Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 39 (29.9.1916)
- Date
- 1916-09-29
- Page
- Seite 363 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 363 Benzion, der Siebzehnjährige, arbeitet die Woche über in einer Schneiderwerkstatt — für einen Hundelohn, kaum genug für die Wohnungsmiete. Benzion ist groß und stark und ihn drängt es zu andrer Arbeit: Kutscher möchte er werden, weil er Pferde liebt und mit ihnen umzugehen weiß wie kein andrer. Aber immer wenn sich etwas bietet, dann scheitert es am Schabbes; kein Fuhrherr kann jeden Schabbes auf seinen Kutscher verzichten, aber ein frommer Jude muß ruhen an diesem Tag. Neulich hatte man ihm eine Stelle angeboten — mit dem Lohn hätte er die ganze Familie erhalten können. Aber Schabbes arbeiten? wenn Großvater nur nicht so starr an den alten Formen festhielte! Malke, die Sechzehnjährige, murrt auch. Malke wäscht in einer Garküche am Ende der Straße das Geschirr ab, und dort liegen sie ihr in den Ohren: sie soll als Dienstmädchen gehen, in ein feines Haus, wo sie täglich Braten und Kompott ißt und weiße Schürzen trägt. Seine Malke soll Großvater zu den fremden Leuten gehen lassen? wo sie treife ißt und nie mehr Zeit hat, nach Schul’ zu gehen? Hat er nicht seinem verstorbenen Sohn Isaac versprochen, die Kinder zu guten Juden zu erziehen? Aus der Küche nebenan dringt eine unwillige Knabenstimme: das ist Berl — Berl, der seit drei Tagen durch das Haus geht und kein Wort mit Großvater spricht. Berls Lehrer ist bei Großvater gewesen und hat erzählt, wie wundervoll Berl lernt, daß er schon schreibt wie ein geborener Amerikaner, und daß sie für ihn sorgen werden, damit er auf die hohe Schule kann. Großvater hat gestrahlt vor Freude. Aber dann hat der Lehrer weiter gesprochen: ob denn der Junge durchaus auch in die Talmud Thora gehen müßte? Er würde sich ja überanstrengen und krank werden; Großvater solle ihm doch die Talmud Thora erlassen. Berl hat dabei gestanden mit Augen, die sehnsüchtig flehten. Aber Großvater ist fest geblieben — was nützt dem Jungen die ganze Gelehrsamkeit, wenn er den Talmud nicht kennt? Ganz ärgerlich ist der Lehrer fortgegangen, und nun schleicht Berl umher und murrt. Alle murren sie, alle drei, wenn sie Großvater auch nicht Trotz zu bieten wagen. Wären sie doch nie hierhergekommen, wo sich dieses entsetzliche FTemde zwischen Großvater und seine Enkel schiebt: die neue Zeit! Großvater stöhnt tief, und das Jiingel öffnet die Augen und sieht ihn an — so matt, so schwach! Ein Frösteln überläuft den Alten; wenn er nur den Wein hätte, aber hier muß er sitzen und —. Er sieht sein Lädchen in der Italienergasse vor sich, mit den Schürzen und Strumpfbändern, dem Tabak und bunten Zuckerzeug. Ob der junge Mensch mit dem Handwagen jetzt wieder davor steht? Jeden Freitag, wenn der Großvater sein Lädchen verrammelt, kommt der und stellt sich mit dem Wagen vor die Ladentiir. Er ist auch ein jüdischer Junge, Großvater kennt seine Leute. Pfeifend kommt er jeden Freitagabend an und stellt sich mit aller Selbstverständlichkeit hin — als könnte es gar nicht anders sein, als daß ein jüdischer Junge den Italienerfrauen am Schabbes Blechlöffel und Tücher verkauft! Er macht ein gutes Geschäft — Großvater ist ein paar Mal am Schabbes vorbeigegangen und hat es gesehn; Sonnabend kaufen die Italienerinnen für den Sonntag ein, und die Männer haben den Wochenlohn in der Tasche. Wenn Großvater die Einnahmen dieses Sonnabend dazu hätte-! Ob er heute wieder dort steht? Großvater sieht wieder den kleinen Chaim an— wenn ihm nur das Kind nicht eingeht, das geliebte Jungchen! Dem Alten wird es zu eng in der Stube, er erhebt sich und setzt die Kappe auf. Er muß durch die Küche. „Wohin, Großvater?