Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Das Jüdische Echo Nr. 43 Bevölkerung von der allgemeinen Bewegung abzuzwingen, sie von den eigentlichen Kampfzielen auf bloße Scheinziele abzulenken und daourch ungefährlich zu machen. Diesem Zweck dient die antisemitische Bewegung, die sich an allen Ecken und Enden hervorwagt, und die in dem erwähnten Beschluß der Budgetkommission überraschend früh ihren ersten prinzipiellen Sieg verzeichnen darf. Jener Beschluß ist im höchsten Grade parteiisch. Wenn man schon die Juden zählen will, so soll man sie doch nicht nur in den Kriegsgesellschaften zählen, sondern auch in den Reihen der Kriegsfreiwilligen und in den Gräbern draußen an der Front! Man soll sie überall zählen, wo sie im Leben der Nation Tüchtiges geleistet und Verdienstvolles geschaffen haben, nicht aber nur dort, wo man Material zu finden hofft, um sie ungerechterweise in Bausch und Bogen zu verdammen.“ Wir brauchen vorläufig den Worten des Herrn Scheidemann nichts hinzuzufügen. Brief aus Warschau. Die Schulfrage. Die Schulfrage ist für die polnische Judenschaft ein doppeltes Problem: ein national-kulturelles und ein bürgerliches. Die polnischen Publizisten, die in Deutschland zur Judenfrage das Wort ergreifen, stellen gewöhnlich diese Frage folgendermaßen dar: die Polen wollen die Juden assimilieren und zugleich mit allen Rechten beschenken, wogegen sich ein Häuflein von Zionisten und Nationalisten widersetzt, indem sie nationale Rechte fordern, die den polnischen Juden nichts als Schaden bringen können. Wie falsch solche Darstellung ist, kann man am deutlichsten an der Schulfrage sehen. Hätten die Polen tatsächlich nur die Assimilation der Juden angestrebt, so würden sie ihnen polnische Schulen nicht nur am reichlichsten zuerkennen, sondern direkt aufzwingen, um sie dadurch um so rascher und gründlicher zu polonisieren. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch umgekehrt. Nichts ist von den polnischen Machthabern schwieriger herauszubekommen, als eine Schule für Juden aus öffentlichen Mitteln. Als die Russen Warschau verließen und die Polen allein über die öffentliche Aufklärung zu entscheiden begannen, kam sogleich die Schulfrage an die Tagesordnung. Vorerst plante man allgemeine obligatorische Anfangsbildung, wobei das polnische Bürgerkomitee sogleich beschloß, auf die Juden den Bildungszwang nicht auszudehnen. Es hat sich sogar ein „Theoretiker“ gefunden, der diese Ausschaltung der Juden „wissenschaftlich“ begründete. Ein gewisser Dr. Wladyslaw Rogowski erließ eine Broschüre unter dem Titel Die nationale Schule“, die er dem Stadtpräsidenten Fürsten Zdizistaw Lubomirski, als Schöpfer des allgemeinen Unterrichts' gewidmet hat In diesem Werke versucht der Verfasser zu beweisen, daß sich die Polen (bis zum 26. Jahre) überaus spät entwickeln: „ihre geistige Entwicklung ist somit bedeutend rückständig im Vergleich mit den Juden, welche sich viel rascher als die slawischen Völker entwickeln“. Da aber die richtige polnisch-nationale Schule, seiner Meinung nach, ein einheitliches Schülermaterial, sowohl in Bezug auf die Fähigkeiten, wie auf die Nationalität zu besitzen hat, so müßten „die Juden aus den polnischen Schulen rücksichtslos entfernt werden, ebenso wie die polnischen Schüler aus den jüdischen Schulen“. Für ausnahmsweise begabte Schüler, sowie für außerordentlich unfähige, müßten spezielle Anstalten gegründet werden. Man sollte meinen, daß diese Argumentation für die Juden gerade vorteilhaft ist. Da die Juden fähiger als die Polen sind, so müsse man aus städtischem Gelde für sie gesonderte Schulen errichten, oder wenigstens zusammen mit den Deutschen, auf die sich doch die oben festgestellte slawische Geistesrückständigkeit nicht erstreckt. Der kluge Theoretiker ist aber noch ein klügerer Praktiker. Da die Juden „leider“ nicht zu den stumpfsondern den scharfsinnigen Leuten gehören, so macht der Verfasser eine bedeutungsvolle Verwahrung: die Schule für die „Auserwählten“ sollte nur „ideell“ errichtet werden, und da der Ideal-Zustand von unserem Jammertale noch sehr fern ist, so mögen die Juden auf die Schule warten, bis der Messias kommt... Diesen genialen Rat hat das Bürgerkomitee offensichtlich durch die Tat befolgt. Mittlerweile hat sich mit dem Bildungswesen die deutsche Behörde zu befassen begonnen. Als schlichte Germanen, die die „höhere“ slawische Pädagogik nicht zu begreifen vermögen, haben die Leiter der deutschen Schuldirektion ihre Verordnungen auf das Prinzip gestützt, daß ausnahmslos für die ganze Bevölkerung, ohne Unterschied von Konfession und Nationalität, Schulen aus öffentlichen Mitteln gegründet werden müssen. Als Vortragssprache haben sie für die Polen die polnische und für die Juden die deutsche bestimmt. Infolge der Bemühungen weiter Kreise der jüdischen Bevölkerung, wurde jedoch auch die jüdische und gelegentlich auch polnische Sprache zugelassen. Und da hat sich plötzlich das Bürgerkomitee erinnert, daß es die Pflicht hat, als Beschützer der „wahren“ jüdischen Interessen auizutreten. Es fiel ihm allerdings gar nicht ein, die jüdische „finstere Masse“ durch Gründung von Schulen vor Unwissenheit und Verwahrlosung zu beschirmen, sondern es sah sich berufen^ sie gegen „Germanisierung“ und „Judaisierung zu verteidigen, um sie desto freier der Polonisierung auszuliefern. Eigene Verkaufsstelle: Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) . „i uiuiiisiciuii); aussieni, imu* emige Daten zeigen. Im Schuljahr 1915/16 gab m den öffentlichen Anfangsschulen 641 komple Klassen, in welchen insgesamt 25 640 Kinder terrichtet wurden. Davon waren für Polen mit 23 350 Kindern und für Juden nur 51 für 2 Kinder bestimmt. Da die jüdische Bevölkerung Warschau gegenwärtig nahezu 50 Prozent der; gemeinen beträgt, so bedeutet das, daß man Juden ganz nach echtrussischer Art eine Proze norm von 10 Prozent eingeführt hat, daß feri diese Schulen ausgesprochen polonisatorisch s und mit jüdischen Eigentümlichkeiten nicht re