Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-09-29 · 39 (29.9.1916) · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
39 (29.9.1916)
Date
1916-09-29
Page
Seite 357 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138058--01042-9073868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 39 Das Jüdische Echo 357 chem’s aus unserer Nationalliteratur auszuweisen.*) Es ist hier gar nicht der Ort, auf die sachlichen Fragen selbst näher einzugehen. Hingewiesen sei nur darauf, daß diese formale Betrachtung hebräischer Kulturfragen ihre ernsten Gefahren hat. Sie hat in Palästina zu einem „Rak-Ibrith“-Nationalismus geführt, der Vorträge eines Jargon-Schriftstellers verhindert und in ernsten Beratungen es Leuten, die nicht Hebräisch sprechen, unmöglich gemacht hat, ihre Meinung zu äußern. Daß das in der jetztigen Übergangszeit für die Siedlung unter Umständen schweren Schaden bringen kann, liegt auf der Hand. Und nötig ist es nicht, denn das Hebräische setzt sich auch bei mehr Duldsamkeit durch. Die gleichen Mängel zeigt dementsprechend auch Achad Haam’s Kulturbegriff überhaupt und seine Anwendung auf die Palästina-Arbeit. Kultur ist etwas aus vertieftem Lebensgefühl organisch Wachsendes. Darum läßt sie sich nicht „machen“, wie man etwa Kolonien anlegt. Es wäre ein schwerer Irrtum, der zu Enttäuschungen führen muß, wollte man von der jungen, erst halb bodenständigen Siedlung in Palästnia nun sofort Kulturschöpfungen erwarten, die der Diaspora neue geistige Werte liefern. Auf lange hinaus wird vielmehr Palästina von der Diaspora und von der europäischen Kultur geistig abhängig bleiben. Auch nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil hat es Jahrhunderte gedauert, bis wieder eine wirklich originale, bodenständige jüdische Geisteskultur erwuchs. Dem läßt sich auch nicht durch Schaffung literarischer Organe und kultureller Institutionen abhelfen. Solche Bestrebungen, verfrüht eingeleitet, können nur auf geistigem Gebiete zu einer ähnlichen Pseudokultur führen, wie sie etwa in Bukarest durch die Nachahmung von Paris entstanden ist. Darum müssen wir Sätze wie den folgenden scharf ablehnen: „Die Gründung einer großen Hochschule in Palästina für Wissenschaft und Kunst, die Gründung einer Akademie für Sprache und Literatur, das ist darum meines Erachtens ein großes, erhabenes nationales Werk, das uns unserem Ziele näher bringt als 100 Bauernkolonien **), weil . . . es a u c h heute schon **) imstande wäre, dem Geiste des ganzen Volkes neue Impulse zu geben und unseren nationalen Gütern wieder wahres Leben einzuhauchen. (S. 135.) Nein, so haucht man kein Leben ein. Es zeugt von gesunden Empfindungen, daß in Palästina selbst die Idee einer jüdischen Universität fast einhellig abgelehnt worden ist. Weniger „Geist“,, mehr „Scholle“, das wünschen wir unserer Siedlung in Palästina für die nächsten Jahrzehnte. Einwendungen zu machen erfordert mehr Platz als Zustimmung kundzugeben. Ich möchte deshalb *) Es entbehrt nicht eines gewissen Humors, wenn man zur gleichen Zeit, wo in Buber’s Zeitschrift „Der Jude“ jüdisch-deutsche Volkslieder von Arno Nadel als Perlen zartester Poesie gepriesen werden, bei Achad Haam (Anm. zu S. 162) liest: „Die Jargon-Volkslieder, welche G i n zb u r g und Marek gesammelt und herausgegeben haben, Lieder, welche nicht die geringste Spur von Poesie und Gedanken, sondern bloßes Geplapper enthalten . . . — Die Übertreibung fällt beiden Seiten gleichmäßig zur Last . **) Von mir gesperrt. nicht etwa den Eindruck aufkomtnen lassen, als ob das Meiste in diesem Buche der Kritik bedürfe. Im Gegenteil ist dieses Buch eine Fundgrube tiefer und treffender Gedanken und sollte in den Händen jedes denkenden Nationaljuden sein. Wir haben dem Jüdischen Verlag herzlich zu danken, daß er diese ’ Sammlung von Achad Haam’s Aufsätzen in deutscher Sprache zugänglich gemacht hat. Die Übersetzung von Harry Torczyner ist vorzüglich, originalgetreu und dabei (von kleinen seltenen Fehlern abgesehen) in ausgezeichnetem Deutsch. — Für die Anordnung des Buches dürfte es am besten sein, die beiden Teile (Zionistische Politik—Kulturfragen) deutlich zu trennen und innerhalb des 2. Teiles streng zeitlich zu ordnen. Der wundervolle Aufsatz „Die Bilanz“ sollte den Schluß bilden; dafür könnte der jetzige letzte Aufsatz „Die Schwankenden“ fortbleiben, da er entschieden der schwächste der Sammlung ist. Wir hoffen mit gutem Grund, daß uns Achad Haam nach seiner „Bilanz“ noch weitere Früchte seines klaren Denkens schenken wird. Wenn das jüdische Volk an entscheidenden Punkten seiner Bahn steht, wird es auch weiterhin der Stimme dieses getreuen und lauteren Wegweisers mit Ehrfurcht lauschen. Die industrielle Entwicklung Palästinas. Von Davis T r i e t s c h. Die Türkei als ein Staat von 23 Millionen Einwohnern bietet sicherlich einer industriellen Entwicklung Raum, und es hat ja auch eine Zeit gegeben, in der gerade die Länder des vorderen Orient, die dem heutigen türkischen Gebiet entsprechen, in der Industrie der ganzen bekannten Welt führend gewesen waren. Noch heute zeigen zahlreiche in den allgemeinen Besitz der europäischen Sprache übergegangene Worte die einstige industrielle Überlegenheit dieses vorderen Orients. Dies gilt besonders von der Textilindustrie — also gerade derjenigen, in der die türkischen Länder innerhalb der letzten Generationen am meisten in die Abhängigkeit von Eubopa und zwar besonders von Großbritannien geraten sind. Die Bezeichnungen Damast, Mousslin, Gaze, Joppe und vielleicht auch Seide, gehen auf die Städte Damaskus, Mossul, Gaza, Jaffa und Seida zurück, die einstmals Mittelpunkte der Textilindustrie des Orients waren, von denen aus die ganze damalige Welt mit jenen Erzeugnissen versehen wurde. Die europäische Technik hat, wie erwähnt , diese Bezugs - Verhältnisse umgekehrt, aber schon längst setzt eine neue Bewegung ein, die eine ganze Anzahl noch kürzlich in industrieller Beziehung von Europa abhängiger Gebiete wenigstens zum Teil wieder selbständig macht. Auch in der Türkei gab es schon vor dem Kriege eine ganze Reihe solcher Ansätze, und das Land ist an Rohstoffen so reich, oder hat doch so große Möglichkeiten, seine bisherige Rohstofferzeugung zu vergrößern, daß in dieser Hinsicht kein Zweifel an den türkischen Industriemöglichkeiten zu bestehen braucht. Auch hinsichtlich der motorischen Kraft steht die Türkei nicht ungünstig. Sie besitzt große bereits erschlossene und noch viel größere bisher unerschlossene Lager an Kohlen und besonders an Petroleum. Auch elektrische Kraftanlagen fin-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.