Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 333 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Das Jüdische Echo 333 achten sie, ebenso wie. die preußischen Junker die niederen Volksschichten verachten. Wir haben in München 20—25 Prozent polnische Juden. Aber nie werden die bayerischen Juden freiwilig diesen Glaubensbrüdern eine Vertretung in ihrem Rate einräumen! Trotzdem sich die meisten ihrer Vertreter im Ausschuß „liberal“ nennen. Und die Zionisten werden ähnlich wie die Sozialisten als international, vaterlandslos von den eigenen Brüdern denunziert, obwohl die jüdische Kultusgemeinde, kein Hort altdeutscher Rassefanatiker ist. Das Hauptverbrechen der zionistischen Organisationen ist ihre Rührigkeit, ihr Interesse an der Existenz des jüdischen Volkes. Sie hat den süßen Dämmerschlaf gestört, in dem sich Kultusvorsteher und Gemeinde befanden. Man wußte schon kaum mehr, daß man Jude war, höchstens an den hohen Feiertagen. Die notdürftigen Rechenschaftberichte der jüdischen Gemeinden bezeugen es, und die leeren Synagogen der Großstädte, in denen an Sabbathen etwa 5 Prozent der offiziellen neologen Gemeinde sich zusammenfinden. Ich erwähne nur den völligen Verzicht unserer Obrigkeit auf jüdische Zeitungen. Jede Regierung interessiert ihre Presse, sie sucht durch sie geistigen Kontakt mit dem Volke, sucht Verstännis für die allgemeine Aufgabe zu wecken. Jeder kennt die Bedeutung der Presse, der liberalen,' der katholischen; nur die jüdische bleibt im Verborgenen, da sie bei den wohlhabenden Juden verfehmt ist. Bekanntmachungen, die sich oft nur an Juden wenden, welche nur die intimsten jüdischen Dinge umfassen, tummeln sich neben den Anpreisungen der jüdischen Schadchen und Mazzesbäcker ausschließlich in der allgemeinen Zeitungswelt. Mag die jüdische Presse zugrunde gehen. Man muß liberal sein ur d darf keine jüdische Absonderung unterstützen . . . Soll es weiter so bleiben? Oder bringt die große Zeit auch uns eine Erneuerung? Herr von Heydebrand, der Führer einer großen Partei, die vielen Juden als rückständig gilt, erklärte jüngst: „Es wäre eine naive Vorstellung, zu glauben, daß unter solchen Verhältnissen, wo sich unsere ganze Staatsgeltung dem Auslande gegenüber nach so wesentlich anderen Richtungen oder wenigstens Gesichtspunkten orientieren muß als früher, alles so bleiben könne, wie es früher gewesen ist . . . Undenkbar sich einzubilden, daß alles so ohne weiteres mit alltäglichen Rezepten zu lösen wäre“. Und ferner: „Ich sage mir, wenn man in einem Haus zusammen gestanden hat, das so berannt worden ist, in das so der Feuerbrand hineingeworfen ist, wo alle Glieder bis zum letzten so gekämpft haben und so kämpfen, um sich ihrer Feinde zu erwehren und das Haus zu erhalten, da kann man hinterher nicht tun, als kennte man den einen oder andern nicht, der in dieser Stunde der Gefahr neben einem gestanden hat . . .“ So weit ein deutscher Konservativer. Soll in unserem Haus der Bruderkrieg nach Friedensschluß eine Auferstehung feiern? Ist es unmöglich, auch unsere Führer dazu zu bringen, daß unsere Forderung nach Reformen, nach wissenschaftlichen Forschungen, sozialer Fürsorge, politischer Freiheit und Gleichheit nicht weiter a limine abgewiesen werden? Wir appellieren an das Verantwortlichkeitsgefühl der herrschenden Kaste und verweisen auf das starke Abbröckeln der bayerischen Judenheit, wir zeigen auf die durch den Weltbrand notorisch gewordene Judennot und Judenrechtlosigkeit. Wir erinnern an das mannhafte amerikanische Judentum, das sich fast einmütig zu einer grandiosen Vereinigung zusammenschließt. „Ganz Israel“ ist kein fiktiver Begriff, sondern die Realität vieler verflossener Jahrtausende. Wer an den Grundlagen unseres Baues rüttelt, muß sich darauf gefaßt machen, daß, solange es eine Jugend in Juda gibt, aus ihr Kämpfer hervorgehen werden, die sich dieses hohe Ideal nicht rauben lassen wollen. Wer zwei Jahre im Felde gestanden hat, wird sich auch vor diesen Kämpfen nicht scheuen. Aber wäre es nicht besser, wäre es nicht jüdischer, eine Verständigung zu erzielen? Unsere Führer haben jetzt das Wort. Mögen sie beweisen, daß auch in ihnen die große Zeit angemessene Ideen gefördert hat. Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem. (Fortsetzung.) Scheinbar unorganisch hat Feuchtwanger seinen prinzipiell - theoretischen Ausführungen ein Kapitel „Jüdische Wanderung; Ostjudenproblem“ eingefügt. Und doch gliedern sich die darin angestellten Betrachtungen logisch in den Aufbau seiner Gedanken ein, sollten auch wohl eine praktische Anwendung seiner Theorie auf die brennendsten Fragen der Tagespolitik haben. Feuchtwanger bezeichnet „die Renaissance der Ostjuden“, oder wie er unter Anwendung seiner eigenen B^griffsabgrenzung sagt, den „Eintritt der Ostjuden in die Geschichte“ als die wichtigste Erscheinung, als den Beginn „einer neuen Epoche der jüdischen Geschichte“. Durch den Krieg erst sind diese schon zuvor dem jüdischen Politiker bekannten und zum Objekt seiner Aufmerksamkeit, seiner Hoffnungen und Befürchtungen gewordenen Ereignisse dem allgemeinen Interesse näher gerückt, zu einem Gegenstand der deutschen Politik gemacht worden. Feuchtwanger will -„methodisch untersuchen, wie dieses Problem im Interesse einer förderlichen Politik wissenschaftlich zu behandeln ist“. In diesem Sinne zieht er die Sprache der Ostjuden, das Jidische, in seine Betrachtung, und weist die ebenso oberflächliche wie tendenziöse Phrase von der durch die Sprache bekundeten „Treue der Ostjuden zu, Deutschland“ zurück. In der Sprache wie in der Kultur der Ostjuden sieht er nur Produkte des Ghetto. „Die jüdische Kultur ist Ghettokultur und wird mit dem Ghetto untergehen“, dieser Satz wird von Feuchtwanger nicht als politisches Postulat, sondern als logische Folgerung einer theoretischen Darlegung an den Schluß seiner Betrachtung gestellt. Als „formales Programm“ der Ostjudenpolitik stellt er aber Folgendes auf: „Die kulturelle Zukunft der Ostjuden ist bedingt durch ihre mate- tuiaien. rassomeren. rratie oimgvi. München! Weinstraße 13, altes Polizeigeb. Stets Eingang von Neuheiten. — Umarbeitung sSmtlioher Zutaten. Fassonieren. Preise billigst.