Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 371 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 871 Das Jüdische Echo dei? gegründet hatte, wurde es auf militärischen Befehl wieder geschlossen. Die eigentümliche Erscheinung, daß der Semstwobund gegen die Leiter seiner Hilfswerke in Galizien, also gegen seine eigenen Beamten, öffentlich Stellung nimmt, erklärt sich daraus, daß die Verwalter von der Militärbehörde angestellt werden und sich offenbar den Weisungen der Semstwovertreter einfach nicht fügen. Sie haben auch, wie der Bericht beklagt, gegen die Kinderheime des Semstwobundes, in denen überall christliche und jüdische Kinder mit gleicher Liebe gepflegt werden, Umtriebe angezettelt, um ihre Schließung zu erzwingen. Das ist zwar bisher nicht gelungen, aber es dürfte doch damit Zusammenhängen, daß trotz der ganz unzureichenden Zahl dieser Heime, in denen im ganzen etwa tausend Kinder untergebracht sind, „keine Hoffnung besteht“, wie der Bericht ausdrücklich bemerkt, diese Organisation zu erweitern. Auch die medizinische Hilfeleistung ist dort, wo der Semstwobund seine Tätigkeit noch nicht eröffnen konnte, besonders für die jüdische Bevölkerung ganz unzulänglich. Dieser Bericht, der den neutralen Stellen zum vergleichenden Studium anläßlich der neuen Angriffe auf die deutsche Verwaltung der Okkupationsgebiete im Westen empfohlen wird, stammt, wie schon erwähnt wurde, aus russischer Quelle und 'bezieht sich auf die jetztigen Zustände in Ostgalizien. Welt-Echo Dahinscheiden des Dichters Frug. In Odessa starb am 20. Sept. der Dichter Frug im Alter von 57 Jahren an einer Nierenkrankheit. Die jüdische Gemeinde veranstaltete die Beisetzung. „Der Hammer“ verboten. Nachdem das antisemitische Treiben des Leipziger Hetzblattes „Der Hammer“ in der letzten Zeit seinen Höhepunkt erreicht hatte, ist, wie uns gemeldet wird, die Zeitschrift nunmehr für die Dauer des Krieges verboten worden. Jüdische Generäle. Anläßlich der Beförderung des Obersten John Monash, über den wir kürzlich berichteten, zum Generalmajor in der englischen Armee sei darauf hingewiesen, daß es mehrfach jüdische Generäle gegeben hat. Der erste jüdische General, den es gab, ist aus dem Jahre 1812 bekannt, und er stand gegen England im Felde; es war der amerikanische Brigadegeneral Joseph Bloomfield. Auch der Kommandant des Hafens von New York in jener Zeit Colonel Nathan Meyers, war ein Jude. In den amerikanischen Sezessionskriegen (1861 bis 1864) kämpften auf beiden Seiten etwa 8000 Juden; unter ihnen waren 658 Offiziere, von denen n e u n den Generalsrang erwarben. Später gab es dann, bis in die gegenwärtige Kriegszeit, zahlreiche jüdische Generale in Holland, Italien und in anderen Ländern. Auszeichnung palästinensischer Kolonisten. Die Herren Etan Beikind und Bacher in Rischon-le- Zion erhielten als Anerkennung ihrer Verdienste bei der Vertilgung der Heuschrecken die türkische Dienstauszeichnungsmedaille I. Klasse. Die Herren wurden als landwirtschaftliche Gutachter in Chama bezw. Charar angestellt. Feuilleton Der Sagenkreis des Chassidismus. Ein neues, wundersames Buch wurde geschrieben und wird demnächst im Buchhandel erscheinen. Es heißt ..Sagen polnischer Jude n“, und sein Herausgeber ist Alex. E 1 i a s b e r g.*) Noch vor kurzer Zeit gab es für den Westeuropäer kaum eine brauchbare Brücke zum Verständnis des geistigen Lebens der Ostjuden. Erst in den letzten Jahren, seitdem man sich des nationalen Zusammenhanges aller Teile der Judenlieit bewußt geworden ist, seitdem uns im Westen eine Ahnung von den ungeheueren Geistesschätzen gekommen ist, die in den jüdischen Volksmassen der östlichen Länder verborgen ruhen, hat uns die Sehnsucht ergriffen, in. die Gedanken- und Vorstellungswelt der polnischen Juden einzudringen und zu erforschen, ob wir nicht teilnehmen können an ihrem Geistesleben. Seitdem Martin Buber zuerst in das Meer der chassidischen Dichtung hinabtauchte und uns Perlen einer ungeahnt köstlichen Volkskunst zurückbrachte, ist unser Verlangen nach weiteren Proben der chassidischen Sagenwelt ständig gewachsen. Alexander Eliasberg hat nun die dankenswerte Aufgabe übernommen, aus alten jüdischen Volksbüchern eine Reihe von Sagen zu entnehmen und ins Deutsche zu übersetzen, die uns einen tiefen Einblick in jenfe wunderbare Welt gewähren. Neben tiefer Weisheit finden wir in diesen Sagen eine kindlich reine Heiterkeit. Übersinnliche Dinge werden mit einer Kraft der Überzeugung erzählt, die uns zum Wundern über das Rätselhafte der Erscheinungen gar nicht gelangen läßt. Und doch herrscht allenthalben das Wunder, dessen Kraft bis zur Versetzung von Palästen in fremde Gegenden, ja sogar bis zur Auferweckung der Toten reicht. Aber selbst das Unbegreiflichste scheint natürlich, denn wir schauen vielfach gleichsam in die Werkstatt des Wunders hinein, sehen, daß alles eigentlich mit rechten Dingen zugegangen ist. Zwar gibt es für das Zusammentreffen der Erscheinungen nicht immer eine natürliche Erklärung, aber hinter allem Geschehen steht Gott — könnte er nicht seine bevorzugten Diener Dinge tun lassen, von denen sich unsre Schulweiseit nichts träumen läßt? Diese bevorzugten Diener sind die Zaddikim, die sich um den großen Baalschem scharen und von ihm die Tiefe einer Inbrunst lernen, die Berge versetzt. Müssen Gebete wie die ihren, die aus dem tiefsten Innern gewaltig empordringen, nicht vom Herrgott gehört und erfüllt werden, so daß eine ständige Wechselwirkung zwischen göttlichem und menschlichem Tun besteht? Muß nicht unter der Berührung des wahrhaft Frommen, der Gott in allen Dingen lebendig fühlt, jeder profane Gegenstand zu einem Zaubergerät werden? Muß nicht der innige Glaube an die ewig waltende Güte Gottes die Menschen so fröhlich machen, daß sie den Herrn mit Gesang und Tänzen ehren? Als das Wundersamste an diesen chassidischen Sagen erscheint dieses: während bei fast allen Völkern das Märchen jenseits der Religion steht, der Zauber von Dämonen verübt wird, die außerhalb der von Gott geschaffenen Welt existieren, durchdringen in diesen jüdischen Sagen Religion *) »Sagen polnischer Juden“ von Alexander Eliasberg, Verlag Georg Müller, München.