Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 368 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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868 Das Jüdische Echo Nr. 40 Was uns in der Zeit der Erniedrigung und des Widersinns, in der wir leben, mit Kraft und Zuversicht ausstattet, ist die Ahnung, daß sie doch zugleich auch der Beginn einer dritten Epoche ist, in der die Gestaltenden wiederkehren. Innerjüdische Programme. 1 Es kommt eben auf den Versuch an, ob nicht 'auch im Westen ehrliche Volksarbeit und ein wirkliches Volksleben möglich ist. Für uns hängt alles davon ab, ob wir durch den Krieg gelernt haben Schein und Sein zu unterscheiden, und ob wir die Kraft haben werden, eine wirkliche jüdische Volksbewegung zu schaffen. — ./ Die Kraft eines zehntausendfach verteilten und in Interessen zerstreuten Volkes richtet sich auf in den mit dem Stern geschmückten Tempeln und in den neuen Versammlungen im Namen Zion. Die Erkenntnis des notwendigen Zusammenwirkens beider Sprachen (des Hebräischen und des Jidischen) scheint sich auch in der politischen Welt des Ostjudentums . . . allmählich durchzuringen. Weit, weit über Polens Grenze muß das heilige chassidische Wort getragen werden, weit sogar über das ganze jüdische Volk, und dieses Wort soll mit seiner Macht und Innerlichkeit alle Menschen rufen und' wecken zur wahren Liebe, zur wahren Gerechtigkeit, zur wahren „Herrschaft des Himmels“. Von diesen Zentren (jüdischen Settlements. D. Red.), die der sozialen Arbeit, der geistigen und körperlichen Regeneration des Volkes dienen, werden wir unsere in der sozialen Arbeit ausgebildeten Helfer und Helferinnen nach dem Osten schicken, und diese werden dort ihre gesammelten Erfahrungen zur Schaffung neuer Settlements verwenden und die Idee der jüdischen Siedlung in die akademische Jugend Polens und Österreichs tragen. Die ostjüdischen Kinder werden von uns die „Freude am Schauen“, die Freude an der Sonne und an den Blumen, Liebe zur Schönheit und Geradheit lernen, wir von den Ostjuden Reste religiöser Innerlichkeit und die in der jüdischen Vergangenheit entstandenen Werte. Es ist ganz unnötig, es ist wahrscheinlich sehr verkehrt, mit den politischen Aufgaben (in Polen. D. Red.) anzufangen. Beginne man mit dem Hilfswerk Not tut die Schaffung einer Zentrale für private jüdische Fürsorge. Deutsche und polnische Juden sollten hier gemeinsam das Hihswerk errichten. Innerjiidische Feststellungen. Der eigentliche Jude beginnt erst dort, wo er sein Bewußtsein des Judentunis als das primus movens seines individuellen Seins mit all den Bitternissen, Ahnungen und Verpflichtungen dieses Bewußtseins hinnimmt und dieses Sein dem gewaltigen Leben der Welt in irgendeiner Weise zur Verfügung stellt. Zugegeben, daß auch dem ganz oder halb abgewandten Juden ein ernster und kühner Wurf von allgemeiner Tragweite mannigfach gelingt: seine Doppel- und Schiefstellung innerhalb der Welt wird dadurch nicht aufgehoben .... Die Schwere solcher Doppelstellung ist im allgemeinen unüberwindbar auch für die echten Juden, soweit sie im allgemeinen Kulturleben stehen. Haben die Galuthverzweifelten recht, gibt es keine wirklichen eigenen Bedürfnisse der jüdischen Menschen als solchen, oder haben wir hier nicht die Fähigkeit, sie hier auch nur teilweise zu befriedigen, dann existieren die Juden als Gemeinschaft gar nicht mehr. Wir hören immer wieder den Ruf: „Mehr Judentum!“ aber niemand vermag uns zu sagen, was denn das eigentlich ist, dessen „mehr“ verlangt wird . Uns fehlt das Wesentliche: die Arbeit — nicht die aus Zwang, sondern die, mit der sich der Mensch organisch und natürlich verbunden fühlt. Das Gestaltlose wird Herr in Israel. Denn jenes Judentum, das wir als das herrschende, das offizielle kennen, das ist in Wahrheit das Reich der verwesenden Gestalt. Die geistige Energie der Juden hat ihre letzte Duelle in den literarischen Schätzen der jüdischen Religion. Wir verschwinden nicht .... weil uns die Erde und der Geist der Menschheit brauchen. „Mein Vaterland, mein Volk über Alles, und wenn darob die übrige Menschheit ihre Rechte verlöre“ — dieses berauschend elementare und ungestüme Gefühl kennt der Jude nur mit einer unüberwindlichen Abschwächung. Ihm gibt die Menschheit die höhere Schranke ab. Eigene Verkaufsstelle: Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Politische Programme. Gebt den Juden ihre jüdische Schule und ihr werdet euch staunend darüber freuen, was für starke, edle^ Kohäsionskräfte unser noch gesunder, nach Gesundheit sehnsüchtiger Volkskörper entwickeln wird. So wie jede neue politische Konstellation die alte Hoffnung des polnischen Volkes auf Wiederherstellung^ seiner nationalen Selbständigkeit naturgemäß von neuem aufleben läßt, ebenso orga-