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Das jüdische Echo · 1916-09-29 · 39 (29.9.1916) · p. Seite 355

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
39 (29.9.1916)
Date
1916-09-29
Page
Seite 355 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 355 Achad Haam hat nicht nur dem national-politischen Leben der Judenheit sein Gepräge gegeben. Er hat in vielleicht noch größerem Maße die gesamte jüdische Literatur seiner Zeit mit allen ihren Richtungen und Strömungen beeinflußt. Noch ist in aller Erinnerung sein Kampf gegen die Moderne in der hebräischen Literatur, seine Interpretation der Lehren Nietzsches („Das Übervolk“), sein Auftreten gegen Dubnows geistigen Nationalismus („Golus-Verneinung“), gegen die Nationalisierung des Jidischen („Ein Sprachenstreit“) usw. Was aber seinen Einfluß auf die hebräische Literatur betrifft, so genügt es, daran zu erinnern, daß Bialik ihm eine begeisterte Ode gewidmet hat, in der er Achad Haam seinen Lehrer genannt hat, und daß die besten hebräischen Schriftsteller eine Zeit lang stark unter seinem Einfluß standen. Seine Bedeutung für die Ausbildung des philosophisch-publizistischen Stils im Hebräischen ist kaum zu unterschätzen. Niemand wird auch wohl leugnen, daß er sowohl als Schriftsteller wie als Redakteur der ersten zehn Bände des „Haschiloach“ mehr als irgend jemand zur Veredelung des ganzen Tones in der hebräischen Literatur beigetragen hat. Ernst und standhaft, stets sich selber treu, niemals sich mit seinem Gewissen abfindend, nur dann zur Feder greifend, wenn er dazu den inneren Drang verspürt, niemals Überflüssiges aussprechend, nie seine Überzeugung verschweigend, niemals seine eigenen Anhänger verschonend und niemals die Wahrheit irgendwelchen Rücksichten opfernd — so steht Achad Haam vor uns, ein mächtiger Fels unerschütterlicher Wahrheit, das Ideal eines Schriftstellers und Lehrers. Achad Haams Schriften.*) Von Dr. Elias Auerbach. Die zwanzig Jahre des Zionismus seit Theodor Herzl’s „Judenstaat1, die wir miterlebt und mitdurchkämpft haben, ziehen an uns in dem zweiten Sämmelband vorüber, den der „Jüdische Verlag“ aus den Aufsätzen Achad Haams’ zusammengestellt hat. Tief und unverlierbar ist der Eindruck von der hellseherischen Klarheit und Sicherheit, mit der Achad Haam durch allen Streit der Meinungen hindurich von Anfang an seineMeinungen unbeirrt aufgestellt und ohne viel Änderung bis heute aufrechterhalten hat. Damals war er wirklich „Einer aus dem Volke“, Einer allein mit seinen Anschauungen, die von rechts und links angegriffen wurden. Heute, als Sechzigjähriger, kann Achad Haam mit Genugtuung sagen, daß seine Ideen durch die zähe Gewalt ihrer Logik sich durchgesetzt, daß sie umgestaltenden Einfluß auf die zionistische Bewegung gewonnen haben. Fast unheimlich berührt es, wie dieses System jüdischer Denkarbeit von vorneherein fertig, ohne sichtbaren Kampf, ohne inneres Schwanken hervortritt. Liegt bei vielen Großen ihre Größe grade in ihrem Werden, ihrem Ringen, ihrer Entwicklung, ihrer Selbst-Überwindung, so liegt sie bei Achad Haam in der klassischen Abgeschlossenheit, Überlegenheit, Selbstgewißheit. Das Goethe’sche Wort: „es irrt der Mensch, so lang er strebt“, scheint auf ihn nicht zu passen. Zwei leitende Ideen sind es, um die sich alles in diesem Buche ordnet: Die scharfe Tren- *) Achad Haam, „Am Scheidewege“ II. Aus dem