Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- Seite 326 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Das Jüdische Echo Nr. 36 Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem. (Fortsetzung.) An die Kritik des Zionismus schließt sich die der Orthodoxie an. Seit dem Fallen der Ghettomauern in Westeuropa und mit dem Zug der Juden vom Land in die Großstadt ist der Zusammenhang mit der jüdischen Tradition gelockert oder völlig gelöst worden. Weitaus die Meisten der westeuropäischen Juden sind nicht mehr „fromm“. Die gegen diese Entwicklung sich stemmende Orthodoxie, erfüllt von der „auf Grund der bisherigen Erfahrung nicht unberechtigten Überzeugung, daß das Judentum ohne. Religion untergehen wird“ . . . „kämpft heute einen Verzweiflungskampf“ „Auch die neuerdings versuchte Modernisierung der philosophischen Grundlegung, der äußeren Erscheinung und der Kampfmittel kann den Prozeß nicht aufhalten.“ — In Osteuropa, wo die Hauptmasse der gesetzestreuen Juden heute noch sitzt, „ist noch das Ghetto“. „Wenn da ein europäischer Luftzug ins Ghetto dringt oder ein Ghettobewohner selbst die Grenze (geistig oder lokal) überschreitet, da geht jedesmal ein Stück religiöses Judentum zugrunde, jäh und radikal . . . Ein langsamer Übergang, wie heute in Deutschland, wo meist erst die zweite oder dritte Generation sich ganz entjudet, ist eine seltene Ausnahme. Der Ostjude ist daher meist entweder fanatisch fromm oder radikal unfromm. Reformiertes Judentum gibt es nur in Westeuropa.“ Eine „Lösung der Judenfrage“ kann, ja will und darf — nach Meinung des Verfassers — die Orthodoxie nicht bringen. „Das Golus, . . . die Zerstreuung der Juden unter die Völker ist nach jüdischer Theologie gottgewolltes Schicksal. Die Existenz der Judenfrage, nicht deren Lösung, ist religiöses Dogma. Der fromme Jude darf nichts tun, um das Golus zu beendigen“. Da aber das Golus andererseits naturnotwendig ein stetes Eindringen fremder Geisteselemente in das Judentum und damit ein allmähliches Schwinden jüdischer Gesetzestreue zur Folge hat, sieht der Verfasser die Orthodoxie in einen „tätlichen circulus vitiosus“ verstrickt. „Also wäre der Assimilantismus das Mittel der Lösung der Judenfrage?“ Nein, antwortet der Verfasser. „Die Ansicht, die völlige Vereinigung des jüdischen Volkslebens mit dem nichtjüdischen bedeute ein Verschwinden des jüdischen Elements, ist ebenso verfehlt, wie die Ansicht, daß durch völlige lokale Isolierung beider Elemente die Judenfrage lösbar sei ... . Mit der Assimilation verschwindet der Jude, aber nicht das Jüdische“. Das Judentum „verobjektiviert“ sich in gewissen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Erscheinungen. Das „Fortleben des jüdischen Bluts in nichtjüdischen Individuen“, die dadurch hervorgerufene „Gefahr der fortschreitenden Veränderung „arischer“ Art durch die jüdische“, ist die gerade durch die Assimilation herbeigeführte und auch nach vollkommen durchgeführter Assimilation aller Juden fortbestehende „Judenfrage in Permanenz“. Aber auch für die Juden selbst kann die Politik der Assimiliation höchstens eine „Teillösung individueller Art“ bringen. Da vor allem die zwölf Millionen östlicher Juden, deren Schicksal und Zukunft im Mittelpunkt des „Judenproblems“ steht, in absehbarer Zeit nicht daran denken, im Wege der Assimilation unter den anderen Völkern zu verschwinden, „verschiebt die Assimilationspolitik“, die allein dieses Ziel im Auge hat, „die Lösung ad calendas graecas . Vielfach wirkt die „Assimilation auch in geradezu entgegengesetzter Richtung. Die nationale Regeneration des Judentums, die junge jüdische Renaissancebewegung ist nach Ansicht des Verfassers selbst auch eine Frucht der Assimilation an westeuropäisches .Geistesleben. „Nur europäisch erzogene und gebildete Geister konnten eine so in sich gefestigte, leistungsfähige Organisation schaffen, wie sie heute — trotz aller inneren Gegensätze die zionistische Partei mit all ihren Institutionen darstellt“. Unsere Assimilationspolitiker sind sich, meint Feuchtwanger, „unklar über das Wesen und die Wirkung der Assimilation, auf der sie ihre Politik aufbauen. Diese sog. „liberalen Juden“, die in Deutschland ihre politische Organisation im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens besitzen, bauen ihre Politik auf nachstehenden „Fiktionen“ auf: „die ganze Judenfrage ist die Folge der Dummheit, Bosheit oder Rückständigkeit einiger Leute; sei es der Antisemiten, die den Juden die rechtlich garantierte und ethisch erforderliche Gleichberechtigung nicht gewähren; sei es vieler Juden, die aus Unkultur oder nationalistischer Eitelkeit keine vollkommenen Deutschen wurden; die Judenfrage ist gelöst, wenn der Antisemitismus, die jüdische Unkultur, der jüdische Nationalismus ein Ende haben; die Juden sind keine Nation und keine Rasse, nur eine Konfession“. Das religiöse Programm des liberalen Judentums geht auf eine „Entorientalisierung des Judentums, das deutsch-gesellschaftsfähig sein soll. Es ist kein positives Programm: es ist inhaltlich zu rationalistisch, zu unjüdisch“. Die Politik dieser sog. Liberalen „verwischt und leugnet nur die Gedoppeltheit der jüdisch-deutschen Existenz, vermag aber nicht ihrer Herr zu werden. So ist aus der offiziellen Assimilationspolitik neuerdings eine Politik der Ängstlichkeit, der Zänkerei geworden .... So entsteht in den letzten Jahren die merkwürdige Frontverschiebung. Der Zentralvereinler, der liberale Jude bekämpft heute als Hauptfeind nicht mehr wie seit 30 Jahren den Antisemiten, sondern die anti-assimilatorisch gesinnten jüdischen Parteien, die „noch schlimmer als die Antisemiten sind“. Die assimilatorische Politik wird zwar nach Ansicht des Verfassers dazu führen, daß „die liberalen Juden Westeuropas langsam aber sicher in ihrer nichtjüdischen Umgebung aufgehen“. Sie ward aber damit keine Lösung der allgemeinen Judenfrage „für die Welt und für die Ju- 5» <2XS> GXS QX9 GXS> Sf GXS <2 <2XS> <2X5> QXf) 8 {Kgf. ‘Bayer. cPorze[tan=! ‘IRanufakiar ' ‘Rympßenbarg I 3 Oiaupiniederlagc Ql\ünchen: Odeonspfat] / | cj Oßunstu, Guxusgegenstände, Tafef=, Tesseri*, j® y 3£affeeu. Teegeschirre, Tiguren, Gruppen eic. K 9 na cd aften ‘Kympüenburger Original PlodeUen. @ ' {Außerdem neue Tormen und cIJlode[[e nach Gntj® y würfen erster ‘Ulünchner {Künstter.