“ fragt Malke. „Nur ein bißl Luft schöpfen!“ erwidert er, „bleib du beim Kleinen.“ Er geht die Straße entlang, und unwiderstehlich zieht es ihn nach der Italienergasse. Sie sieht aus wie alle Tage: schmutzig und dunkel, und es riecht nach Zwiebein; die Frauen mit den bunten Jacken lehnen aus den Fenstern und unterhalten sich mit den Nachbarinnen. Vor Großvaters Laden steht der junge Mensch mit dem Handwagen und das Geschäft geht nur so. Er hat schon fast alles verkauft und zeigt lachend den Kundinnen seinen beinahe leeren Wagen. Großvater fängt an zu rechnen: 1, 2, 3 Dollar mindestens muß er verdient haben. Wenn er das hätte, könnte er dem Kleinen den Wein kaufen. Pfeifend beginnt der Bursche drüben seine letzten Sachen einzupacken, dann nimmt er seinen Wagen und geht ab. Als er an Großvater vorbeikommt, erkennt er ihn und winkt ihm triumphierend zu. Der Alte steht an der Straßenecke und kämpft einen harten Kampf: wenn er jetzt hinübergeht und sein Lädchen anfschließt, dann kann er heute noch ein ungeahntes Geschäft machen, dann kann er dem Kleinen den Wein mitbringen. Aber es ist doch Schabbes heute! Siebzig Jahre lang hat Großvater den Schabbes geehrt und nun — nun —. „Das gelobte Land“, fällt ihm ein, „das gelobte Land“. Soll er in diesem Lande den Sitten seiner Väter untreu werden? Und wenn er es tut, wie kann er verlangen, daß die Kinder fromme Juden bleiben? „Gott“, flüstert er, „Gott hilf mir, ich weiß mir keinen Rat mehr.“ Ein kleines Mädel steht vor seinem Schaufenster und liebäugelt mit den bunten Zuckerstengeln; dann klinkt sie an der verschlossenen Ladentiir. Da läuft der Alte plötzlich über die Straße. „Warte, Kleine“, sagt er, „ich komme schon.“ Er steckt den Kopf in das Lädchen neben dem seinen und macht dem italienischen Schuhmacher klar, daß er ihm seinen Reserveschlüssel geben solle. Erstaunt reicht ihm der Mann den Schlüssel hinaus. Und ehe er es selber weiß, hat Großvater aufgeschlossen und ist mit der Kleinen in den Laden gegangen. Als das Kind wieder draußen ist, steht er da und atmet schwer: am Schabbes! am Schabbes hat er verkauft! Aber da ist schon wieder jemand an der Tür: ein junger Mann, der Tabak haben will. Es ist dunkel in dem engen Lädchen, und Großvater mit seinen zitternden Händen kann die Kiste nicht finden. Der junge Mann sagt etwas was Großvater nicht versteht; dann wiederholt er es grob und sieht den Alten drohend an. Da knickt Großvater zusammen, nimmt die Streichhölzer vom Tische und zündet die Gasflamme an. Wie sie aufleuchtet, zuckt es wie ein Stich durch Großvater Herz: Am Schabbes Licht angeziindet, am Schabbes! Er steht im Lädchen und verkauft viel, macht ein gutes Geschäft, aber jedes Mal, wenn er das Geld nehmen will, ist es ihm, als müßte er sich die Finger daran verbrennen.