Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9138063--01082-9073908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S,:K '■'< r * "< c. nhute )ENtil(H IriMMnt’" ID»' P Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. IM.4.—,Einzelnummer 10 Pf. —Ver 1 ag ides „Jüdischen Echo“ : München, Her- |zogMaxstr4 — Redaktion: Helene [Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 43 München / 3. Jahrgang 27. Oktober 1916 Konfession und Kriegsgesellschaften. Der Haushaltungsausschuß des Reichstags hat am 19. Oktober einen auffälligen Beschluß gefaßt: er fordert eine Statistik über die bei den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen, und zwar auch über ihre Konfession. Während die Linke gegen den Antrag stimmte, nahmen ihn die nationalliberalen Mitglieder zusammen mit den Konservativen und den Zentrumsvertretern an. Aber es scheint ihnen bei dieser Zustimmung nicht ganz wohl gewesen zu sein, denn der nationalliberale „Deutsche Kurier“ sieht sich zu folgendem Rechtfertigungsversuch genötigt: „Eine starke Minderheit hat gegen diesen Beschluß gestimmt, weil sie in ihm eine antisemitische Tendenz vermuten zu müssen glaubte. Wir möchten demgegenüber bemerken, daß unseres Wissens die nationalliberalen Mitglieder dieses Ausschusses für den vom Zentrum angeregten Antrag aus ganz anderen Beweggründen gestimmt haben. Es wird augenblicklich in meist anonymen Veröffentlichungen und andererseits durch von Mund zu Mund getragene Verdächtigungen behauptet, daß unsere gesamten Kriegswirtschaftsgesellschaften ein Zufluchtsort für jüdische Drückeberger seien. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Behauptungen schon zu antisemitischen Strömungen geführt haben, die sogar in Maueranschlägen ihre äußerlich sichtbare Dokumentierung gefunden haben sollen. Gegenüber diesen Treibereien glauben wir, daß es im Interesse unserer jüdischen Mitbürger liegt, wenn einmal amtlich Klarheit über die konfessionellen Verhältnisse der betreffenden Angestellten geschaffen und dadurch Gelegenheit gegeben wird, unbehindert durch Verhetzung objektiv die Verhältnisse zu beurteilen.“ Während einige rechtsstehende Zeitungen, darunter die „Deutsche Tageszeitung“ gleichfalls mit scheinheiliger Miene auf die Vorzüge hinweisen, die eine solche Feststellung für die Juden selbst haben müsse, weist das „Berliner Tageblatt“ auf die Tatsache hin, daß wiederholt Kriegsgesellschaften jüdische Personen — sowohl Männer wie Frauen — die sich bei ihnen um Anstellungen bewarben, mit der Begründung abgewiesen haben, sie nähmen keine Juden. Am treffendsten wird der Antrag durch den Reichstagsabgeondneten Scheidemann lim „Vorwärts“ gekennzeichnet, und zwar mit folgenden Worten: , . . , „Der Beschluß der Budgetkommission des Reichstags vom 19. Oktober, die in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen nach ihrer Religion feststellen zu lassen, erscheint mir als ein so ungeheuerlicher Verstoß gegen alles gute Herkommen und gegen die Grundsätze eines konfessionell neutralen Staatswesens, daß ich nicht verfehlen möchte, auch außerhalb des Reichstags an jeder mir erreichbaren Stelle aufs schärfste Verwahrung gegen ihn einzulegen. Den Staat geht das religiöse oder nichtreligiöse Bekenntnis seiner Bürger nicht das allergeringste an. Nach meiner Auffassung hätte jeder Staatsbürger das Recht, sich die zudringliche Frage nach seiner Konfession entschieden zu verbitten und sie unter Umständen auch unbeantwortet zu lassen. Wenn die in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen ohne Unterschied der Konfession die Angabe ihres Bekenntnisses einfach verweigern würden, so wäre das eigentlich nur selbstverständlich, und es würde ihnen die Sympathie aller anständig denkenden Menschen eintragen. Der Beschluß der Budgetkommission wird nu,i freilich damit begründet, daß durch die Erhebung „eine weit im Volke verbreitete Meinung“ widerlegt werden soll, wonach in den Kriegsgesellschaften besonders viel „jüdische Drückeberger“ säßen. Wenn in den Kriegsgesellscnaften Drückeberger sitzen, so soll man sie an die JTont schicken! Ob sie Juden oder Christen sind, ist total gleichgültig. Der Beschluß der Budgetkommission ist aber auch wirklich nicht als Maßnahme zum Schutze der Juden gegen antisemitische Hetze gedacht, vielmehr kommt er den Gedankengängen der Hierren, denen die sogenännte Judenfrage das Alpha und Omega echtdeutscher Politik ist, in der weitherzigsten Weise entgegen. Daß er überhaupt gefaßt werden konnte, (trotzdem die Regierung sich dagegen verwahrte. D. Red. des „Vorwärts“), ist ein interessantes Symptom. Schon jetzt zeigt sich ganz deutlich, daß nach dem Kriege zwei große Richtungen um die Herrschaft im Innern kämpfen werden: eine entschieden freiheitliche Richtung, die in der Hauptsache von dem modernen, freien und vorurteilslosen Geist der Arbeiterklasse getragen sein wird, und eine reaktionär demagogisch-nationalistische Richtung, die dann naturgemäß auch antisemitisch sein muß, und deren ausgesprochen judenfeindliche Färbung sich jetzt schon bemerkbar macht. Im Kampf gegen politische Privilegien und Kapitalherrschaft würde die Arbeiterbewegung sehr rasch unwiderstehliche Macht gewinnen, wenn es ihren Gegnern nicht rechtzeitig gelänge, die weniger aufgeklärten Massen der V