Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-09-15 · 37 (15.9.1916) · p. Seite 338

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 338 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138056--01021-9073847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

338 Das Jüdische Echo Nr. 87 und durch Beispiel, Schule, Erziehung und die Möglichkeit ehrlicher, rechtschaffener Arbeitsgelegenheit aus den Verfolgten, aus diesen Parias, gute, amerikanische Bürger zu formen. Die Bnai- Brith-Organisation ist vielleicht die leitende Seele aller dieser Bestrebungen, und sie kann mit Stolz auf eine große Leistung zurückblicken. Es ist nicht die materielle Hilfe, die hier Wunder wirkt, sonderin die wohldurchdachte Organisation, mit der Institute für Bildungs- und philanthropische Zwecke ins Leben gerufen wurden, und die Leitung, die zum angestrebten Ziele führen. Die Bemühungen, die Ghettobewohner aus ihren engen Wohnungen herauszubringen, werden nur nach und nach zu einem ergiebigen Resultate führen. Der russische Jude ist Kosmopolit oder besser gesagt Metropolist, er wohnt gern in Großstädten, wo es auch etwas zu sehen und zu hören gibt, und dabei sagt er sich immer, in einer Großstadt hat er mehr Möglichkeiten eine Existenz zu fifnd'en, wie auf )einem kleinen Platzfc. Es sprechen auch andere Umstände mit. Der eingewanderte russische Jude gibt seinen letzten Pfennig her, um seinen Kindern eine gute Schulbildung zu geben. M'an hat im Ausland keine Vorstellung, was diese Kinder nicht alles Unternehmern um sich die Mittel zur besseren Schulgelegenheit zu verschaffen. Ich kenne Hunderte von Jungens, die morgens und abends in den öffentlichen Straßen die Gaslaternen anzünden und auslöschen, mit ihrem mageren Verdienst die Schulgebühren bezahlen und sich dabei ernähren. Tausende von Jungens gibt es, die morgens und abends, namentlich Sonntags, als Zeitungsverkäufer in den Straßen der Großstädte sich abmühen, Tausende von Leuten, die abends in Restaurants als Kellner arbeiten, nur um die Mittel zur Schule aufzubringen. Wenn dann in den Hochschulen sogenannte Debatten geführt werden, wobei irgend eine Frage zur Entscheidung steht, so kann man mit aller Sicherheit annehmen, daß der Sieg immer einem dieser russischen Jungen zufällt, denn es darf nicht übersehen werden, daß gerade diese Chederjungen in ihrer Kindheit schon eine gewisse Geistesdisziplin durchgemacht haben, eine Disziplin, die ihnen bei der Beherrschung der Debatte immer das Übergewicht gibt. Welt-Echo Heeresdienstbefreiung an den hohen Feiertagen. Auf Ersuchen des Herrn Rabbiner Dr. Werner in München an das stellvertretende Generalkommando des I. Armeekorps in München, ist von dieser Behörde au sämtliche zuständigen Stellen des 1. bayerischen Armeekorps aie Mitteilung ergangen, daß auf Grund der bestehenden Ministerialentschließung sämtlichen jüdischen Soldaten an den bevorstehenden Feiertagen (Neujahr, Versöhnungstag und Laubhüttenfest)) D i e n s t b e f r e iu n g behufs Teilnahme an den Gottesdiensten auf deren Bitte gewährt wird, sofern dies das Dienstverhältnis gestattet. Die Kriegsgefangenen und die Feiertage. Auf eine Eingabe des Herrn Rabbiner Dr. W erne r in München, als Vorsitzenden der bayer. Rabbinerkonferenz hat das kgl. bayer. Kriegsministerium an die drei bayerischen Generalkommandos eine Verfügung erlassen, wonach die israelitischen Kriegsgefangenen an den folgenden jiid. Festtagen’ Neujahrsfest (28. und 29. September 1916), Versöhnungsfest (7. Oktober 1916), - Laubhütten- und Schlußfest (12., 13., 19. und 20. Oktober 1916), Passahfest (7., 8., 13. und 14. April 1917), Wochenfest (27. und 28. Mai 1917) vom Arbeitsdienst befreit sind. Die Gefangenen können sich in den Stammlagern bezw. Arbeitslagern zum Gottesdienst vereinigen, insoweit Gelegenheit hiezu nach den örtlichen Verhältnissen gegeben ist. Am Versöhnungstage dürfen dieselben an den Orten, an welchen eine Synagoge sich befindet und im Lager ein Gottesdienst nicht stattfinden kann, in die Ortssynagoge geführt werden. Es wird in der Verfügung weiter bemerkt, daß der Feiertag regelmäßig am Vorabend mit Eintritt der Abenddämmerung beginnt. In den besetzten Teilen von Galizien gestatteten die russischen Behörden den Juden die Wiedereröffnung ihrer Schulen. Es darf jedoch kein Unterricht in jidischer Sprache erteilt werden. — In einigen der von den Russen eingenommenen galizischen Städte wurde den Juden zur Strafe für ihre Weigerung, ihre Läden am Sabbath offenzuhalten, der Verkauf von Lebensmitteln verboten. Die Jargonsprache in den jüdischen Schulen Warschaus. Die Vertreter der jüdischen Bevölkerung Warschaus haben im Konzerthaus Harmonia eine Versammlung abgehalten und eine Entschließung angenommen, in der beantragt wird, in allen städtischen jüdischen Schulen den Unterricht nicht vjn polnischer oder deutscher, sondern in der jüdischen Jargonsprache abhalten zu lassen. Der Dienstzwang in England. Die gesetzestreuen Rabbiner Englands überreichten dem Minister des Innern eine Denkschrift, die die Bitte enthält, von der Auslieferung der militärpflichtigen russischen Juden an Rußland abzusehen, im Sinne des Bibelwortes „Liefere nicht den Knecht an den Herrn aus4. Ähnliche Denkschriften wurden von den Studenten verschiedener Hochschulen eingereicht. Zurzeit wird in den von russischen Juden bewohnten Stadtteilen Londons und anderer Städte eine umfassende Propaganda für den Militärdienst unternommen. Reichsanleihe und Judengesetzgebung. Nach dem „Rußkoje Slowo“ und der „Nowje Wremja" soll unter dem Einfluß der englischen und amerikanischen Finanzgruppen eine Revision der die Jude n betreffenden Gesetze und Verordnungen eingetreten sein. So soll bereits einer Erweiterung des Ansiedlungsrechts der Juden zugestimmt worden sein. Verweigert wurde aber die Aufhebung der Aufnahmebeschränkungen jüdischer Schüler in Unterrichstanstalten. Das Wiedererscheinen der vor einigen Jahren unterdrückten jüdischen Zeitschriften wurde wieder gestattet. — Wenn dann die Anleihe geglückt ist, kann man ja mit den Beschränkungen wieder beginnen. Die mazedonischen Juden. Der griechische Minister des Innern hat den Militär- und Zivilbe hörden befohlen, den aus den neuen Provinzen stammenden, über 21 Jahre alten Juden die Reise ins Ausland zu untersagen. Juden aus den neuen Provinzen sollen denen Altgriechen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.