Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Das Jüdische Echo 337 Hedin besichtigte eingehend die Rischoner Weinkellereien mit allen ihren Einrichtungen und gab in warmen Worten seiner vollen Anerkennung für die kulturellen Leistungen der Juden in Stadt und Land Ausdruck. Neue Kriegsleiden der Juden. Es war vorauszusehen, daß das nunmehr mit Rußland verbündete Rumänien sich beeilen würde, gleich seinem Bundesgenossen, seine Kriegswut an den Juden auszulassen. Die Tageszeitungen berichten wie folgt über Pogrome in der Moldau: „In der Mehrzahl der rumänischen Städte der Moldau inszenieren rumänische Nationalistenkreise Pogrome. Da die jüdischen Männer sofort am ersten Kriegstage zu den Fahnen berufen waren, zog der Mob in Jassy und Botosani von Haus zu Haus, plünderte alle Familien aus, die ihrer männlichen Beschützer beraubt waren. In Botosani beteiligten sich an dem Raube auch die Gendarmen. Nirgends wurde auch nur der Versuch gemacht, den Pöbel zurückzuhalten. In Jassy, wo sehr reiche Juden wohnen, wurden die Frauen von 20 bekannten jüdischen Kaufleuten, deren Männer im Felde stehen, als Geiseln genommen. Zwei Synagogen wurden von der Menge demoliert, der Oberrabbiner wurde gezwungen, im lächerlichen Aufzug, allgemein verhöhnt, durch die Stadt zu ziehen. In G a 1 a t z , B r a i 1 a und Ismail, wo sich russische Soldaten befinden, nahmen die Pogrome einen blutigen Charakter an. Hier leitete das Militär die Pogrome, Soldaten drangen in die Häuser ein, rissen Frauen und Greise heraus, beschuldigten sie der Deutschfreundlichkeit und Spionage und erschossen sie standrechtlich. Die auch zahlenmäßig geringe jüdische Bevölkerung von C r a j o w a ist durch die Pöbelexzesse dezimiert.“ So hat sich also den vom Kriege so schwer betroffenen Juden eine neue Leidensquelle erschlossen. Von den Juden Hmerikas. (Aus einem Vortrag des amerikanischen Journalisten Dr. L. D a r m s t ä d t e r.) (Schluß.) In der Stadt New York allein sind heute, um nur ein Beispiel anzuführen, über 400 Millionen Dollar in Spitälern, Erziehungsanstalten, Waisenhäusern, Greisenasylen, Asylen für Unheilbare, Mädchenheimen, Industrie- und Gewerbeschulen und jüdischen Seminaren zur Heranbildung von Lehrern und Rabbinern investiert. Dabei darf nicht übersehen werden, daß der Kampf der großen Massen um die Existenz des Einzelnen ein so schwieriger ist, weil die volkswirtschaftlichen Verhältnisse, wie Regelung der Löhne und der Kündigungsfrist zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, für die es keine gesetzlichen Normen gibt, in Amerika ganz andere sind wie in Europa. Dort kann jeder einzelne Arbeiter von heute auf morgen, sobald der Arbeitgeber keine Verwendung mehr für ihn hat, auf die Straße gesetzt werden, und so kommt es, daß namentlich in solchen Industrien, die der Mode unterworfen sind, Hunderttausende von Arbeitern nur zu einer gewissen Zeit beschäftigt, und in längeren Pausen wieder ohne Arbeit sind. Dabei sind bei der Konkurrenz die Löhne derart heruntergedrückt, daß diese von der Hand in den Mund lebenden Proletarier kaum genügend ernten, um in der Beschäftigungszeit ein einigermaßen anständiges Leben führen zu könnnen, geschweige denn, Ersparnisse auf die Seite zu legen, die in der arbeitslosen Zeit diese Tausende und Abertausende Männer und Frauen wenigstens vor dem Nagen am Hungertuche retten könnten. Alles verstehen heißt alles verzeihen. Man darf sich nicht wundern, wenn in keiner Großstadt der Welt der Mädchenhandel mehr blüht, als in New York, und in den anderen amerikanischen Großstädten. In New York mehr als anderswo, weil die Wohnungsverhältnisse ganz anderer Art sind, und man kann es einem jungen Mädchen, das bei einem kärglichen Wochenlohne von 3, 4 oder 5 Dollar sich von morgens bis abends in den Schwitzbuden der Konfektionsindustrie abmüht, dabei einigermaßen anständig gekleidet nach der Arbeitsstätte gehen soll, abends müde nach getaner Arbeit zurückkehrt ins Elternhaus, wo eine zahlreiche Familie sich mit zwei oder drei Zimmern begnügen muß, wo die Heimgekehrte kaum ein ruhiges Plätzchen findet, um auch nur ein gutes Buch zu lesen, — man kann es ihr nicht verdenken, wenn sie das Elternhaus meidet und auf der Straße oder in einer obskuren Tanzhalle einem Kadetten, wie diese Beule am Volkskörper der jüdischen Arbeiterwelt genannt w'ird, zum Opfer fällt. Und allen diesen Einflüssen zu begegnen, hygienische Zustände zu schaffen, dafür zu sorgen, daß diesen Mädchen eine bessere Erziehung zu Teil wird, und überhaupt in jeder anderen Beziehung auch auf die Jugend wachsam zu achten, das ist die Aufgabe der Gesamt-Judenheit. Was Unendliches schon geschaffen, läßt sich kaum in einem kurzen Bericht erzählen, welche Mittel und Wege angewandt werden, um gegen die Bazillen der Sümpfe anzukämpfen, welche ungeheueren Mittel es erfordert, den täglichen Anforderungen gerecht zu werden. In Bezug auf diese Fragen verweise ich Sie auf ein von der Harvard-Universität preisgekröntes Buch von Mary Antin. Die Verfasserin ist als 12jähriges Kind aus Rußland eingewandert. Was sie erzählt ist eine Schilderung des Ghettolebens in Rußland und des Ghettolebens in Amerika, aber sie zeigt auch gleichzeitig, wtelche Chancen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten den vom Glück Enterbten bietet. Millionen von Einwanderern wird dieses Buch eine Inspiration und ein Wegweiser sein, und in keinem d:er Geschichtswerke Amerikas ist in so prägnanter und eindrucksvoller Weise geschildert, was das Gesamt-Judentum der Welt den deutschen Juden Amerikas verdankt. Viele Tausende russischer und auch rumänischer Einwanderer kommen aus Umgebungen, wo ihnen jede Bildungsmöglichkeit (fehlt, wo nicht minder ihnen auch die Gelegenheit, einem höheren Beruf sich zu widmen, durch mittelalterliche Gesetze und Beschränkungen versperrt ist. Sie kommen zum größten Teil aus Ländern, wo Willkür, Korruption, Beamtenbestechung an der Tagesordnung sind und finden sich auf einmal in einer Umgebung, wo derartige Faktoren im öffentlichen Leben unbekannt sind. Ist es da zu verwundern, wenn solche Menschen, denen von zu Hause aus jeder moralische Halt schon fehlt, mit Tausenden von Schicksalsgenossen aus der Heimat vertrieben, in einer Millionen-Großstadt sich nimmer des rechten Weges bewußt sind? Deshalb war es, ist es und wird es auch ferner so sein müssen, daß die intellektuellen Kreise des Judentums da mit Geduld, Nachsicht, aber auch mit Strenge eingreifen, um alle Auswüchse des jüdischen Volkslebens durch kühnes Einschreiten zu beseitigen