Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den V erlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag!des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 37 München / 3. Jahrgang 15. September 1916 Von Bayerns Judennöten.* Von Felix A. Theilhaber, z. Z. im Felde. 5. Das Bevölkerungsproblem. Jedes Unternehmen stellt Bilanzen auf. Kaufleuten und Industriellen ist es selbstverständlich, periodisch die geleistete Arbeit ziffernmäßig zu kontrollieren. Nicht nur, weil es das Gesetz befiehlt. Der kleine Privatmann und der Millionenbetrieb von Krupp, Eisenbahnen und Banken, sie alle messen einmal im Jahr, ob und wie ihre Kraft und ihr Kapital gewirkt hat, an Umsatz, Zahl der Arbeitskräfte, Summe des Geldes — des Gewinnes lehrhaften Statsitiken. Jede Organisation verfolgt diese Maxime. Turnvereine, Hochschulen und Arbeitergewerkschaften, sie alle zählen einmal jährlich das Geleistete, die Macht des Vorhandenen und ziehen Schlüsse auf die Arbeitsmethodik der kommenden Zeiten. Ein Aktivposten in diesen Bilanzen, ein Teil der Stärke jeder Organisation liegt in dem Besitz der Menschenm a s s e. Ob vegetarischer Verein oder theosophische Loge: zunehmende Mitgliedschaft heißt sichere Zukunft, heißt Wachsen der Mittel. Sogar der Staat, jede Großstadtgemeinde' gibt Bulletins aus über Zuwachs und Abgang des Menschenmaterials neben den Berichten über den Stand der Finanzen und die Benützung ihrer Institutionen. Nur die jüdischen Kultusgemeind e n können die Statistik souverän vernachlässigen. Ihre dürftigen Jahresberichte zu lesen, lohnt nicht der Mühe. Es fehlt jedes tiefere Eingehen auf alles Wichtige. Gewiß findet der Liebhaber jüdischer Statistik manche brauchbare Ziffer in den Veröffentlichungen des Staates. Bayern läßt sich die konfessionelle Zählung etwas kosten, zeigt von ungefähr die Bevölkerungs-Bewegung (Todesfälle, Geburten, Eheschließungen und Eheirrungen). Aber zuvid kann man nicht verlangen. Den Staat leiten nicht die Gesichtspunkte, welche die Religionsgemeinden letzten Eudes interessieren. Viele Fragen, viele Untersuchungen bleiben offen. Man kann es auch nicht anders verlangen. Der Staat hat kein Interesse daran, nachzuspüren und aufzudecken, wo die jüdische Öffentlichkeit in einer chinesischen Beharrlichkeit und Beschaulichkeit uninteressiert bleibt. Bayerns Juden werden immer weniger. Vor 76 Jahren waren es mehr! Gemessen am allgemeinen Anteil sind wir um über 50 Prozent zurückgekommen! Vor- *) Vergl. die früheren Aufsätze des Verfassers in diesem Blatte. erst mag der absolute Niedergang dank des enormen Zustromes aus Norddeutschland und aus Polen (ca. 10 000 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung) noch nicht so stark in Erscheinung treten. Die bayerische Judenheit rührte dieser enorme Rückgang des jüdischen Anteiles herzlich wenig. In Berlin schrieb ein Statistiker zur Zufriedenheit der meisten Gemei'ndeväter und sonstigen Großen in Israel, daß der notorische Rückgang von der Auswanderung herriihre. Eine Behauptung, die die bayerischen Juden für sich durch Nachprüfung als gänzlich unrichtig erkennen könnten, da ja gerade in den letzten 30 Jahren eine starke Einwanderung vorherrscht. Aber bei dem fehlenden ernstlichen Interesse genügte eine Erklärung, die zu nichts verpflichtete, „Die Armut rührt von der Pauverte her“, sagt eine Lieblingsfigur Fritz Reuters. Und unsere jüdischen Regierungen verlangten nicht darnach, noch zu erforschen, ob die Emigration wirklich bestehe und ob und was man gegen die Ursachen derselben, die sich jederzeit auf ungesunde ökonomische oder politische Verhältnisse zurückführen lassen, unternehmen müsse. Derselbe Statistiker beruhigte (er hätte es nicht nötig gehabt bei der allgemeinen Gleichgültigkeit!) die Gemüter, indem er den gefahrvollen Rückgang der Geburten leugnete. Der Nachwuchs ist ziffernmäßig um 100 Prozent geringer denn früher. (Ungerechnet die sonstigen unglücklichen Verhältnisse.) Und die Leitung einer Gemeinschaft, die sich zumeist aus Kaufleuten zusammensetzt, hält einen Rückgang von 100 Prozent für so wenig beachtenswert, daß sie, auch darüber hinweggeht. Die Lehrer kümmern sich nicht um das Eingehen der Schulen, die Rabbiner um den Rückgang der jüdischen Eheschließungen (die Mischehen werden so zahlreich, daß wir sie als eine Tendenz in der Judenheit bezeichnen können), bezw. wo irgend eine Klasse, wo Lehrer, Rabbiner, Orthodoxe sich für eine Sache verwenden wollen, wird durch die allgemeine Lethargie, jede jüdische Aktivität gehindert. Wie steht es mit dem Abfall, dem Austritt, der Taufe der Unmündigen? Handelt es sich um arme Proletarier oder um welche reichen Steuerzahler? Die Gemeinden wissen es, aber sie hüten ihr Geheimnis. Anatole France sagt in seiner literarischen Verspottung des Dreyfußprozesses in seiner „Insel der Pinguinen“: „Stellen Sie Menschen ünd Dinge in unerwartetem Lichte dar, so überraschen Sie die Leser, und der Leser hat es nicht gern, wenn er über-