekundanern; Beuthner, Goldstein, der dicke Notlimann — niemand hat etwas wider sie. Und dennoch... als Bejach, ganz weiß im Gesicht mit erweiterten Augen, sich unter uns umsieht, gewahrt er lauter Feinde oder teilnahmslose Neugierde. Ich tausche mit meinem Freunde Levertin einen Blick, und wir denken beide: das verspricht Interessantes. Erstens: setzen sie ihn hinauf, so ist er geschändet. Sich zu wehren ist er zu schwach, herabzuspringen zu feige. Aber zweitens: er wird sich innerlich furchtbar sträuben, die demütigenden Verse herzubeten. Und drittens: er muß hinterdrein bitten, daß man ihn herabnehme. Was wird er tun? vermutlich weinen, schreien, um sich schlagen? Wie gesagt, das Ganze ist sehr gemein und sehr interessant... wir sind Psychologen und keine Moralisten... Dem Kleinen steht der Schweiß auf der Stirn, er windet seine dünnen Beine um das Holz der Stuhlfüße und sagt zitternd: „Das dürfen Sie nicht. Das dürft Ihr nicht.“ Er weiß dumpf, daß er damit aufhört eine Person zu sein, daß er ein Spielzeug, ein auf lange hin der ganzen Schule lächerliches und verächtliches Ding wird, .... auch den Quartanern, denen er Nachhilfe gibt, auch den Lehrern, so etwas redet sich herum — und er wiederholt so zuversichtlich er sprechen kann (seine Stimme klebt im Halse, denn er ist der schwächste, und ganz allein) „das werdet Ihr nicht.“ „Das werden wir aber sehr!“ jauchzt Grabert, andere nicken, man lacht, unterhält sich mit Vorfreude, und Grabert wendet sich an den Fuchsmajor, den Spaß vorzubereiten. Der hat Bedenken, aber sie klingen nicht sehr fest. „Was gibt es da unten?“ fragt Allah seine Nachbarn, Primaner. Die horchen herum und teilen ihm gleichgültig mit, was vorgeht. Die Füchse belustigen sich, sie sind übermütig. Woher die Vereinzelung dieses Schülers? Er war selbst schuld daran. Man hatte heute deutschen Aufsatz geschrieben, fünf Stunden hindurch. Wenn da der Lehrer das Thema gegeben hat, versinkt die ganze Klasse in qualvolles Nachdenken, Stoff zu erfassen, zu ordnen, irgend eine Gliederung ausfindig zu machen; dann verfaßt man ein Konzept, und hernach schreibt man’s glücklich ins Reine. Bejach aber benahm sich aufreizend, heute wie stets. Der schwarzbärtige Lehrer äußert diese Aufgabe: Braucht Deutschland Kolonien? oder etwa: Steter Tropfen höhlt den Stein... darauf holt Bejach sein Frühstück herauf, das in eine Zeitung gewickelt ist, und verzehrt es, indem er sich der Lektüre des bedruckten Papiercs hingibt... Von Zeit zu Zeit blickt er fremdartig vor sich hin, dann liest er weiter, bis alles verzehrt ist und er sich die Hände abwaschen darf. Darauf öffnet er sein Heft, entwirft innerhalb fünf Minuten eine Gliederung — gesetzt, man hat ihn vorher darum gebeten, fertigt er für einen Minderbegabten eine weitere an und schickt sie ihm unter der Bank — und dann beginnt er unter einem inneren Diktat zu schreiben, gleich ins Reine, vertieft, ganz abwesend, ohne nennenswerte Pausen ... So etwas reizt, ja es empört, wenn man selber mühvoll vorwärtskommt, obwohl er jederzeit dem Nachbar Einblick in seine Arbeiten gestattete, wenn der Lehrer nicht hinsah — denn was er schrieb, war für einen anderen nicht zu brauchen. Er tat das alles nicht in böser Absicht, er wußte nichts von den Gefühlen, die er hervorrief, von dem Haß der Masse gegen den Geist, der da entstand — er Wichtig für jeden Haushalt! Wollen Sie Ihre Wäsche schonen, und zugleich die teuren Seifen sparen, dann schaffen Sie sich unverzüglich meinen 'Wasenapparat an. Größte Ersparnis an Zeit, Mühe ur.d Geld, ln ersten Häusern eingeführt und gut bewährt. 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