Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9138063--01084-9073910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 48 Das Jüdische Echo 895 neu. Damit nicht genug. Der Magistrat läßt sich für diese Schulen von der jüdischen Kultusgemeinde extra 32 626 Rubel jährlich zahlen, sodaß letzten Endes die Juden für Bildungszwecke aus der Stadtkasse absolut nichts erhalten. In der allerletzten Zeit, als schon, anstatt des selbsternannten Bürgerkomitees, der gewählte Magistrat die Stadtwirtschaft übernommen hat, der UHter Aufsicht des ebenso gewählten Stadtrats steht, ist man zur Gründung einer Reihe von neuen Anfangsschulen geschritten. Anstatt aber für Juden die fehlende Anzahl von Schulen zu vervollständigen, um sie mit den Polen gleichzustellen, begann man die Juden wiederum in mannigfacher Weise zu schikanieren, um ihnen den Eintritt in die Schule unmöglich zu machen. Die Einzelheiten werde ich nicht aufführen, da sie in der deutsch-jüdischen Presse teilweise wiedergegeben waren. Wie man die Juden beim Einschreiben für die Schulen behandelt, charakterisiert am besten folgende „Aufklärung“, die man einem jüdischen Vater erteilte: „Ihr Kind kann natürlich eingeschrieben werden, aber Sie müssen bedenken, daß der Sabbath bei uns nicht beobachtet, die jüdische Religion nicht gelehrt wird und daß alle Kinder am Sonntag in die Kirche geführt werden.“ Es ist leicht verständlich, daß derartige Informationen auf die armen jüdischen Eltern, die etwa zu 90 Prozent den streng orthodoxen Klassen angehören, nicht aufmunternd wirken können. So sieht die „Polonisierung“ aus. Und die Juden haben ja für eigene Steuern ein Recht auf Schulen, die ihren wirklichen Erfordernissen entsprechen. Diesen Bedürfnissen gab die Warschauer Judenschaft kürzlich Ausdruck mit einem Bittgesuch an die deutsche Behörde, bedeckt mit etwa 32 000 Unterschriften ^von jüdischen Eltern. Die Bittsteller ersuchen um Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache, im jüdisch-nationalen Geiste geführt, und durch einen jüdischen Schulrat geleitet, dem die den Juden proportional zukommenden Mittel aus der Stadtkasse überführt werden sollen . Inzwischen droht den hiesigen Juden eine neue Gefahr. Im Stadtrat haben manche polnischen Ratsmänner einen dringenden Antrag gestellt, der folgenden vielsagenden Wortlaut hat: „Angesichts dessen, daß gewisse gesellschaftliche Kreise Bemühungen eingeleitet haben, um einen Landesschulrat einzusetzen und daß die Entstehung einer solchen Einrichtung mit der städtischen Schuldirektion verknüpft ist, erkennt der Stadtrat an, daß das öffentliche Schulwesen auf polnischem Gebiet (wörtlich auf polnischer Erde) einen polnischen Charakter nicht nur betreffend die Form, sondern auch betreffend den Inhalt haben muß, und erklärt sich für Gründung einer allgemeinen lokalen Institution aus Vertretern der örtlichen Gesellschaft, welche Einrichtung zur Durchführung einer einheitlichen Organisation der Schule berufen ist, einer Organisation, die, auf unsere glänzende Tradition gestützt und die mit den gegenwärtigen Bedürfnissen des polnischen Volkes übereinstimmend ist, sowie zur Verwaltung mit der Gesamtheit der Schul- und Aufklärungsangelegenheiten1. Der kurze Sinn der langen Rede bedeutet eine Zwangspolonisierung allen Nationalitäten gegenüber die das Glück haben, auf „polnischer Erde zu leben, welch letzterer Begriff, nebenbei gesagt, sehr elastisch ist. Wenn wir dabei aus obiger Schilderung in Erwägung ziehen, wie diese Po- Ionisierung aussieht, ist es leicht, sich vorzustellen, was für eine Aufregung diese erhabene Absicht in den jüdisch-nationalen Kreisen erweckt hat. Die Durchführug dieses Projektes' würde in der Praxis heißen, den Juden die öffentliche Bildung aus den städtischen Mitteln so gut wie völlig zu entziehen und höchst wah'iigcheinlich auch auf die private Aufklärung — besonders in jüdischem Geist und jüdischer Sprache — eine väterliche Hand zu legen. Die „Jüdische Volksgruppe“ im Stadtrat hat schon bei der Besprechung der Dringlichkeit dieses Antrages Einspruch erhoben und bereitet sich bei Behandlung des Antrags in merito zu einem heftigen Generalstreit vor. Auch die Sozialdemokratie, jetzt durch einen einzigen Ratsmann vertreten, den der „sozialistische Block“ (die Polnische Sozialistische Partei und der jüdisch-nationale „Bund“) gewählt hat, beabsichtigt, als Sachverwalter der jüdisch-nationalen Rechte aufzutreten. Die Volksgruppe stellt einen Gegenantrag: für die Polen einen polnischen, für die Juden einen jüdischen Schulrat zu ernennen. Die Volksgruppe und die Zionisten — die ebenso wahrscheinlich für diesen Antrag stimmen werden — zählt aber insgesamt kaum 6 Stimmen. Die Haltung der Assimilanten und der Unparteiischen erregt ernstliche Sorge, obwohl sie sich der jüdischen Bevölkerung gegenüber ausdrücklich verpflichtet haben, gegen Zwangspolonisation anzukämpfen. Die Sorge ist umsomehr begründet, da einer der Assimilanten obigen schändlichen Antrag direkt unterzeichnet hat. Umsomehr werden für den Antrag die Polen stimmen, und da sie — nachdem ihnen die Juden im Namen von „Frieden und Einheit“ die Hälfte der Mandate geschenkt haben — die erdrückende Mehrheit bilden und mit den Juden schon nicht mehr rechnen, wird dieser Antrag zweifellos durchgehen. Schwieriger ist es mit der Durchführung des Antrags bestellt, denn das letzte Wort hat die deutsche Verwaltung, an die die ursprüngliche polnische Bittschrift um einen Landes-Schulrat gerichtet ist. Aus diesem Grunde hegen die Juden die besten Hoffnungen, daß ihre bürgerlichen und nationalen Rechte nach wie vor beschützt werden. Immerhin ist die Kurzsichtigkeit der polnischen Politiker zu bewundern. Sie legen den Juden immer nahe, sich für die polnische freiheitliche Selbständigkeit zu begeistern. Manche von ihnen haben dem Kongreß der unterdrückten Nationalitäten in Lausanne beigewohnt, wo sie den Nationaljuden Waffenbrüderschaft im gemeinschaftlichen Kampf um die national e n Rechte geschworen haben. Und nun geben sie trotz der schönen Worte durch ihre traurige Tat den Juden zu empfinden, daß letztere nicht auf die polnische Autonomie, sondern auf den'„Zentralismus“, auf die „auswärtige Einmischung“ ihre ganze Hoffnung setzen müssen. Zwi Samueli. München, Weinstraße 13, altes Polizeigeb. Stets Eingang von Neuheiten. — Umarbeitung sämtlicher Zutaten. Fassonieren. Preise billigst.