Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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as Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M.4.—, Einzelnummer lOPf. — Verlag Ides „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, ÜpaLMig Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 PL — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 38 München / 3. Jahrgang 22. September 1916 Zur Lage in Polen. Seitdem die Nachricht durch die Zeitungen ging, daß die Einwohner der besetzten Gebiete im Osten künftig als „Angehörige des Königreiches Polen“ bezeichnet werden sollen, hat man wenig über die Lage im Osten gehört. Aus diesem Schweigen konnte mail nur folgern, daß die Verhandlungen, die seit so langer Zeit zwischen der deutschen und der österreichischen Regierung gepflogen wurden, noch immer nicht zu einem vollständigen Abschluß gelangt seien. Aus gewissen Anzeichen darf man jedoch schließen, daß diese Verhandlungen nunmehr fast beendet sind. Aller Voraussicht nach wird das Königreich Polen militärisch und wirtschaftlich in allerengster Beziehung zur deutschen Regierung stehen, und selbst in Gebieten, die bisher lediglich von der österreichischen Regierung abhängig waren, dürfte der deutsche Einfluß entscheidend werden. Bei einem so starken deutschen Einfluß darf man annehmen, daß es auf Seiten der Polen von jetzt ab hauptsächlich auf die deutschfreundlichen Kreise ankommen wird. Vom jüdischen Standpunkt aus ist das Vorherrschen des deutschen Einflusses natürlich von höchster Wichtigkeit. Die maßgebenden deutschen Kreise haben im Laufe des Krieges verstehen gelernt, welche hohe Bedeutung den Juden im neuen Königreich beigemessen werden muß — besonders durch ihre Fähigkeit, die Gegensätze zwischen Deutschtum und Slawentum zu überbrücken. Was die Polen betrifft, so erhält durch das Zurücktreten der russophilen und stellenweise der österreichischen Polen — den Trägern des Antisemitismus — und den stärkeren Einfluß der deutschgesinnten Polen, dasjenige Polenelement den stärksten Einfluß, das sich bisher am wenigsten judenfeindlich erwiesen hat. In der letzten Zeit ist in Deutschland das anfänglich so ungemein starke Interesse für die Gestaltung des Schicksals der polnischen Juden ein wenig abgeflaut. Die früher nach Grenzschutz schrieen, scheinen eingesehen zu haben, daß die Ostjuden-„Gefahr“ für Deutschland keineswegs so groß ist, sobald die Juden Polens nicht hilflos den auf ihre Vernichtung hinzielenden antisemitischen Kreisen des Polentums ausgeliefert werden. Aber auch die deutsch-jüdischen Kreise, die sich bisher um die östliche Judenpolitik bemüht haben, verhalten sich offenbar abwartend. Ein Teil der zu leistenden Aufgabe: nämlich die Aufklärung der deutschen Regierung über Wesensart und nationale Ansprüche der Ostjuden, ist mit Hilfe deutsch-jüdischer Persönlichkeiten und Organisationen erfüllt worden. Zur Erfüllung weiterer Aufgaben, d. h. zu einem energischen Eintreten für die nationalen und kulturellen Rechte der Ostjuden war es möglicherweise noch zu früh. Vielleicht mußte man erst die Entwicklung der militärischen Lage abwarten; vielleicht war Zurückhaltung im Vorgehen gegen die Unterdrückungspolitik gewisser polnischer Kreise geboten, solange man nicht wußte, ob deutscher, österreichischer oder russophil-polnischer Enfluß im Lande ausschlaggebend werden würde. Jetzt, nachdem durch die Vorgänge in Rumänien die militärische Lage im Osten sich eher gebessert als verschlechtert hat, nachdem das deutsche Element herrschend geworden sein dürfte, ist der Augenblick gekommen, da eine eigentliche polnische Judenpolitik einsetzen kann. Die Ereignisse innerhalb der polnischen Judenheit während des Krieges, nicht zum wenigsten während der Wahlen für die Warschauer Stadtverordnung haben gezeigt, daß das polnische Judentum noch nicht stark und einheitlich genug ist, um ohne Hilfe von außen seine nationalen Forderungen aufzustellen und diese durchzusetzen. Gewisse polnisch - jüdische Kreise, die sich — teils aus Vorliebe für das Slawentum, teils aus Überschätzung der eigenen Kraft zu einem geschlossenen Vorgehen — früher gegen die deutsch-jüdische Mitarbeit sträubten, dürften einsehen gelernt haben, daß die Hilfe deutsch-jüdischer Kreise bei der Forderung nationaler jüdischer Rechte doch unentbehrlich ist, besonders Rn unsere Leser! Auch während des verflossenen Vierteljahres hat das „Jüdische Echo“ sich bemüht, seine Leser mit allen Fragen des jüdischen Lebens bekannt zu machen. Es ist ihm gelungen, sich einen ständig wachsenden Einfluß und damit einen sich fortgesetzt vergrößernden Leserkreis zu schaffen. Trotz des immer reichhaltiger werdenden Inhalts unserer Zeitschrift und trotz der erhöhten Arbeits- und Papierpreise haben wir es unterlassen, gleich so vielen anderen Blättern, den Bezugspreis zu erhöhen. Wir bitten jedoch alle L.eser, die unser Blatt erhielten, das „Jüdische Echo“ auch zu abonnieren. Der geringe Preis von 1 Mark für das Vierteljahr erleichtert jedem die Bestellung.