Hebräischen von Dr. Harry Torczyner. Jtid. Verlag. Berlin 1916. nung von Juden not und Palästina- Arbeit, und die zentrale Bedeutung der hebräischen Sprache für die jüdische Kulturpolitik. Die grundlegende Erkenntnis, daß die Kolonisation eines dünn bevölkerten Landes, Idie Ihr Augjenmerk vor allem auf Landerwerb und Bodenbearbeitung richten muß, nicht als Zielpunkt der jährlichen Judenwanderung von vielen Zehntausenden dienen kann — eine Erkenntnis, zu der wir im politischen Zionismus Organisierten uns erst unter schweren Kämpfen und durch den äußeren Zwang der Ugandafrage durchgerungen haben — sie ist von Achad Haam bereits in dem ersten und ältesten Aufsatz dieser Sammlung (1897) in aller Schärfe ausgesprochen worden. Aus ihr leitet er die Folgerung ab, daß das Ziel der zionistischen Palästina-Arbeit nicht Beseitigung der Judennot in der Diaspora sein kann. Und daraus wiederum, daß die Siedlung in Palästina niemals die Heimstätte des ganzen jüdischen Volkes oder seiner Mehrheit werden kann (S. 48 u. a.), sondern nur ein „geistiges Zentrum“. Dieser Begriff ist viele Jahre lang aufs schärfste angegriffen worden; aber er ist in der Deutung, die Achad Haam ihm gibt und die naheliegende Mißverständnisse iausschließt, unangreifbar. iDie auf s oH i d e r materieller Grundlage auf gebaute Siedlung in Palästina soll sein „ein festes Zentrum für unser Volk und seine Kultur, das zu einem neuen geistigen Bande zwischen den zerstreuten Teilen des Volkes werden und von seinem Geiste ihnen geben soll, um sie alle zu neuem nationalem Leben zu erwecken“. (S. 73.) Diese politischen Grundgedanken Achad Haam’s klingen heute wie Binsenwahrheiten. Und das ist das höchste Lob für sie; sie haben sich so allgemein durchgesetzt, daß nur noch wenige unklare Köpfe immer und immer wieder von einer „Überleitung des Auswandererstromes nach Palästina“ sprechen können. Die Erhaltung und Sicherung der jüdischen Nationalität und der jüdischen Kultur, die Achad Haam’s oberstes Ziel ist, ist es auch durch seine Arbeit für alle die geworden, die im Zionismus zuerst etwas Anderes sahen. Haben wir so den unsterblichen Verdiensten Achad Haam’s ihr Recht widerfahren lassen, so muß nun auch Anderes gesagt werden. Für so klare, in sich ruhende, ihrer Einheitlichkeit bewußte Naturen wie Achad Haam ist es schwer, anderen Persönlichkeiten und Strömungen gerecht zu werden. Und vor allem der überragenden Persönlichkeit Theodor Herzl’s ist er nicht gerecht geworden. Wenn wir seine Abhandlungen heute lesen, müssen wir uns fragen: War also der politische Zionismus Herzt’s nur eine abwegige und, im höheren Sinne, historisch unnütze Bewegung? Gewiiß, sagt Achad Haam. Seinem nüchtern rechnenden, durch und durch rationalen Verstände fehlt vollkommen das Verständnis für die irrationale, aber darum grade bis ins Tiefste gehende Wirkung einer solchen schöpferischen Persönlichkeit, wie sie Theodor Iierzl wrar. Achad Haam ist „Realpolitiker“; aber darum ist sein Blick verschlossen für die alte Wahrheit, daß, auch in aller Realität, nur der das Mögliche erreicht, der das Unmögliche will. Wären wir heute weiter, wenn ein Achad Haam an der Spitze der Bewegung gestanden hätte? Es genügt, die Frage aufzuw^erfen, um sie zu verneinen. Als Achad Haam zum ersten Kongreß nach Basel kam, konnte es zweifelhaft sein,

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