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Das jüdische Echo · 1916-09-29 · 39 (29.9.1916) · p. Seite 354

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
39 (29.9.1916)
Date
1916-09-29
Page
Seite 354 (sequence 4)
Language
German
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354 Das Jüdische Echo Nr. 93 der jetzigen russischen Grenzen beträgt kaum noch 3V-> Millionen: Südwestlicher Teil des Ansiedlungsrayons (Kiew, Wolhynien, Podolien, Poltaw'a, Tschernigoff) 1.800.000 Südlicher Teil (Bessarabien, Jekaterinoslaw, Taurida, Cherson 800.000 Kleine Abschnitte des nordwestlichen Teils (Minsk, Mohilew, Wiitebsk) 700.000 Zentralrußland, Sibirien, Turkestan, Kaukasus, etwa 50.000 3.800.000 Die Juden in jenen Gebieten, die unter deutsche Herrschaft gelangt sind, zusammen mit den Juden in Deutschland (615.000) und denen in Österreich-Ungarn (2.260.000) sind also im Begriff, ein neues jüdisches Zentrum von über 51/-’ Millionen Seelen zu bilden. Wenn die Verhältnisse bleiben wie sie jetzt sind, erhält das jüdische Volk ein ganz anderes Aussehen als früher. Es erhält dann drei große Zentren: erstens das österreichisch-deutsch-polnische oder das jüdische Zentrum der Zentralmächte mit 57a Millionen Seelen; zweitens das russische mit etwa 31I» Millionen; drittens das amerikanische mit 3 Millionen. Dazu kommen eine Reihe kleiner Zentren in verschiedenen Ländern. Diese Verschiebung ist die größte, die je in der Geschichte der Juden stattgefunden hat. 5. Die Katastrophe im jüdischen Leben. Ein Resultat des Krieges, an dem auch eine Änderung der heutigen politischen Lage nichts mehr ändern könnte, ist die Zerstreuung der Juden Littauens und Polens über Zentralrußland und die damit verbundene Katastrophe im jütischen Gemeindeleben. Durch sie ist der seit 140 Jahren bestehende Ansiedlungsrayon durchbrochen worden. Seit anderthalb Jahrhunderten war das russische Volk in Zentralrußland und in den asiatischen Provinzen Rußlands (Sibirien, Turkestan und Kaukasus) niemals in nahe Berührung mit den Juden gekommen. Eine ganze „chinesische Mauer“ von Gesetzen, ministeriellen Verfügungen, Gerichtsentscheidungen, Polizeiverordnungen usw., war zu diesem Zweck aufgebaut worden, die nun durch den Weltkrieg gewaltsam zerstört worden ist. Der große Strom der Kriegsflüchtlinge und Verbannten, den der Ansiedlungsrayon nicht mehr fassen konnte, strömte auf das geheiligte russische Gebiet über. Durch die Ministerialverordnung vom 4. (17,)Aug. 1915, durch die den Juden vorübergehend das Wohnrecht in allen Städten, Rußlands (mit Ausnahme der kaiserlichen Residenz und einigen anderen Plätzen) zugebilligt wurde, ist diese Tatsache legalisiert worden; außerdem wurden 250.000 bis 300.000 Juden gewaltsam evakuiert. Es haben also gewaltige Verschiebungen der jüdischen Ansiedlung in den russischen Städten stattgefunden. Juden aus Smorgon sind nach Kungursk im Ural gekommen, Juden aus Krakinow nach Ufa. Man muß das Leben einer jüdischen Gemeinde in Smorgon, Krakinow oder einer ähnlichen Stdt kennen, um zu verstehen, was für eine Katastrophe ihre gewaltsame Verschickung nach dem Ural bedeutet. Es handelt sich nicht nur um einen völligen Umschwung in der traditionellen Politik der russischen Regierung,, sondern auch um einen völligen Umschwung im innerjüdischen Leben. Die Lage in den neuen jiididischen Siedlungen ist heute sehr schlimm. Inmitten einer fremden Umgebung, ohne Kenntnis der sie umgebenden Sprache, ohne die dem Juden so notwendigen Einrichtungen, wie Synagogen, Chedarim, Chevras usw., fühlt sich der neue Siedler sehr unbehaglich und leidet materiell, körperlich, seelisch und sozial unter den neuen Verhältnissen. Aber dank der riesigen Hilfe der jüdischen Organisationen, dank dem Organisationstalent der Juden und besonders ihrer Fähigkeit, sich anzupassen, beginnen die verstreuten Juden sich einzugewöhnen. Die Zersplitterung des jüdischen Gemeindelebens wird sich aber nie wieder gut machen lassen. (American Hebrew.) Hchad Haam.*) Auszug aus einem Aufsatz in Jewreijskaja Shisn Nr. 32 von Dr. Josef Klausner. Die alte Chibbath-Zion, die Schöpfung von Smolenski und Pinsker war von ihrem ursprünglichen Wege abgewichen. Aus der großzügigen politischen Bewegung auf geistig nationaler Grundlage war sie zu einem halb-philanthropischen Unternehmen mit orthodoxem Einschlag geworden, einem Unternehmen, das zu Ende der 80er Jahre dank seiner Kleinigkeitskrämerei und seinem Liebäugeln mit der Orthodoxie sich den besten Teil der jüdischen Jugend entfremdete. Da tritt Achad Haam mit seinem „liberum veto“ „Lo se haderech“ (Nicht dies ist der Weg) hervor. Er wird angegriffen und befehdet, man versucht ihn zu widerlegen, aber schließlich wird ein Teil seiner Anschauungen izum Bestand der Weltanschauung auch seiner Gegner; die Chibbath-Zion gewinnt an Weite und Tiefe und aus einem Institut wird sie wieder zu der großen nationalen Idee, die sich eine vielseitige kulturell-politische Tätigkeit zum Ziel setzt und dem politischen Zionismus Herzls den Weg bahnt. Im Gegensatz zur Chibbath-Zion will der Herzische Zionismus eine ausschließlich politische Bewegung sein, indem er nicht nur deren geistige Züge verwischt, sondern auch auf die systematische Kolonisationstätigkeit im Namen seiner „öffentlich rechtlichen“ und „charakteristischen“ Methoden verzichtet. Und wiederum erschallt Achad Haams „liberum veto“. Er verkündet die Lehre: „Israels Erlösung wird nicht durch Diplomaten erfolgen, sondern durch Propheten.“ Und wieder Kampf, Angriffe, Pamphlete sogar — und zuletzt wird der politische Zionismus praktisch und kultur-politisch, und der besiegte Achad Haam siegt, ohne daß wir es merken, über die Mehrzahl seiner Gegner. Und als in den Revolutionsjahren 1904/6 russische Juden für die Sache der Fremden arbeiteten in der Voraussetzung, daß jene dafür sich der Sache der Juden annehmen würden, erhob Achad Haam die Forderung, daß die Juden zu allererst sich um die Erlangung der elementaren Menschenrechte für sich selbst kümmern sollen, und nicht um jenes Allgemeine, das selbst die westeuropäischen Völker noch nicht erreicht haben. Zugleich damit sieht er voraus, daß dank der Teilnahme der Juden an der Revolution diese Bewegung diskreditiert werden würde, denn man würde sie als ausschließlich jüdisch hinstellen — was ja auch später buchstäblich eintraf. Ö Wir berichteten neulich, daß der große jüdische Denker Achad Haam (U. Ginsberg) seinen 60. Geburtstag feierte.

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