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Das jüdische Echo · 1916-09-29 · 39 (29.9.1916) · p. Seite 353

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
39 (29.9.1916)
Date
1916-09-29
Page
Seite 353 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 353 Wirkungen des Krieges. Von Boris G o 1 d b e r g. Es ist Zeit nachzupriifen, welchen Einfluß bisher der Krieg auf das Leben des jüdischen Volkes gehabt hat. Der Anteil der Juden am Kriege läßt sich in dreifacher Hinsicht feststellen. Sie stehen zum Kriege in Beziehung: 1. als Teil der Bevölkerung der kriegführenden Länder; 2. als Teil der Bevölkerung jener Gebiete, die unmittelbar von der Kriegsnot heimgesucht wurden; 3. als Teil der kämpfenden Heere, die tätigen Anteil an der Kriegführung nehmen. 1. Die Juden in den kriegführenden Ländern. Vom gesamten jüdischen Volke, das in der ganzen Welt I3V2 Millionen Seelen zählt, leben nicht weniger als 10.299.000 in den kriegführenden Ländern. Rund gerechnet gab es zu Beginn des Krieges in den Ländern der Entente 6.943.000 und in den Ländern der Zentralmächte 3.356.000 Juden. (Rußland 6.060.000; England 246.000; engl. Kolonien 170.000; Frankreich 100.000; französ. Kolonien 283.000; Italien 44.000; ital. Kolonien 19.000; Belgien 15.000; Serbien 6.000; Österreich- Ungarn 2.258^100; Deutschland 615.000; Türkei 445.000; Bulgarien 38.000). Danach verbleiben in den neutralen Ländern 2.984.000 oder knapp 22.5 Prozent.1) Von dieser Gesamtzahl entfallen auf die Vereinigten Staaten 2.350.000. Es leben also drei Viertel oder, genau gerechnet, 77,5 Prozent des jüdischen Volkes in den kriegführenden Ländern, und diese haben ein tiefes Interesse am Ausgang des Krieges. Dieser Gedanke wird noch klarer, wenn man ihn folgendermaßen ausdrückt: Das jüdische Volk als solches führt gegen niemand Krieg, aber 77.5 Prozent aller Juden sind vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen, 55 Prozent auf Seiten der Entente und 22,5 Prozent auf Seiten der Zentralmächte. Diese statistischen Zahlen zeigen noch nicht genügend, wie sehr das jüdische Volk durch den Krieg leidet. 2. Die Juden im Kriegsgebiet. Das Leben in einem kriegführenden Lande ist bestenfalls mit großen persönlichen und materiellen Opfern verbunden. Diese sind jedoch am größten und stärksten in jenen Teilen der kriegführenden Länder, welche die eigentlichen Kriegsgebiete ausmachen. Alle Schrecken, die mit einem Feldzug verbunden sind — Bombardement, Mord, Feuer, Plünderung,. Requisitionen, Not und Krankheit, sind das unvermeidliche Los der Bevölkerung in diesen Gebieten. Und gerade in dieser Beziehung sind wir das auserwählte Volk; gerade die Gebiete in denen die größten Massen des jüdischen Volkes vereinigt sind —■ Polen, Litauen, Galizien, Bukowina, Wolhynien — sind die Stätten der kriegerischen Vorgänge. So sind z. B. Sochaczew in Polen und, Smorgon in Littauen einfach vom Erdboden verschwunden. Bezüglich Rußland mögen die folgenden Zahlen die Lage veranschaulichen: Von den 25 Gouvernements, die den jüdischen Ansiedlungsrayon bilden und wo 94 Prozent russischer Juden leben, liegen 19 im Kriegsgebiet und nur 6 außerhalb desselben, aber doch in unmittelbarer Nähe. Da- Ö Durch den Eintritt Rumäniens in den Krieg hat sich diese Ziffer inzwischen noch verschoben. In Rumänien gibt es 269.000 Juden. gegen sind von den gesamten 60 Gouvernements, in die das europäische Rußland eingeteilt ist, nur 22 direkt vom Kriege betroffen, und hiervon liegen 19 im jüdischen Ansiedlungsrayon und nur 3 außerhalb desselben. Galizien und die Bukowina sind vollständig Kriegsgebiet. I11 einem Wort: Für mehr als die Hälfte der 10 Millionen Juden, die durch ihre Staatszugehörigkeit zu den kriegführenden Ländern vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen sind, sind die Schrecken und Leiden des Krieges durch ihren Aufenthalt im Kriegsgebiet wesentlich verschärft worden. 3. Tätiger Anteil der Juden am Heeresdienst. Bisher war nur von dem passiven Anteil die Rede, den der größte Teil der Juden am Kriege hat: Sehr bedeutend: ist aber auch der aktive Anteil der Juden als Soldaten und Offiziere in den kämpfenden Heeren. Noch läßt sich über diesen aktiven Anteil keine genaue Statistik zusammenstellen. Im September 1914 hatte der Schreiber dieser; Zeilen Gelegenheit, statistisch festzustellen, daß damals in der russischen Armee rund 368.000 Juden dienten. Seit dieser Zeit hat sich diese Zahl auf 480.000 bis 500.000 erhöht. In Deutschland und Österreich dürften etwa 250.000 Juden im Heere stehen. Dazu kommen 40—50.000 Juden in den türkischen, bulgarischen, britischen, serbischen und italienischen Heeren. Im ganzen können wir annehmen, daß dlas jüdische Volk eine Armee von etwa 800.000 Soldaten auf die Schlachtfelder entsandt hat. Es erhebt sich nun die elementare Frage: Welchem gemeinsamen jüdischen Volksideal, welchem gemeinsamen jüdischen Volksinteresse dient dieses große Heer von Juden? Für welche jüdische Sache werden diese furchtbaren Blutopfer gebracht? Für kein einziges anderes Volk existiert diese Frage. Vom Standpunkt des jüdischen Volkes ist das Blut einer riesigen jüdischen Armee umsonst vergossen. 4. Verschiebung des Zentrums der Judenheit. Eine Folge des Weltkrieges ist die Verschiebung des nationalen Zentrums der Judenheit. Bis jetzt war das Gravitationszentrum des jüdischen Volkes das Reich des Zaren. Dort lebte, unter dem Szepter der Romanoffs, die Hälfte des jüdischen Volkes als eine kompakte nationale Menge. Die russische Judenheit, d. h. die Juden von Littauen, Polen, Wolhynien und anderer Regionen, standen alle unter den gleichen Gesetzen und Beschränkungsmaßregeln, und mehr als 125 Jahre lang — mit nur wenigen Unterbrechungen — bildeten sie nolens volens eine kompakte nationale Einheit und führten ein besonderes Leben. Dieses jüdische Zentrum, das —trotz seiner Unzulänglichkeiten — die Duelle jüdischer Kultur, die Basis des jüdischen Volkslebens ist, hat die übrige Judenheit in der ganzen Diaspora beeinflußt. Dieses große russisch - jüdische Zentrum ist nun in Stücke gerissen. Im Juli 1914 gab es im ganzen 6 Millionen Juden russischer Staatszugehörigkeit. Jetzt (im Sommer 1916) ist Rußland um ein Gebiet von über 2V2 Millionen Einwanderer ärmer (Polen 1.800.000; der größte Teil von Littauen, d. h. Grodno 280.000, Wilna 210.000, Kowno 22.000 und ganz Kurland etwa 40.000). Die jüdische Bevölkerung innerhalb

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