Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Das Jüdische Echo Nr. 35 Breslau,. M. d. R.: „Die Juden als Handarbeiter“; Lothar Brieger-Berlin: „Judentum und Kunst“; Adolf Grabowsky-Berlin: „Das jüdische Handwerk in Russisch-Polen“; Rüben Faerber- Mährisch-Östrau;. „Gegenwarts- und Zukunftsfragen“. Verlag Dr. Rasch & Co., G. m. b. H., Berlin- Wilmersdorf. Sämtliche Aufsätze sind wertvolle Beiträge zur . Beurteilung der jüdischen arbeitenden Klassen. Jeder, der sich mit dem jüdischen Problem beschäftigt, gleichviel auf welchem . politischen Standpunkt er steht, findet -— ohne daß der Stoff ganz erschöpfend behandelt wäre — in dem Heft eine Menge des Wissenswerten und wichtige Anregungen. . Feuilleton Ein Freitagabend. .: .(Aus Helene Böhlaus Roman: „Isebies“) An einem stürmischen Herbstabend zwischen Licht und Dämmern sah sie die Kinder in der Nähe des Hauses stehen, lief zu ihnen hinab und rief ihnen zu: „Ihr steht ja so, als hätten die Hühner euch das Brot genommen? Was ist denn los? Ihr seht ja so fein aus.“ Ja, sie sahen fein aus. Der Bub stand in einem feierlichen, schwarzen Rock und die Mädchen in hellblauen Wollkleidern und hatten dreieckige Tücher, mit Rosenkanten eingewebt, um die Schultern. „Was habt ihr? Wohin geht ihr denn?“ Das älteste Mädchen sagte: „Uns ist der Goj ausgeblieben. Wir wollen die alte Müllern holen, daR sie uns die Lichter anzündet.“ Na, könnt ihr denn keine Lichter anziinden?“ „Am Freitagabend dürfen wir das nicht.“ „Kann ich sie euch anzünden?“ fragte Isebies schüchtern. „Ja, wenn du willst.“ „Aber,“ sagte der Bub, „du darfst nicht lachen.“ „Nein,“ sagte Isebies. So nahmen sie das Kind mit sich. „Wieso dürft ihr keine Lichter am Freitagabend anzünden?“ „Da soll niemand etwas tun.“ . „Das'ist bei euch so? Was ist denn ein Goj?“ Die Kinder liefen im Trab durch die schmalen Gassen. Der Wind wehte kräftig. Es roch nach Herbst, nach fallendem Laub, nach fernem Rauch; draußen auf den Feldern brannten Kartoffelfeuer. Isebies rief im Laufen: „Riecht einmal, — und was ist ein Goj?“ „Der Goj muß das Licht anzünden.“ „Bin ich ein Goj? Weshalb lauft ihr denn so?“ „Weil’s bald dunkel wird.“ Isebies war schon einmal bei Lewins gewesen, im Laden hatte es modrig gerochen, nach allen möglichen Dingen und auch nach starker, guter Leinwand, Die Mutter Lewin war damals dabei gewesen, die Stiege zu putzen. Der Vater Lewin war mit einem Karren heim gekommen, auf dem er einen altmodischen Schreibsekretär abgeholt hatte. Er handelte auch mit Altertümern. Oben im Wohnzimmer war damals alles sehr einfach gewesen, der Tisch schon zu Mittag gedeckt, Tassen hatten darauf gestanden. Es gab zu Mittag Kaffee und Kartoffeln in der Schaale. Isebies war . so lange geblieben, daß sie das Herrichten zum Essen noch gesehen hatte. Man aß meistens so zu Mittag in den kleinen weimarischen Gassen. Isebies kannte das Menü all ihrer guten Freunde ganz genau. Bei Lewins war es zugegangen wie überall. Isebies hatte gemeint, noch ärmlicher. Die dunklen, feuchten, großen Augen der Kinder paßten ihr nicht zu der weimarischen Spießbürgerei. Vielleicht, dachte Isebies, stammen sie gar vom König David ab, oder von Jesus, von Joseph von Ägypten, wer kann das wissen? Heute aber schon beim Eintreten in das Haus kam ihr eine ganz andere Luft entgegen: Königsrauch, vermischt mit Bratenduft und allerlei geröstetem Köstlichem. Isebies sog den Duft neugierig und sachverständig ein. Die Treppe glänzte vor Sauberkeit und war mit Wachholderzweiglein und frischem Sand bestreut und auch die Hausflur. Leise gingen die Kinder die Treppe hinauf, und Isebies sah, daß an den Pfosten der Wohnungstür ein winziges, Röllchen aus gelblichem, starkem Pergament befestigt war. Das hatte sie noch nicht bemerkt. Jedes der Kinder berührte das Röllchen mit den Lippen dreimal. Isebies sah zu und fragte den Buben leise: „Weshalb tut Ihr das?“ „Das muß so sein,“ sagte er „Steht da was drin in dem Röllchen?“ „Höre, Israel,“ 3agte der Bub, „der; Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig.“ „Na, das ist ja wahr,“ sagte Isebies. „Weshalb Solls nicht wahr sein?“ Isebies war dunkelrot geworden. Als die Kinder in das Zimmer traten, wußte Isebies nicht, wohin die Augen wenden. Das war das öde Wohnzimmer nicht mehr. Große Sträuße von Georginen und Astern standen überall, und ein langer Tisch in der Mitte des Zimmers war gedeckt, und reich gedeckt, eine Pracht. Die Teller hatten bunte Ränder, und ein alter silberner Brotkorb stand auf dem Tisch, und ein siebenarmiger Leuchter und noch zwei I euchter und ein großer Becher aus Kristall, der golden vom Wein leuchtete, der ihn erfüllte. Frau- Lewin saß an der Tafel mit einem müden, feierlichen Ausdruck. Schwer hatte sie geschafft, um diese Herrlichkeiten zustande zu bringen, dies Paradies auf Erden. Sie hielt eine geschnitzte Büchse in der Hand, die sie eben aus dem Schrank genommen. Das war die alte jüdische Gewürzbüchse, die auf keinem Tisch bei frommen Juden am Sabbatvorabend fehlen durfte, die Büchse, aus der der Duft des Paradieses strömte, das Jehova den Seinen schon hier auf Erden verheißen hatte. Der Duft der glückseligen Erde, nach der die Sehnsucht aller Kreaturen steht, die gebückt und müde unter der Last des Lebens dahinziehen. — Glückselige, fromme Juden, die ihr in einer Büchse den Duft der Erdenwonnen eingefangen habt und an euerem festlichen Vorsabbattische ihn reihum euch andächtig zuführen dürft! Mit blendend weißen Tüchern bedeckt standen weiße Brote vor dem Platz des Hausherrn. Aus dem Nebenzimmer klang schon, als die Kinder eingetreten waren, eine schöne, singende, weiche Männerstimme, fremdartig in Wort und Melodie. Herr Lewin sang hebräisch, und Frau Lewin hörte andächtig zu, etwa wie eine Amsel auf dem Neste, wenn das Männchen singt. Sie hatte auch den Kindern mit einer kleinen Geste Schweigen geboten, als sie eingetreten waren, ohne aufzustehen: so war Isebies gar nicht bemerkt worden. Herr iLewin sang König Salomos „Lob der Frau“. Er sang es hebräisch, fremd dem Ohr