Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 39 (29.9.1916)
- Date
- 1916-09-29
- Page
- Seite 356 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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856 Das Jüdische Echo Nr. 89 ob er oder Herzl an der Spitze der Bewegung stehen sollte. Heute, nach zwanzig Jahren, sehen wir klarer. Wiir müssen dem Geschick dankbar sein, daß es beide Männer an den rechten Platz gestellt hat: den Gedankenmenschen Achad Haam an seinen Schreibtisch, und den Tatmenschen Theodor Herzl an das Ruder der Bewegung und auf den Präsidentensitz des Kongresses. Nicht die kristallklaren Abhandlungen Achad Haam’s, sondern mir der feurige Wille Herzl’s konnte die Massen entzünden und fortreißen, des sind wir alle lebende Zeugen. Zeuge ist aber auch Achad Haam selbst in seinem Aufsatz „Die Bilanz“ (1912), der wohl die Krone der Sammlung ist. Im Jahre 1899 hat er zum ersten Mal, 1911 zum zweiten Mal die Siedlung in Palästina besucht. Wenn wir die gewaltige Änderung aller Dinge in diesem Zeitraum, von der Achad1 Haam selbst den stärksten Eindruck erhalten hat, auf ihre Gründe prüfen, so werden wir bekennen müssen, trotz Achad Haam, daß der neue Geist, der hier alles zu neuem Leben erweckt hat, der Geist Herzl’s ist, dessen Bild in jedem Hause des neuen Jischub von der Wand grüßt. Nicht durch dies oder jenes Einzelne, was Herzl gewollt oder erstrebt hat, sondern durch die Neuschaffung des jüdischen Menschen, der in Herzl selbst den neuerstandenen Juden sah. Das Volk weiß es: Werden ist höher als Sein. Achad Haam spielt oft mit dem Gedanken, daß Herzl und seine Bewegung etwas Messianisches an sich haben. Mag sein. Aber in dieser dunkel-dämonischen Kraft liegt gerade das Geheimnis, das Herzl umrauscht. Dieser Aufsatz „Die Bilanz“ sollte von Jedem gelesen werden. Er gibt nicht nur ein Eazit, sondern auch Ausblicke. Schon zeichnet sich in ihm das Problem ab, das in naher Zukunft das beherrschende für die ganze jüdische Arbeit in Palästina sein wird: Das Problem der jüdischen Arbeit und des Arabertuins. In seiner unbestechlichen Wahrheitsliebe findet Achad Haam für die jüdische Arbeiterbewegung und ihr Bestreben, den Araber gänzlich auszuschalten, Worte, die einem übertriebenen jüdischen Nationalismus hart in die Ohren klingen. Auch das wollen wir diesem Führer zur Wahrheit dankbar gedenken, und wenn nicht alles täuscht, wird er noch einmal in dieser Frage seine weithin gehörte Stimme deutlich erheben müssen. * * * Die zweite Hälfte des Bandes bilden Aufsätze über kulturelle Fragen. Da wird es manchen überraschen, wenn wir urtdlen: Die Stärke Achad Haam’s liegt weit mehr in seinen politischmethodischen Ideen als in seinen Äußerungen über Kulturfragen. Denn wir sind gewohnt, in Achad Haam grade den Führer einer neuhebräischen Kultur zu sehen. Das ist er auch in der Tat, und es liegt niemandem ferner als mir, seine wahrhaft bahnbrechenden Verdienste auf diesem Gebiet zu leugnen. Aber die rationale und systematisierende Richtung seines Geistes bringt ihn dazu, Fragen, die ihrem Wesen nach tief im Seelischen verankert sind, nach ihrer äußeren Form und darum schematisch zu betrachten und zu beantworten. Das zeigt sich schon in der Bewertung des Ost- und West-Judentums, wie sie an zahlreichen Stellen des Buches hervortritt. Das Problem liegt doch nicht einfach so, daß