Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel]’. M. 1.—, Halbj. M. 2.-, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Ver 1 a g des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mw/Mrnm [Inzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 40 München / 3. Jahrgang 6. Oktober 1916 ■i Ein Judenspiegel. Das sechste Heft des „Juden“ ist nunmehr erschienen, und damit hat die von Martin B u b e r herausgegebene Zeitschrift das erste Halbjahr ihres Bestehens und Wirkens zuriickgelegt. Mit gespannter Aufmerksamkeit hat man dem Erscheinen dieser Zeitschrift entgegengesehen, die eine jüdische Tribüne sein wollte, für alle, denen der Fortbestand und die Fortentwicklung des Judentums eine heilte Sehnsucht bedeutet. Was die Erwartungen aller jüdischen Kreise gegenüber dieser neuen Rednerbühne so ungewöhnlich hoch spannte, das war die Ahnung, daß von ihr herab Worte ertönen würden, die nicht nur der Aufklärung des Bestehenden dienen, sondern auch Losungsworte, Kommandos, für die Menge bedeuten sollten, die harrend die Plattform umsteht. Harrend einer Zukunft, die den Juden aus materieller Not und innerer Zerrissenheit erlösen soll. Noch ist es viel zu früh, um zu fragen, ob „Der Jude“ die hochgespannten Erwartungen erfüllt oder enttäuscht hat; noch müssen wir unser Ohr an das Chaos der Stimmen und der vielfach fremdartigen Laute gewöhnen, die aus den Spalten des Blattes zu uns dringen. Noch sind wir dabei zu prüfen, ob die Urteile und Losungen, die wir vernahmen, sich zu einem System vereinigen lassen, ob wir zu dessen Annahme und Ausführung die nötigen Organe besitzen. Jedenfalls haben wir nach dieser sechsmonatigen Bekanntschaft mit dem „Juden“ den Eindruck, daß wir hier einer Schar von Rednern lauschen, deren Wollen hoch und ernst, deren Wissen meistens gründlich, deren Können gleichfalls nicht unbeträchtlich ist. Es gibt viele, die sehnsüchtig sind zu erfahren, ob die Stimmen, die von der Tribüne des „Juden“ herab erschallen, sich schon zu einem Chor, zu einem Befreiungsliede vereinigen, und die doch nicht die Muße oder die Fähigkeit haben, angestrengt auf das Werden der Melodie hinzuhorchen. Ihnen zuliebe soll im Folgenden der Versuch gemacht werden, den Inhalt der bisher erschienenen sechs Hefte zu gliedern und zu ordnen, indem aus jedem einzelnen Aufsatz (die kürzeren Bemerkungen mußten unberücksichtigt bleiben) das Typischste herausgegriffen wird. In vielen Fällen, besonders bei den wissenschaftlichen Aufsätzen ist es natürlich nicht möglich, einen einzigen Gedankenkern herauszuschälen, aber überall fand sich doch ein Etwas, das irgendwie den Weg andeutete, auf dem der Verfasser sich seinem Ideal der jüdischen Erlösung zu nähern glaubt, und dieses wurde herausgegriffen. Daß wir dabei nicht jedem einzelnen Beitrag gerecht werden konnten, ist erklärlich. Wir haben den Inhalt des „Juden“ in zwei Hauptabschnitte eingeteilt: in Diagnosen und Programme. Die Diagnosen bilden einen Spiegel des bestehenden Judentums unter den verschiedensten Gesichtspunkten, oder wenigstens —■ da eben der „Jude“ heute noch kein fertiges Ganzes ist — die Teile eines solchen Judenspiegels. Die Programme weisen über das Gegenwärtige hinaus ins Zukünftige, zeigen neue Wege auf reinmenschlichem, auf innerjüdischem und auf politischem Gebiet. Wir lassen vorerst eine Sammlung solcher „Zitate“ aus den ersten drei Heften folgen (der Rest erscheint in der nächsten Nummer dieses Blattes): Ethische Losungsworte. Wir fordern nicht Gewissensfreiheit für die Angehörigen eines Glaubens, sondern Lebens- und Arbeitsfreiheit für eine niedergehaltene Volksgemeinschaft, und daß sie, die heute in ihrem größten Teil als ohnmächtiges Objekt der Ereignisse behandelt wird, freies Subjekt ihres Schicksals und ihres Wertes werde, damit sie zur Erfüllung ihres Amtes an der Menschheit heranwachse. Der Jude, der ist, ist für uns nicht Ziel, sondern Ausgangspunkt, wir wollen den Juden, dessen hohes Bild wir im Gedächtnis und in der Hoffnung tragen, verwirklichen. „Sei Jude daheim und draußen ein Mensch“, lautete charakteristisch die Parole der Haskalah.. Wir müssen nur aufhören zu glauben, daß dieses Feiertagsjudentum, dieses Judentum daheim noch irgend etwas ist. „Mehr Judentum“ kann für den nationalen Juden nur heißen „Höheres Menschentum“, und alles formal Jüdische ist ihm nur dann wertvoll, wenn es dieses höhere Menschentum fördert. An der Arbeit müssen wir genesen. Die Arbeit müssen wir in den Mittelpunkt unsres Strebens stellen, auf ihr unseren Bau errichten. Erst wenn wir die Arbeit an sich zu einem Ideal erheben, richtiger, wenn wir das Ideal der Arbeit zur Entfaltung bringen, können wir von unserer Krankheit gesunden und den Riß schließen, der uns von der Natur trennt.