Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-10-27 · 43 (27.10.1916) · p. Seite 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 400 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138063--01089-9073915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

400 Das Jüdische Echo Nr. 48 Ziehung noch vieles zu verbessern und zu vervollständigen, aber die Grundziige der Propaganda-Arbeiten haben sich bewährt und stehen fest. Das Büchlein ist geeignet, Kennern Belehrung, Unwissenden eine Vorstellung von der zentralen Bedeutung des J.N.F. für den Wiederaufbau eines jüdischen Palästina zu geben. Dine Übersichtskarte von den jüdischen Kolonien eröffnet das Heft. Nathan Groß leitet es mit einem orientierenden Aufsatz über Gründung, Charakter, Kolonisation, Methode und Werbearbeit des J.N.F. ein. Nehemia de L i e m e folgt mit einer fundierten Abhandlung über die palästinensischen Ansiedlungsfragen. Ing.-Agronom J. Oettinger schildert die praktischen Vorteile der Erbpacht. Dipl.-Ing. Saloinon K a p 1 a n s k y bespricht die Ansiedlungkapizität Palästinas unter Verwertung aller darauf bezüglichen Untersuchungen. Fesselnd und ermutigend wirkt der statistische Beitrag über „den J.N.F. während der Kriegszeit“. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Österreich unter allen Ländern im ersten Halbjahr 1916 den Rekord mit Mk. 73.477.76 aufstellte und seine Sammlungen trotz der Kriegszeit auch in der Hinsicht Beachtung finden müssen, weil sie mit Ablauf des Jahres eine größere Höhe erreicht haben werden als in den vorangegangenen, selbst im tiefsten Frieden. Nicht unerwähnt darf die Darstellung bleiben, die der Vorsitzende der N.F.- Kommission in Köln von der in dieser Stadt geleisteten Sammelarbeit gibt. Diesen Abschnitt müßte jeder N.F.-Kommissär gründlich studieren, um zu wissen, wie man die Sache anpackt. Den Schluß des Heftes bildet ein Artikel über die neuen Porträtmarken des J.N.F. mit ihren Abbildungen. Befriedigt stellen wir fest, daß mit dieser Serie die J.F.-Marken in Dualität und Schönheit frühere Ausgaben wieder erreichen werden. Von den anderen Original-Beiträgen wie von den Illustrationen zu sprechen, erlaubt nicht der Raum. Wir verfolgen ja nicht das Ziel, eine Inhaltsangabe zu machen, sondern die Interessenten anzuregen, sich die Anschaffung des Heftchens angelegen sein zu lassen. Ein Zionist soll nicht im Finstern tappen, sondern wissen, warum er unserem Auferstehungsgedanken anhängt und wie er an seiner Verwirklichung mitarbeiten kann. Wien. Norbert W e 1 d 1 e r. Jüdisches Kunstgewerbe. Das Oktober-Heft der vornehmen ungarischen Zeitschrift für jüdische Kunst und Literatur „Mult es Jövö“ (Redakteur: Dr. Josef P a t a i - Budapest) veröffentlicht eine sehr interessante Serie von kunstgewerblichen Gegenständen, die von dem ungarisch-jüdischen Künstler Salamon Seelenfreund entworfen wurden, und die uns mit einer Fülle von überaus geschickt und geschmackvoll verwendeten hebräischen Motiven überrascht. Wir finden zart und fein ausgeführte Teppich- und Tapeten- Muster, dekorative Leisten und Vignetten, Bordüren und verschiedenen Buchschmuck, alles aus rein hebräischen Buchstaben und Lesezeichen komponiert. Redakteur Dr. Josef Patai würdigt die Kunst Seelenfreunds in einem lehrreichen Artikel, in dem er erzählt, wie die Türken und Araber ihre Buchstaben in ihrem Kunstgewerbe so prachtvoll verwendet haben und was für eine Bedeutung die Verwendung der hebräischen Buchstaben-Motive in der Entwicklung des jüdischen Kunstgewerbes haben wird, besonders bei jüdischen Buchstaben-Dekorlutiioiien, Synagoge/n- Tapeten, Glasmalerei usw. Dr. Patai weist selbstverständlich auch auf die I ätigkeit des Bezalel hin, Seelenfreunds Kunstgewerbe zeigt uns aber einen großen Fortschritt der mannigfaltigen Verwendung hebräischer Buchstaben, die ja in ihrem Ursprünge eigentlich Bilderschriftzeichen waren, und mit Recht auf eine große Zukunft in der Kunst hoffen können. In unserer heutigen Nummer bringen wir aus „Mult es Jövö“ einige Proben des jüdischen Kunstgewerbes Seelenfreunds. Feuilleton Ällah.*) Von Arnold Zweig. Ach, ihr habt recht, es ist ein trauriges Wetter. Der Regen gedenkt nicht zu schweigen, und wenn ihr ans Fenster tretet, hängen in den gelichteten Bäumen nur noch spärliche gelbe Blattreihen, und die schwarzen Gerippe der Allee ädern einen grauen Himmel. Was sollen wir beginnen? Man kann nicht immer nur disputieren, das scharfe Kämpfen der Gedanken ermüdet und reizt. Musik, ja; aber wir werden danach traurig sein, in der Dämmerung; es sind ja nicht alle hier, die sonst mit uns musizierten, in dieser Stunde des schweigenden Tages, und das Herz wäre allzu allein. Setzt euch in die Ecken und bringt Zigarettenrauch ins Zimmer, damit die ohnehin graue Luft wohlrieche, und laßt mich erzählen, von uns jungen Leuten. Nichts scharf Spöttisches, nichts von den alltäglichen Gemeinheiten, die uns peinigen, bis wir sie in Form und Lachen überwinden . . . am Ende nehmt auch ihr mir’s übel auf. Eine einfache, brave Geschichte soll es sein, eine kleine Heldentat, etwas Stärkendes, bis uns die Lampe wieucr zur Arbeit scheint. Seht ihr sie da sitzen, viele Knaben mit Gesichtern, die von den Gasflammen grünlich sind? Sie lachen; eine herzhafte, laute Versammlung. Über ihnen hängen häßliche Bilder und Geweihe, an deren Enden sie ihre bunten Mützen keck aufgespießt haben; auf der langen Tafel, gebildet aus vielen rotkarriert gedeckten Tischen, stehen große Biergläser mit Zinndeckeln, und in die Rauchschwaden ihrer Zigarren und Zigaretten hinein reden sie alle zugleich, helle Stimmen und tiefe, laut, unbeengt und gut gestimmt: das sind die Rauchwitzer Schüler, und der Pikkoio, der mit emsiger Freudigkeit eben neues Bier he'ranschleppt, dieser blutjunge, ist augenscheinlich größer und sicher älter als mancher von ihnen. Sie sind sorglos und könnens sein; kein Oberlehrer wird plötzlich herjCinkommen und durch seine bloße Gegenwart diese Heiterkeit jäh zum Schweigen und Erstarren bringen .... hier sitzen sie, Herren des Ortes, und kneipen offen und unter Gesetzes Schutz. Zweimal in der Woche sind ihnen anständige Bierlokale vom „Chef“ ireigegeben, „damit Sie mir nicht unbefugt in Kaschemmen hocken.“ Ü Aus dem „Geschichtenbuch“ von Arnold Zweig. Verlag Albert Langen, München,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.