die Westjuden kaum noch Juden sind, die Ostjuden dagegen ganze und wahre Juden. Vor 100 Jahren waren wir noch „Ostjuden“, in 30 Jahren können die Ostjuden „Westjuden“ sein. Es liegt vielmehr so, daß beide Teile Abwandlungen des echten nationalen Judentums sind. Auch das Ghetto ist nicht, wie man nach dem Aufsatz „Golusverneinung“ meinen könnte, „volles jüdisch-nationales Leben“, und auch der Ostjude — es muß einmal ausgesprochen werden —1 steckt voller Assimilation und weicht sehr stark von dem „wahren“ Juden ab, nach dem wir rückwärts oder vorwärts blicken. Hier hat Überschätzung äußerer Merkmale und Unterschätzung des Willens zum Judentum zu einer schiefen Beurteilung geführt. Das Gleiche empfinde ich bei Achad Haam’s Besprechung von Herzl’s „Altneuland“, die mich heute genau so schmerzlich berührt, wie vor 13 Jahren, weil hier Herzl bitter unrecht getan wird. Weil Herzl nicht ausdrücklich versichert, daß in seinem Altneuland Hebräisch gesprochen wird, darum hat Achad Haam kein Auge für die hohe Schönheit dieser dichterischen Vision (wer wollte sie wörtlich-real auffassen!) und die Fülle echt jüdischen Geistes, die in ihr liegt. Damit kommen wir zur Frage des Hebräischen, dem Zentralproblem Achad Haam’s. Um Mißverständnisse auszuschalten, möchte ich vorab bemerken, daß ich von der Notwendigkeit des Hebräischen als unserer Nationalsprache tief überzeugt bin, und daß ich hauptsächlich deswegen nach Palästina ging, um meinen Kindern eine hebräische Erziehung zu ermöglichen. Aber das Hebräische ist doch zunächst nur eine Form des nationalen Lebens, das in Wahrheit erst durch den Geist seines Inhalts zu einem nationalen gestempelt wird. Man kann, auch in Palästina, auch mit einem fließenden Hebräisch im Munde, in Denkungsart und Lebensführung durchaus u n jüdisch sein; und man kann, auch wenn man das Unglück hat, nicht von Kindesbeinen an Hebräisch gelernt zu haben, ein wahrer Nationaljude sein. Weit mehr noch gilt das Gesagte für den Fall, daß das Hebräische nicht im völkischen Rahmen als lebende Sprache gesprochen, sondern als Literatursprache geschrieben wird. Hier zeigt sich die rein formale Betrachtungsweise Achad Haam's im schärfsten Lichte: Zur nationalen Literatur gehört nach ihm nur das, was in hebräischer Sprache geschrieben ist! (S. 125 u. 130.) Mit der Anerkennung dieses Satzes wöirden wir eine ungeheuere Amputation am jüdischen Geiste vorzunehmen haben. Denn, um vom 19. Jahrhundert ganz abzusehen, würden aus der jüdischen National-Literatur auszuscheiden haben Philo und Josephus, die arabisch geschriebenen Werke des Avicenna und Maimonides, Spinoza und — vor a 11 e m de r T a 1 in u d! Diese Ungeheuerlichkeit widerlegt sich selbst; sie ist geboren aus einer Überschätzung der Form auf Kosten des Inhalts. Wird es vielleicht den Deutschen einfallen, aus ihrer Literatur Friedrich den Großen auszuscheiden, weil er französisch, oder Leibniz, weil er lateinisch schrieb? Kurzerhand ist damit auch die jüdisch-deutsche Literatur gerichtet. Dabei möchte ich nochmals betonen, daß ich im Prinzip durchaus auf Achad Haam s Standpunkt stehe, daß Hebräisch unsere Nationalsprache und Jüdisch-Deutsch nur eine behelfsmäßige Zeitanpassung ist, wie im Altertum das Aramäische und bei den Sephardim das Spaniolische. Darum ist es doch nicht angängig, so echt jüdische Werke wie z. B. die Scholem Alei-