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Das jüdische Echo · 1916-10-27 · 43 (27.10.1916) · p. Seite 401

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 401 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 301 Dies aber war keiner der gewöhnlichen Kneipabende. Denn so streng die Trennung der Klassen sonst beachtet wurde: aus den Jungenköpfen der Obersekundaner hoben sich dennoch die würdigeren der Primaner heraus, und selbst die "-ereiften und bärtigen Herren fanden sich die die Oberprima bildeten und zierten! Welch eigentümliches (jesicht! Da saßen sie alle beieinander schwatzen, rauchten, oder sangen auf den Wink des Vorsitzenden, nachdem ein unsägliches Klavier die übrigens allen bekannte Melodie intoniert und vorgeführt hatte, daß es ungewiß sei, was die Welt morgen brächte, Leid oder Freud’, und schlossen auf unanfechtbare Art mit der Versicherung „heute sei h o i t“, wobei die Weise empathisch in die obersten Lagen stieg. Kam ihr Pathos aus der echten Überlegenheit des Weitweisen über das ungebunden lauernde Geschick? Oder war es etwa nur das Hintersichwerfen einer geheim drückenden Angst? Letzteres war der Fall, und damit hing es zusammen, daß sie heute hier so brüderlich den Mund weit und rund öffneten: alle drei Klassen hatten heute das letzte der großen Extemporalien angefertigt, die über die Versetzung, bei den Oberprimanern jedoch über das Abiturium entscheiden; dies mußte man feiern, da überdies ein Daheimsitzen unracsam war, der Skrupeln und Ängste wegen... versteht man nun? Der Kegen brach in Strömen aus neu Wolken, und in den Straßen arbeitete der Sturm — man war mitten im März; aber dennoch saßen sie fast vollzählig da, außer Otto Klose, dem olonden Primus von O I, fehlte keiner. Dieser allc - dings hatte heftig zu arbeiten. Der Präside schlug mit dem Säbel — einem langen krummen Säbel mit großem Korb —• schmetternd auf den lisch, bedeutungsvoll wie ein Häuptling wilder Völkerschaften mit dem Speer den dröhnenden Schild schlägt, rief, das männliche Zeichen auslegend: „Silentium est! Ein Schmollis den Sängern und der famosen Kapelle!“ und verschlang das, Bier in seinem Glase. „Prost!“ schrien alle und hoben ihm ihre Krüge entgegen, freudig und anerkennend, „Prost Allah!“ und lautes Reden brach allgemein aus. Man nannte ihn Allah (und ihr seid getäuscht, denn ihr wart auf den Orient eingesieüt, auf Buntheit, Fanatismus, Krieg vielleicht — doch Kh verliere mich —) sie' nannten ihn Allah. Warum? Weil er Alfred Lamarten hieß? Das hatte sicherlich dazu beigetragen; aber es war doch nur etwa der Anlaß gewesen; die Quelle, aus der diese Benennung floß, war eher eine unklare Gemütslage, die sie ihm gegenüber einnahmen; die der unbedingten Anerkennung als etwas Oberes, und das Gefühl, in ihm auch ein bißchen sich selbst zu feiern. Seht ihn euch an, wie er dort steht, aufgerichtet, hoch und bräunlich, und seinen freien Blick aus braunen Augen über alle diese Köpfe prüfend hingleiten läßt! Sein Gesicht, das sich über breiten Schultern lächelnd erhebt, spricht von frischem Verstände, und seine kräftige Hand liegt vertraulich um den Griff der Wiaffe. Das ist Allah, dem das nahe Examen keine Furcht macht, denn man wird ihn sicherlich vom Mündlichen entbinden, und der dennoch unter den guten Turnern der ganzen Anstalt keinen findet, der stärker, mutiger und gewandter die großen Wellen und Schwünge am Reck, die großen Wurfe und Fänge beim sausenden Schleuderballspiel wagt und glücklich ausführt... Vielleicht sitzen hier an den