Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 39 (29.9.1916)
- Date
- 1916-09-29
- Page
- Seite 364 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Das Jüdische Echo Nr. 39 alle seine Hoffnungen getragen und die Leiche seines einzigen Sohnes und betritt zagend den heiß ersehnten Boden. — II. „Das gelobte Land“. Großvater sitzt am Bett des Kleinsten und sieht mit seinen vergrämten Augen das Kind an: wie blaß es ist, das Jiingel, die blauen Adern sieht man ordentlich durch die Haut hindurch, und so abgezehrt die Händchen. Milch soll er ihm kaufen, hat der Arzt gesagt, und eine Flasche Wein. Eine Flasche Wein! wo soll ein alter Großvater, der mit vier verwaisten Enkelkindern erst kurze Zeit in Amerika ist, die hernehmen? Ja, es gäbe wohl einen Weg — aber nein, nein, das ist unmöglich! Großvater lehnt sich in seinen Stuhl zurück und dreht die Daumen über einander: was soll er auch andres tun, es ist ja Schabbes heute und sein Lädchen in der Italienergasse geschlossen. Sechs Tage sollst du arbeiten, hat der Herr gesprochen und am siebenten sollst du ruhen. Ruhen? Großvater sieht durch das trübe Fenster in die Wohnung gegenüber gerade in Baruch Goldmanns Zimmer: Baruch mit den gelähmten Füßen sitzt am Tisch und daneben sein Weib und die Kinder, und ohne aufzusehen arbeiten sie, kräuseln Straußfedern. Am Schabbes! Baruch Goldmann ist aus Großvaters Heimat und ist immer ein frommer Jude gewesen, aber nun arbeitet er doch am Schabbes. Soll ich denn die Kinder verhungern lassen? hat er gefragt. Großvater sieht wieder sein Jiingel an, seinen Chaim — Gott, er wird immer blässer! Wenn er nur den Wein für ihn hätte beschaffen können, aber das Geschäft ist die ganze Woche über so schlecht gegangen, und heute ist Schabbes.- Großvater starrt in das dunkle Zimmer hinein, das vollgepfropft ist mit altem Hausrat, wackeligen Möbeln und Lumpen, die man von Rußland her über das Meer mitgeschleppt hat. Auf dem Boden liegt ein Fetzen einer jüdischen Zeitung und er muß immerfort die fettgedruckten Worte ansehen: „Das gelobte Land“. Damit meinen sie Amerika — aber wieso ist Amerika das gelobte Land? Geht es ihnen etwa hier besser als in Rußland? Da haben sie zwar auch gehungert und gefroren, aber damals haben die Kinder an ihm gehangen und haben sein Wort geehrt und — was waren sie überhaupt für liebevolle gute Kinder. Und hier — was ist das, was sich hier zwischen ihn und seine Enkelkinder stellt, ihm langsam ihre Seelen abwendet und sie ihm von Tag zu Tag mehr entfremdet? Gott im Himmel, was ist es, was durch das Haus schleicht wie ein kalter grauen Schatten und Großvater täglich einsamer macht? Er lauscht auf die Stimmen nebenan in der Küche: Malkes helles Stimmchen und Benzions tiefe Stimme in Rede und Gegenrede. Das Gespräch zieht sich lässig und mürrisch dahin. Er kann die Worte nicht verstehen, aber er weiß, wovon sie reden, weiß es und ihm wird weh zu Mute. Jeden Schabbes, wenn sie müßig hier herumsitzen, reden sie davon: sie sind unzufrieden, mit ihrem Schicksal und mit Großvater. Und auf einmal geht wieder die Ladentür, und wie Großvater aufsieht, steht da vor ihm Berl — sein Enkel Berl, der in die Talmud Thora muß, um ein guter Jude zu bleiben. „Großvater“, ruft der Junge erschrocken, „du verkaufst am Schabbes?“ Da wanken dem Alten die Füße, er setzt sich nieder, verbirgt das Gesicht in den Händen und schluchzt. Berl ist schon wieder hinausgelaufen, er muß den Geschwistern die Neuigkeit verkünden. L)er Alte aber sitzt und weint und weiß: mm ist alles vorbei, nun gehen sie ihm alle verloren! Die Überschrift auf dem Zeitungstetzen stehl ihm vor Augen: „Das gelobte Land , und ein Der Letzte. Es ist Sonntag. Großvater sitzt am Fenster und starrt auf die Gasse hinab, wo es von Kindern wimmelt. So viele Kinder! es scheint undenkbar, daß die engen Stübchen in den Häusern ringsum sie alle bergen können. Chaim ist auch unter ihnen, Grobvater hat ihn zum Spielen hinuntergeschickt — Chaim, sein Jüngster, sein Einziger! Großvater fühlt plötzlich die Stille in dem dumpfen Zimmer, und ihn fröstelt. Früher ist Malke manchmal Sonntags gekommen und hat ihn und Chaim zu einem Spaziergang im Park abgeholt, und er hat sich nicht genug wundern können, wie fein und schön Malke geworden ist. Aber an ihm und dem Brüderchen hat sie immer zu mäkeln gehabt: sie waren nie proper genug, und Großvater hat nicht „Jidisch“ reden sollen, und Malke wollte sie nicht genannt werden, sondern Mary. Da hat Großvater gemerkt, daß Malke sich seiner geschämt hat und hat gesagt, er sei zu müde zum Spazierengehen. Nur um des Kleinen hat es ihm leid getan. Dann wandern Großvaters Gedanken zu Berl, dem Studenten. Der hat ihm stets von allen Enkelkindern am fernsten gestanden: ein solcher Brand ist immer in dem Jungen gewesen, ein so glühender Ehrgeiz und ein trotziger Haß gegen alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte. Es ist wunderbar, wunderbar, wie er sich durch die Schule durchgerungen hat, wie er gehungert hat um sich Bücher zu kaufen, und gearbeitet, Tag und Nacht, Tag und Nacht, um ihnen zu zeigen, daß er der arme Judenjunge, es durchsetzen wird. Und er hat es durchgesetzt, hat seinen Weg auf die Universität gefunden und wird ihn weiterfinden — bis in die Höhe. Manchmal, ganz selten, kommt ein kurzer Gruß von ihm — wie soll Berl bei allem Studieren noch Zeit haben, an den alten Großvater und den kleinen Bruder zu denken? . Aber alles, alles wäre zu ertragen, wenn nicht —. Nein, nicht an ihn denken, ausgelöscht muß er sein, vergessen wie ein Begrabener. Und doch — er war sein Liebster! Aber da — wie? — was ist denn das? — Großvater ist aufgesprungen und steht da mit weit offenen Augen, als sähe er einen Geist. Er hat die Tür nicht gehen gehört, und doch — da — da steht er —. „Benzion!“ ruft der Alte. Der junge Mann kommt langsam näher und dreht den Hut in der Hand. „Großvater“, sagt er leise, wie bittend, „Großvater, Malke sagte mir, du wärest krank gewesen — Der Alte starrt den Enkelsohn an — so hübsch Bester Ersatz für feine Toiletteseife!st Brosios „S1N0L“ Sandmandelkleie Bestes und völlig unschädliches Waschmittel tur die Haut. — Gesetzlich geschützt, AnmhS611 "k 1,5 DoSen zu 50 Pf8- und 1 Kasten zu 150 Pfg. in Apotneken, Drogerien, Parfümerien, Friseuren, Kaufhäusern usw Otto Brosig, München 29. Verkauf ohne Seifenkartei