Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-09-29 · 39 (29.9.1916) · p. Seite 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
39 (29.9.1916)
Date
1916-09-29
Page
Seite 362 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138058--01047-9073873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

362 Das Jtidlsche Echo Nr. 39 2., Ergreife Schild und Speer und erhebe Dicli zu meiner Hilfe. 3., Und zücke die Lanze und tritt hemmend meinen Verfolgern entgegen; zu meiner Seele sprich: Deine Hilfe bin ich! 4., Daß zu Schmach und Schande werden, die mir nach dem Leben trachten, daß zurückweichen und sich schämen, die mein Unglück sinnen. 5., Sie mögen sein wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des Ewigen stoße sie weg. 6., Ihr Weg sei finster und schliipferig, und der Engel des Ewigen verfolge sie. 7., Denn ohne Ursache legten sie mir Netze des Verderbens, grundlos gruben sie mir Gruben. 8., So treffe ihn ungeahnt Verderben, sein Netz das er gelegt, fange ihn, er stürze und gehe unter. 9., Dann wird meine Seele sich laut des Ewigen freuen, frohlocken ob seiner Hilfe. 10., All meine Gebeine sprechen: Ewiger, wer ist wie Du? Der Du rettest den Armen vor dem Mächtigen, den Armen und Dürftigen vor seinem Räuber. Drei Tage aus Großvaters Leben. Erzählung aus dem Leben jüdischer Auswanderer von Helene Hanna Cohn. I. Die neue Welt. Großvater liegt auf seiner Pritsche im Zwischendeck und kann nicht einschlafen. Es ist zum Ersticken heiß, und er fühlt, wie das Schiff sich von einer Seite auf die andere legt, hört, wie es ächzt und stöhnt. Immer beängstigender wird dieses Ächzen und eine bange Furcht krallt sich in Großvaters Herz. Er richtet sich auf und sieht im schattenreichen Halbdunkel nach den andren Schläfern hinüber; sie liegen alle still und atmen laut. Auch die zwei großen Jungen — die rühren sich nicht, und der Jüngste, der Dreijährige hat das heiße Köpfchen in Großvaters Brust genestelt. Ein ganz klein wenig schlummert Großvater ein, aber gleich schreckt er wieder auf; das Schiff stöhnt noch immer, und die Angst legt sich wie ein Reifen um des Alten Herz. Er muß sich wieder aufrichten und zu Isaacs leerem Platze auf der Pritsche hinstarren. Herrgott, wie mag es seinem Sohn gehen? Ob er schläft? Ob er Schmerzen hat? Was war das für ein Entsetzen gestern abend, als er plötzlich auf Deck umgefallen ist und sie ihn ins Schiffshospital getragen haben! Was mag ihm nur fehlen? Vielleicht nur eine Kleinigkeit! hat der Arzt gesagt; aber wenn es mehr ist? wenn er ernstlich krank geworden ist und man sie morgen nicht landen läßt? Wie Isaac diese Landung im New Yorker Hafen herbeigesehnt hat! ordentlich übermütig ist er gewesen, als sie an Bord gingen. „Nun kommt’s, Vater, hat er gesagt, das Glück, auf das wir gewartet haben. Laß uns nur erst in Amerika sein, dann werden wir nicht mehr hungern und frieren, dann werden die Kinder sich nicht mehr vor Stein würfen fürchten; in die hohe Schule werden sie gehen und o, so klug werden. Wart’ nur, Vaterleben, wenn du erst mit der Zigarre im Lehnstuhl sitzen wirst. Gott, wenn doch meine Chane noch lebte! Wie hat sie sich immer gesehnt danach, daß die Kinder es besser haben sollen als die Eltern!“ Ja, ja, wenn Isaac gesund ist.^ dann wird alles gut würden; djaran zweifelt Großvater keinen Augenblick, aber wenn —. Diese Angst, diese schreckliche Unruhe, und die großen Schatten ringsum, die drohend ihre langen Arme ausstrecken, und das Ächzen des Schiffes — als oh ein Mensch mit Oualen und Schmerzen ränge. Nimmt denn diese Nacht kein Ende? Da kommt einer leise durch die Reihen der Schläfer hindurch, einer im weißen Leinenkittel, und im selben Augenblick ist Großvater aufgesprungen und weiß: der kommt zu ihm. „Großvater“, flüstert der Hospitalwärter, „kommt mit, euer Sohn —Der Alte hört nichts mehr, er hat irgend ein Kleidungsstück an sich gerissen, und die Zähne klappern ihm laut auf einander. „Schlaf!“ sagt er zu dem Kleinen, der aufgewacht ist und wie ein kleines Tier winselt, und dann humpelt er hinter dem Wärter drein, mit schlotternden Knien. In dem Hospitalraum brennen trübe die verschleierten Lampen, nur über dem einen Bett strahlt eine Glühbirne. Neben diesem Bett stehen der Arzt und die Schwester und flüstern mit einander. Mit versagenden Knien strebt Großvater hinüber, und schon bevor er das Bett erreicht hat, weiß er alles. Isaac liegt da, lang, blau in dem verquollenen Gesicht, und seine Augen starren vor sich hin, als sähen sie in eine überirdische Welt hinein. Ein Schrei drängt sich auf des Alten Lippen, aber er würgt ihn hinunter. „Isaac“, flüstert er, „mein Sohn, mein geliebter Sohn!“ Der Blick des Sterbenden kehrt auf die Erde zurück und taucht in unsäglichem Schmerz in den des Alten. „Vater“, haucht er jammernd, „die Kinder, meine Kinder!“ Der Alte wächst ordentlich in seinem heldenhaften Bestreben, aufrecht und ruhig zu bleiben. „Ich wache über ihnen, mein Sohn“, sagt er mild, „ich werde sie zu ordentlichen Menschen und guten Juden erziehen? „Meine armen, armen Kinder“, flüstert der Sterbende wieder, und dann wie ein Hauch: „Vater, das Schma!“ „Schma Jisroel!“ ruft der Alte mit versagender Stimme, und tonlos flüstern die Lippen seines Sohnes es nach. „Adonai Elohenu“ schluchzt Großvater auf. Aber es kommt kein Echo. Nur ein tiefer, pfeifender Seufzer entflieht den Lippen des Sterbenden; dann streckt sich der Körper, die Augen drehen sich nach oben und brechen. Da sinkt Großvater zu Boden, daß seine Stirn an der Bettkante aufschlägt, und stößt einen Schrei aus, bei dem der Arzt und die Schwester zusammenfahren. Jemand hat die drei größeren Kinder geweckt und herübergeholt, und die drei Jungen und das Mäde^ stehen mit noch schlaftrunkenen, verstörten Gesichtern umher und können das Entsetzliche nicht fassen. Sie nehmen den Großvater m ihre Mitte und führen ihn mit Hilfe der Schwester auf das Verdeck. Ein erster Morgenstiahl schiebt sich durch Wolken, und hinten in der Ferne erhebt sich ein grauer Streifen: Land. Der Alte bemerkt es plötzlich, und ein Zittern läuft über seine schlaffen Züge. Dann reißt er die Kinder an sich in auflodernder Angst, und ein trockenes, qualvolles Schluchzen ringt sich aus seiner Seele. Als letzter der Passagiere schleicht Großvater rmt den Kindern herunter von dem Schiffe, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.