Tischen tollkühnere Waghälse, Mitberg etwa, der im Treppenhaus der Schule, im zweiten Stockwerk, auf den Kugeln der Geländerpfeiler steht, steht und lachend über dem Abgrund schwebt... während den Zuschauenden das Herz in der leeren Brust zuckt; vielleicht findet sich in der Klasse einer oder der andere, der mathematische Sätze auf neue Art löst oder die Gestalt des Tasso glühender und beseelender anschaut, von fleißigeren Schülern zu schweigen... aber wo vereinigt sich, wie bei Allah, ein geübter Körper so glücklich mit frischem Geiste? Sucht nicht, ihr findet keinen. Die Lehrer sehen ihn günstig an, und die Freude der Schüler an ihm wird keinen zum Neide oder zur Verachtung reizen: denn das Lachen um Lippen und Augen gewinnt das Herz. Nun sitzt er, aber die launigen Reden seiner Nachbarn dringen kaum in ihn ein. Seine Blicke wölben eine Brücke über sie hinweg nach einer gewissen Stelle der Tafel, dort weit unten, wo die Füchse sitzen, die Sekundaner. Sie haben zwar ein eigenes Oberhaupt, Otto Eichhorn., den dicken Alten, aber er ist bequem, und er schaut wie die anderen mit belustigter Spannung eben den beiden zu, die Allah beunruhigen. Denn unten hat sich die Veränderung vollzogen, daß Wilhelm Grabert seinen Platz mit einem andern getauscht hat und nun Benjamin Bejach gegenübersitzt; nun lehnt er sich lang über den Tisch, er redet zu ihm, und die nahe sitzen, hören zu. Ein Paar, nicht alltäglich zu sehen, weiß Gott. Der blonde Grabert ist lang wie ein Kleiderständer, und sein weiß und rotes Gesicht groß wie ein Schinken. Ein guter jBurscl{e, Landmannssohin, der durch Zufall und Freundschaft aus der Schule einer kleinen Landstadt zu uns übergesiedelt ist. Dort galt er für tüchtig, und im Deutschen leistete er sogar Besonderes; bei uns jedoch verlangt man viel, und er kommt gerade ohne Mühe mit. Ein guter deutscher Aufsatz will ihm nicht gelingen, obgleich manche regelmäßig eine Zwei, zuweilen eine Eins unter ihrer Arbeit haben, und das ärgert ihn. Da ist etwa dieser Bejach. .. die Wahrheit zu sagen; der ist der beste, er läßt uns alle weit unter sich; und wie sieht er aus? Ein ganz kleiner blasser Junge ist er, schmal und mager: und auf dem winzigen Körper trägt er einen Kopf mit übermäßig gewölbtem Hinterschädel und einem Gesichtchen, in dem die Augen beinahe das größte sind, kindlich offene, graue Augen.. . trotz hellgrauer Haare und kleiner Nase unverkennbar ein Jude; und ärmlich gekleidet, denn es gab wenig Geld bei dem Trödler Bejach, und er hatte Freischule. Grabert liebte ihn nicht, niemanden wird das wundern, und wenn er ihm eine kleine nette Geschichte erzählt, so beweisen die lachenden Kameraden, daß sie wissen, warum. Der Große hänselt den Kleinen; es ist die Geschichte eines schwarzen Pudels, den sie zu Hause auf dem Gute haben, eines klugen Tieres ohne Zweifel; du kannst ihm die schönsten Wurstscheiben hinhalten und sagen „nimm, ’s kommt vom Juden,“ er frißt sie nicht, sieht sie nicht einmal an; erst wenn man ihm versichert, daß sie von Christen kämen, läßt er sie sich schmecken; so ist er erzogen. Die Kameraden lachen, der Kleine mit, und dann fragt er harmlos, ob die Erzieher des Hundes, er, Grabert, inbegriffen, dieselbe Standhaftigkeit dem G e 1 d e gegenüber zeigen, das vom Juden kommt... und wieder lachen die Kameraden, denn Wilhelm Grabert gewinnt sehr gerne Geld im Kartenspiel, gleichviel von wem... Er errötet — sein mächtiges Gesicht wird rasch rot — und betet ein Gebet her, das

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