Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 41 (13.10.1916)
- Date
- 1916-10-13
- Page
- Seite 376 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Das Jüdische Echo Nr. 41 trnd zwar nicht in geringerem Grade als die Belgier, und Serben; weitere zwei Millionen Juden sind in anderen Ländern in den Krieg verwickelt; nicht viel weniger als eine Million jüdischer Soldaten kämpft auf allen Fronten Europas. Und gerade in dem Lande, in welchem die Juden fast eine halbe Million Soldaten geliefert haben, ist die jüdische Frage so sehr zuriickgedrängt worden, daß ihre Aktualität tiefer gar nicht mehr sinken kann. Das schrecklichste der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht darin, daß sie eine natürliche Fortsetzung des alten dreißigjährigen inneren Krieges gegen die Juden zu sein scheint. Der innere Krieg hat sich nur dem äußeren angepaßt; man kann mit Sicherheit behaupten, daß die Judenverfolgungen der letzten friedlichen Jahrzehnte in Rußland sich in Kriegsverfolgungen verwandelt haben: Beilisprozesse in Spionage-Anklagen, Ausweisungen aus den russischen Gouvernements in Kriegsausweisungen und noch viel größere Verfolgungen. Aus dem Ansiedlungsrayon hat man die Juden nicht herausgelassen, sondern sie in noch größeres Elend hineingeschleudert. Der belgische Dichter Verhaeren hat vor einiger Zeit ein Buch voller Wehklagen über die Lage seines Landes geschrieben. Bei uns hat noch niemand ein Buch über das verblutende jüdische Volk geschrieben, aber Material zu einem solchen Buch ist genugsam gesammelt, und es harrt noch seines Dichters, um die große jüdische Tragödie zu schildern, die nicht nur eine Schicksalstragödie wie die belgische, sondern eine innere und eine äußere Tragödie ist, wie es Jeremias treffend bezeichnet: „Von außen verzehrt uns das Schwert, von innen Verzagtheit.“ Ein neuer Jeremias müßte den Juden ein neues Klagelied schreiben, das in der Schilderung der Greuel und Verwüstungen das alte Klagelied bei weitem übertreffen würde, aber der Ausklang des Liedes wird der gleiche sein: „Gedenk, o Herr, was uns überkommen, schau’ und sieh’ unsere Schmach.“ Wenn ein altes historisches Volk am Rande des Verderbens angelangt, wenn in seiner chronischen Krankheit — der Judenfrage — eine Krisis eingetreten ist, dann muß sich die Frage dieses Weltvolkes aus ihrem Abgrunde zur höchsten Stufe einer Weltfrage erheben; eine örtliche Frage kann sie nicht mehr bleiben, nicht allein wegen der letzten Heimsuchungen des Krieges, sondern auch vornehmlich auf Grund der Entwicklung des jüdischen Geistes in den letzten Jahrzehnten. Zur Zeit der Judenemanzipation in Westeuropa war die jüdische Frage in jedem Lande nur eine Frage des Bürgerrechts des jüdischen Teiles der einzelnen Nationen, weil die Juden sich nur als einen Teil der sie umgebenden Bevölkerung betrachteten. Die jüdische Frage sah deshalb wie ein Mosaikbild aus, wie ein Flick- und Stückwerk. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Die letzten dreißig Jahre haben hierin eine Wandlung, geschaffen. In den großen jüdischen Zentren ist man zur Erkenntnis gekommen,^ daß die jüdische Frage eine große nationale Frage darstellt, d. h. d.ie Frage einer 12-Millionen-Nation, die zwar in der ganzen Welt zerstreut ist, jedoch einen starken Zusammenhang in den großen jüdischen Zentren aufweist. Die nationale Frage ist nun einmal gestellt, und die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft suchen für sie die verschiedensten Lösungen. Einige glauben, daß die Frage dadurch gelöst werden kann, daß man die Bewohner der vielen jüdischen Zentren sich um einen Mittelpunkt in Palästina scharen läßt. Andere sind dagegen der Meinung, daß die Juden sich nationalisieren und vereinigen müssen in den Zentren, die sich im Laufe der Geschichte gebildet haben, und daß sie, gleichwohl, wo sie sich befinden, für das gesamte Volk kämpfen. Wie dem auch sei, die jüdische Frage ist unter 12 Millionen Juden wenigstens bei 10 Millionen in das Stadium einer nationalen Frage getreten, und als solche muß sie in die Reihe aller andren nationalen Fragen gestellt werden, welche beim Beginn der Friedensverhandlungen vor der ganzen Welt aufgeroll.t werden müssen. Gewiß werden wir noch viele Kämpfe ausfechten müssen, bis man die jüdische Frage auch von der hohen Warte des Politikers aus als eine echte nationale Frage anerkennen wird, aber das ist unsere Aufgabe, darauf müssen alle unsere Kräfte gerichtet sein in allen Ländern, wo noch ein jüdisches Herz pocht. Soll denn die jüdische Frage von der inneren Politik ausgeschlossen bleiben? Keineswegs. Wie alle anderen nationalen Fragen, die bei den Weltberatungen nach dem Kriege behandelt werden, wird auch unsere nationale Frage zugleich eine innere Frage jener Länder bilden, wo sie sich scharf zugespitzt hat. Aber eine gewisse allgemeine Richtschnur bezüglich der unterdrückten Nationen wird die Weltpolitik ausgeben müssen. Wie nach jedem großen Krieg, werden nach dem jetzigen Weltkrieg, dem größten der Weltgeschichte, zeitweise die Grenzen der inneren und äußeren I^olitik verwischt werden. Sobald die politische Einordnung der umstrittenen Gebiete vor sich gehen wird, wird der Grundsatz der Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten keine Gültigkeit mehr haben; denn die Interessen aller Länder sind in solchen kritischen Zeiten eng miteinander verkettet, durch Kredit, Handel, Garantien usw. Auch die Taktik der inneren Kämpfe für bürgerliche und nationale Rechte muß in den Zeiten solcher politischer Umwälzungen eine andere sein, als die vor etwa zehn Jahren angewandte Taktik. Alle diese Gesichtspunkte muß man im Auge behalten und sich schon jetzt für alle Fälle rüsten. Wir wissen nicht, wann der letzte Akt der Welttragödie sich abspielen wird, in die die Geschichte unser Volk hineingezogen hat. Aber unsere Pflicht ist es, handelnde Personen in dem Schlußakt des Dramas zu sein, in dem Millionen Juden keineswegs die letzte Rolle gespielt haben. München. Die Mitglieder der Zionistischen Ortsgruppe treffen sich allwöchentlich Montag abend um 8.30 Uhr im Cafe Fürstenhof, I. Stock. Gäste und Freunde sind stets willkommen.