Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 332 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Das Jüdische Echo Nr. 37 rascht wird. In einem Geschichtswerk sucht er stets nur Dummheiten, die er schon weiß. Wer sich müht, ihm Kenntnisse zu verschaffen, der wird ihn nur beschämen und ärgern. Streben Sie nicht, ihn aufzuklären. Er wird darüber schreien, daß Sie seinen Glauben beschimpfen . . .“ Ähnlich glauben die bayerischen Juden sattsam ihre vielfältigen sozialen und demographischen Probleme zu kennen. Notgedrungen will man ein neues Judenedikt. Man braucht dazu keine wissenschaftlichen Voruntersuchungen. Jeder hat seine vorgefaßte Meinung. Und dabei wären so überaus wichtige Dinge zu untersuchen. Ich greife aus der Fülle des Notwendigen heraus: Das Geburten Problem. Das Eheproblem. Das religiöse Problem. Das Gesundheitsproblem. Die Lage der Ausländer. Die jüdische Schule (nebst den jüdischen Gemeindebeamten). Vor sechs Jahren schrieb ich eine Schrift über die Zersetzung, welche Kinderarmut, Ehelosigkeit, Taufe und Mischehe bei uns hervorrufen. Ein leichtes wäre es für jede Gemeinde, die Verhältnisse in ihrer Mitte zu studieren. Lehrer und Gemeindebeamte könnendie kleine Arbeit vollbringen. Aber man ist so apathisch, daß man auf jede positive, wissenschaftliche Untersuchung verzichtet. Dabei steht man vor der Einführung eines tü e f g r e i fl e n d e n neuen Judenediktes, verlangt vom Staat Verordnungen, ohne selbst in moderner Weise die Unterlagen für einschneidende Neuerungen sich verschafft zu haben. Man fühlt, daß man Politik und soziale Fürsorge, Gesetze und religiöse Fürsorge treiben wollte. Aber was herauskommt, ist blutigster Dilettantismus. Die jüdische Gemeinde verliert immer mehr die Beziehungen zu ihren Mitgliedern. Und wer über die innere und äußere Auflösung nicht mit der schwachen Ausrede des Zufälligen hinwegtäuschen will, muß die vollkommene Rückständigkeit unserer Gemeinden anklagen, die mit ihrer Methodik nicht mehr in unsere Zeit hineinpassen. Wir haben ein Anrecht darauf, über die Verhältnisse in unserer Gemeinschaft aufgeklärt zu werden. John Ruskin sagt boshaft von uns Juden in seinem 69. Abschnitt des „Kranz von Olivenzweigen“: „Die Griechen verehrten in erster Linie den Gott der Wahrheit, so daß, was immer sich gegen ihre Religion wendete — den Juden ein Ärgernis — den Griechen eine Torheit war“. Diese Behauptung, daß die Juden nicht nach Wahrheit und Weisheit strebten, gilt nur für die Zeiten, wo das geistige Leben erstarrte. Auch heute sind den Führern der bayerischen Juden alle neuen Richtungen ein Ärgernis. Ihre Berechtigung wird nicht unter der Lupe der Wissenschaft untersucht. Die bayerische Ju- Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 denheit hatte z. B. bis zur Entstehung des Zionismus im Jahre 1897 nachweislich für das große Leiden der 8 Millionen Ostjuden kein Verständnis. Der „Hilfsverein“, der als Reaktion auf den Zionismus entstand, war noch nicht da, der Esra hatte in Bayern eine Handvoll Mitglieder. Nur die „Alliance“ war stärker verbreitet, eine Gesellschaft, die aus den Ostjuden eine Avantgarde französisch - nationaler atheistischer Menschen machte, halbgebildete Individuen ohne Bodenbeständigkeit. Diese seltsame Organisation, deren Geschichte in den letzten Jahrzehnten von den krassesten Mißbräuchen der Macht ihres Geldes wimmelte, wurde erst dann in Bayern ausgetilgt, als sie sich gegen das Deutschtum wandte. Gegen das Judentum durfte sie ungestraft Jahrzehnte lang ihr Unwesen treiben, ohne auf die Unterstützung weiter bayerisch-jüdischer Kreise verzichten zu müssen. Die ganze jüdische Fürsorge für das große Leid des jüdischen Volkes bestand in einigen Mark Almosen pro Jahr, mit denen Schnorrer und Unglückliche groß gezogen wurden. Der Zionismus kam als das Bestreben, mit modernen Mitteln eine Besserung der sozialen, ökonomischen und intellektuellen Not herbeiführen zu wollen. Während der deutsche Kaiser, der Großherzog von Baden diesen Bestrebungen volles Verständnis entgegenbrachte, belegten die deutschen Juden — päpstlicher als der Papst — diese neue Bewegung mit dem Bann. Auf jede Weise wurde dem Zustandekommen der ersten großen Judentagung, die 1897 in München stattfinden sollte, entgegengetreten. Mit Zuckerbrot und Peitsche wurde der ersten großzügigen jüdischen Hilfsaktion die Anhängerschaft abspenstig gemacht. Erinnern wir uns daran, welche Widerstände der körperlichen Regenerationsbewegung, der sogenannten Turnerschaft, in Bayern entstanden. Kann man leugnen, daß die Großstadt schwere hygienische Schäden für ein Kaufmannsvolk mit sich bringt? Daß die Syphilis, das Wohlleben sich ausbreitet und daß keine kräftige Organisation den bedrohlichen Erscheinungen entgegenwirkt? „Noch ein Wort“, sagt Anatole France. „Sofern Sie Ihrem Buch eine gute Aufnahme wünschen, versäumen Sie keinen Anlaß, darin die Tugenden zu preisen, die der Gesellschaft Stütze sind. Die Botmäßigkeit gegen den Reichtum, gegen die frommen Gefühle und insbesondere die Entsagung der Armen. Versichern Sie, daß in Ihrem Geschichtswerk der Ursprung des Eigentums, des Adels, der Schutzmannschaft mit Achtung gewürdigt werden sollen. Tun Sie das, so werden Sie den bessern Kreisen gefallen . . .“ Der Mangel an Verständnis für eine Volks- und Bevölkerungspolitik tritt in unseren Gemeinden in allem und in jedem klar zutage. Nachweislich wählen in Preußen, wo es offene Wahlen gibt, fast sämtliche Juden die Vertreter der Parteien, welche eine Wahlreform in Preußen beabsichtigen. In Bayern ist die politische Konstellation nicht anders. Aber die Kultusgemeinden sind die Stätten der schlimmsten einseitigen Parteiwirtschaft. Wir, ein Volk, das am eigenen Leib die Rechtlosigkeit kennen gelernt hat! Unsere Mehrheit schließt biutal die Vertreter der Minderheit aus, während sie den Proporz im sonstigen Leben als gerechten Wahlmodus anerkennen. Zwei Seelen wohnen ach! in ihrer Brust. Und unsere Proletarier, die Ostjuden, deren Steuern sie gerne annehmen, ver- 1