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Das jüdische Echo · 1916-10-27 · 43 (27.10.1916) · p. Seite 397

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 397 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 397 schafts-, der Gruftstraße und der Schrammerstraße standen die Judenhüuser vom 13. bis gegen Mitte des 15. Jahrhunderts. Dort hatten die Juden ihre Synagoge, ihr Spital, ihr Bad und ihr Schlachthaus. Dort giingen sie ihren Handelsgeschäften nach und führten das schwere Dasein, das unsern Voreltern im Mittelalter überall beschieden war. Könnten wir uns von dem steinernen Juden am Rathausbau erzählen lassen aus der Zeit, da er hier gelebt, so würde es wohl kein heiterfrohes Bild sein, das er vor unseren Augen entstehen ließ. Blut und Schrecken, Feuersbrände, Vertreibung und Raub begegnen uns nicht bloß einmal in der Geschichte der Münchener Juden. Und in den Zeiten der Ruhe wars ein ewiges Bangen und Zagen: was wird der Morgen bringen? und der Jude mußte glücklich sein, wenn es ihm gelang, ein drohendes Unheil durch schwere Opfer an Hab und Gut abzuwenden. Die zwei Jahrhunderte der alten Münchener Judengemeinde sahen nicht viel schöne Zeiten. Wjir wissen, daß es schon um das Jahr 900 jüdische Kaufleute in Bayern gab. In München hatten sich Juden schon sehr bald nach der Gründung der Stadt im Jahre 1158, wahrscheinlich noch Ende des 12. Jahrhunderts unter der Regierung des ersten Herzogs aus dem Geschlecht der Wittelsbacher (1180—83) niedergelassen. Im Jahre 1210 erhielten sie (nach Taussig) die Erlaubnis, eine Synagoge zu bauen, 1225 wurde ihnen die Anlage eines Friedhofes gestattet. — Es war eine finstere Zeit, in der die Juden in München ihren Einzug hielten. Im heiligen römischen Reich deutscher Nation gab es unaufhörlich Kämpfe und Wirren, und die bayerischen Herzoge waren in die politischen Unruhen sehr verwickelt. — Schon waren die ersten Kreuzzüge über Deutschlands Fluren hingegangen und die Kreuzfahrer hatten, am Rhein, am Main und an der Donau, wo sie auf Judengemeinden stießen, ihre religöse Begeisterung durch Mord und Todschlag an hunderten und tausenden von Juden betätigt. — Seit dem 13. Jahrhundert kehren in den Berichten der Chronikschreiber überall in Deutschland Judenverfolgungen, sog. „Judenschlachten“ immer wieder. Jetzt tauchen auch allmählich die Märchen vom Ritualmord und den Hostienschändungen auf und bieten dem wahnbefangenen rohen Pöbel einen vollkommenen Vorwand zur Verfolgung und Brandschatzung der Juden. In München hat ein solches Gerücht viel Unheil heraufbeschworen. Man erzählte, ein altes Weib habe, von den Juden bestochen, ihrem Nachbarn ein kleines Sölmchen geraubt und es den Juden gebracht, die mit einer Menge von Nadeln ihm das Blut aus dem Körper gelockt hätten, das sie für ihre religiösen Bräuche nötig haben sollten. Sie hätten dann das Weib durch Geldgeschenke bestimmt, ihnen auch das andere Kind des Nachbars zu bringen. Als sie aber gerade das zweite Kind zu dem Juden bringen wollte, sei sie von dessen Vater erwischt und vor Gericht geschleppt worden, wo sie ihr Verbrechen eingestanden habe. — Diese unsinnigen Gerüchte fanden in der leichtgläubigen Menge sofort Eingang. Der Haß, der in jener Zeit von der fanatischen Geistlichkeit stark geschürt wurde, wurde durch diese Erzählungen zu einer fruchtbaren Leidenschaft. Die christlichen Bürger der Stadt München fielen über die Juden her, die sich in ihrer Angst in ihre Synagoge flüchteten. Die stand in der jetzigen Gruftstraße an einer Stelle, die heute von einem Teile des alten Polizei-Direktionsgebäudes überbaut ist. Da griff das in seinem wnlden Fanatismus vertierte Volk zu einem teuflischen Mittel. Es legte Feuer an die Synagoge und alle darin versammelten Juden Münchens mußten in den Flammen untergehen. Es war an einem Freitag, dem 12. Oktober 1285 (12. Marcheschwan 5046). Der traurigste Tag in der Geschichte der Juden in München und einer der schmählichsten in der Geschichte der Stadt München. — Der Chronist erzählt von 180 Juden, die damals auf einmal umkamen. Mit Namen sind uns in dem wenige Jahre später aufgezeichneten Nürnberger Memorbuch 67 Personen genannt, Frauen, Männer und Kinder; ganze Familien darunter. Eine schlichte Aufzählung von Namen, und doch welcher Jammer, Vielehe Verzweiflung spricht aus diesen 67 Namen der Menschen, die alle bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Es sind wahrlich nicht lauter schöne Dinge, die der steinere Jude am Rathaus zu München den Bürgern dieser Stadt aus den Zeiten ihrer Voreltern zu erzählen wdißte! Schon zwei Jahre später wurde den übrig gebliebenen Juden vom Herzog der Wiederaufbau ihrer Synagoge gestattet, und die Judengemeinde sammelte sich wieder und bildete sich neu aus den Resten derer, die in der Verfolgung des Jahres 1285 am Leben geblieben waren und wohl auch aus neu Zugezogenen. Es ist charakteristisch für die Juden im Mittelalter, mit welcher Zähigkeit sie an ihren Wohnstätten festhalten, und wie kein Mißgeschick — und mag es selbst so grausig und entsetzlich sein vde die Mordbrennerei in München — sie dazu bestimmt, ihre Heimatsplätze zu wechseln. Allerdings sie hättens wo anders meist wohl auch nicht besser getroffen. Aus der Zahl der im Jahre 1285 umgekommenen Juden sehen wir, daß München damals eine ziemlich stattliche, für mittelalterliche Verhältnisse sogar recht große Judengemeinde besaß. Woher waren nun diese Juden nach München gekommen? Sie hatten wohl ihren Weg vom 58 'P.'.'tnW- Präparate unterdrücken die Bildung von Darmgiften, regeln unschädlich Verstopfung, Magenu. Darmkatarrh, erleichtern die Altersbeschwerden. Glänzende Anerkennungen. Erhältlich in Apotheken u. Drogerien, wenn dort nicht zu haben, auch direkt zu beziehen Prospekte u. Proben kostenlos. Chem.-Bakt. Labor. Dr. E. Klebs, München, Schillerstr. 28 A iv

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