Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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844 Das Jüdische Echo Nr. 38 ■' it wenn diese Kreise sich bei allen Entschließungen zuvor mit den polnischen Juden verständigen. Natürlich kommen nur national-jüdisch gesinnte Kreise für diese Mitarbeit in Betracht, da ja unter allen deutschen Juden nur sie allein ein wirkliches Interesse an der Erringung jüdischer Volksrechte für die Juden in Polen haben, da nur sie allein der Wesensart der polnischen Juden genügend Würdigung und Achtung entgegenbringen um zu verstehen, daß man nicht über die Köpfe der polnischen Juden hinweg handeln darf, sondern Seite an Seite mit ihnen zu arbeiten hat. Daß es seine Nachteile hat, wenn einzelne national gesinnte Juden, ohne Auftrag von irgendeiner völkischen Organisation, sich an das polnisch-jüdische Werk begeben, hat sich bereits herausgestellt. Wenn aber hinter den einzelnen Persönlichkeiten eine machtvolle Organisation steht, darf man sich von ihren Bemühungen um die schwere Aufgabe Erfolg versprechen. Ostjüdische Kreise haben bisher vergeblich auf das Eingreifen der zionistischen Organisationsleitung gewartet. Die Leitung wird vermutlich ihre guten Gründe gehabt haben, von einer Mitarbeit in der Ostjuden-Politik abzusehen, solange die Lage im Osten sich noch nicht übersehen ließ, und solange man mit irgendeiner fundamentalen Änderung in der bisherigen Palästina- Politik rechnen konnte. Nunmehr lassen sich die Dinge im Osten überschauen, und gewiß werden die bisher mit der Tatenlosigkeit der Zionisten Unzufriedenen sich davon überzeugen lassen, daß das Abwarten seine gewichtigen Gründe hattje. Noch immer erwarten die Massen im Osten, daß der Zionismus dort mitarbeitet, wo es sich um die nationale Befreiung der Juden handelt. Nur muß natürlich der geeignete Zeitpunkt abgewartet werden. Daß durch einen energischen Kampf für die nationalen Rechte der Juden in Polen der zionistischen Partei im Osten eine starke Anhängerschaft erwachsen muß, ist sicher. Und dieser Zuwachs an Anhängern und Macht wird sich wiederum sehr vorteilhaft bemerkbar machen, sobald die Lage in Palästina eine stärkere Aufnahme der dortigen Arbeit gestattet. Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem.*) (Schluß.) Wir haben in den letzten Nummern einen Überblick über den Inhalt der Eeuchtwangerschen Schrift gegeben. Wir möchten heute einige Bemerkungen daran knüpfen. Die Arbeit Feuchtwangers ist durchaus erfüllt von einem ernsten Bestreben nach wissenschaftlicher Erkenntnis, von dem Geist objektiver Forschertätigkeit. Das muß anerkannt werden, auch von dem, der die Ergebnisse der Feuchtvvangerschen Deduktionen nicht billigt, und dem manche zugespitzte Formulierungen seiner Schlußfolgerunm tmd Thesen ungerecht und verletzend erscheigen nen. Das will der Verfasser — dem aufmerk- *) Vgl. die Nrn. 35, 36, 37. Die Schrift von Dr. Siegbert Feuchtwanger ist unter dem Titel „Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem“ im Verlage von Carl Heymann Berlin erschienen. (Preis 2 Mark.) sainen Leser kann das nicht entgehen — nirgends sein, und die mehrfach geübte überscharfe Herausarbeitung von Erscheinungen des jüdischen Lebens zu Bildern, die der Wirklichkeit nicht mehr entsprechen, geschieht stets nur, um die Theorien des Verfassers in möglichst drastischer Weise an Hand der Praxis zu illustrieren. Gehässigkeit und hämische Freude an den Fehlern anderer, liegt dem Verfasser offensichtlich durchaus ferne; und die Kritik eines orthodoxen Blattes, die ihm derartiges jüngst vorwarf, tut ihm vollkommen unrecht. Unser Eindruck ist vielmehr der, daß der Verfasser mit einer außergewöhnlichen Kühle die siedendheißen Dinge behandelt, die wir die „Judenfrage“ nennen. Nur vereinzelt zeigt sich eine stärkere gefühlsmäßigere Teilnahme des Verfassers an dem Gegenstand. Im Allgemeinen behält er seinen „kühlen Kopf“ gegenüber den „Romantikern“ von rechts und links, und w^eist ihnen allen logisch sclnrf die Unzulänglichkeit ihrer „wissenschaftlichen Fundamentierung“ nach. Allen, den Zionisten sowrohl, wie den Orthodoxen und den Anhängern Hermann Cohens. Darin liegt unseres Erachtens die Stärke, aber auch die Schwäche der Eeuchtwangerschen Schrift. Gewiß verdanken wir dieser Methode eine ganze Reihe von klugen und geistvollen Bemerkungen, eine Aufdeckung von Zusammenhängen und Parallelen, die manche Vorgänge im jüdischen Leben und manche Beziehungen von Juden und Nichtjuden in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. Der Verfasser vermehrt unser Wissen über die Judenfrage und w^eist mit Energie die Wege, auf denen die jüdische Wissenschaft in der Zukunft neue Erkenntnisse zutage wird fördern können. Das ist unbestreitbar ein Verdienst des Autors. Aber ob wir auf dem vom Verfasser eingeschlagenen Weg wirklich zu einer gesunden jüdischen Politik kommen — und die muß doch einer „Lösung der politischen Judenfrage“ vorausgehen — das scheint mir doch zweifelhaft. (Ich habe dieser Tage in einer angesehenen deutschen Zeitschrift in einer Betrachtung über die Politik der deutschen Reichsregierung folgende Sätze gelesen: „Die Menge des Wissensstoffs ist für das Handeln nur dann von Vorteil, wenn die Instinktsicherheit entsprechend groß ist, so wde die Güte des Magens der Menge der Nahrung entsprechen muß, wenn diese verdaut wrerden soll. Bei geringer Fähigkeit zum Verarbeiten wirkt die Menge des Wissensstoffs verwirrend und schädigend, sodaß desto weniger Taten sich einstellen, jemehr Tatsachen bekannt sind.“ Ich mußte beim Lesen dieser Sätze unwillkürlich an die Feuchtwangersche Schrift denken, Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. St1 ZI Eigene Verkaufsstelle; Karlsplatz 25 (Hotel 4 52