Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Das Jüdische Echo 315 und voller Bedauern, dann hätten wir uns seinetwegen und unserer selbst geschämt. Diese Schwäche hat uns Mr. Samuel erspart. So weit wir informiert sind, hat die russische Regierung keinen besonderen Druck angewandt 1und Mr. Samuel hat ihre Wünsche übertroffen. Wir wissen, daß derartige Dinge schon einmal passiert sind, diesmal aber fällt ein ganz besonderes Licht auf das Verdienst von Herrn Samuels Handlungsweise. Wir erinnern uns der Angelegenheit eines politischen Flüchtlings, der eine Zuflucht in Serbien gefunden hatte und dort nützliche Arbeit verrichtete als Eisenbahn-Ingenieur. Er wurde ausfindig gemacht, aus der Liste gestrichen, öffentlich ausgewiesen, und jedermann sagte mit jener bekannten Mischung von Mitleid und Sympathie: „Armes, kleines Serbien“. Das hat uns Mr. Samuel erspart. Er wartete nicht ab, bis man ihn aufforderte, geschweige denn belästigte. Mit einem Wort, er hat unsere nationale Ehre gerettet. Wir selber (dank ihm) gaben freiwillig unsere Flüchtlinge preis. Niemand hat sie gefordert Sie sind der unverlangte Beweis unserer Loyalität. Und der Akt ist um so anmutiger, als die Franzosen nicht denselben eleganten Einfall hatten. Sie haben sich immer hartnäckig geweigert, selbst wenn sie. aufgefordert wurden, Flüchtlinge auszuliefern. Aber wir wollen uns auch das Verdienst dieser Handlungsweise nicht zu Unrecht auf die Credit-Seite unseres Conto- Buches schreiben. Ganz offen gesprochen: Kein Rasse-Engländer hätte so viel Feinheit und Anmut zur Schau getragen. Wir haben Mr. Samuels Handlungsweise gewürdigt. Nun ist es Zeit, sie vom Standpunkt des Flüchtlings aus zu betrachten. Dieser steht vor der Alternative: Er kann sich bei der englischen Armee einschreiben lassen, ■— oder er wird nach Rußland zurückgeschickt. Man könnte vielleicht sagen, er hätte so wenig das Recht wie ein anderer Bürger, seinen Bürgerpflichten aus dem Wege zu gehen. Wessen Landes Bürger ist er aber? Rußlands? In neun von zehn Fällen sind die Flüchtlinge Juden. Sie flüchteten vor dem Pogrom, als dieses aufhörte, vor der Verweigerung jener Menschenrechte und politischen Gleichheit, die allein einem Manne Bürgerpflichten auferlegen. Wir hoffen viel von Rußland für die Zukunft, aber die Aussichten der Juden sind nicht viel besser als zu der Zeit, da sie ihr Land verließen: Die Schulen sind ihnen noch verschlossen und die Berufe scharf abgegrenzt. Sicherlich, Mr. Samuel hat unter Druck — unter englischem Druck — auf gewisse Konzessionen angespielt. Man versucht sogar, den erwiesenermaßen „politischen“ Flüchtling nicht auszuliefern. Wer ist der „politische“ /Flüchtling, unid wie kann er sein Recht „beweisen“. Wir hatten die Ehre, einen der edelsten Charaktere Europas, Felix Volkhovsky, zu kennen, der aus Sibirien geflüchtet war. Es gibt andere in seiner Lage, und andere wieder, über denen, als Ex-Mitglieder der Ersten Duma, das Urteil noch schwebt. Selbst Mr. Samuel wird diese Männer als „politische“ Flüchtlinge gelten lassen. Von welcher Behörde sollen sie ausgesucht werden? Mr. Samuel, so hören wir, hat das russische Konsulat zur Mitarbeit geladen. Aber alle dies Flüchtlinge sind „politische“ in irgend einer Hinsicht. Wir trafen einst zwei kräftige junge Letten aus Riga. Sie waren Soldaten in der Armee und Sozialisten. Und als die Armee 1906 aufgestellt wurde um die Sozialisten aus den Baltischen Provinzen zu verjagen, da entflohen sie lieber in einem Boot, als .sich der Jagd anzuschließen und schifften sich nach England ein. 'Sind sie nun „politische“ Flüchtlinge? Nur Deserteure nach der offiziellen Anschauung. Die vielen jungen Leute,; die sich lieber flüchteten, als sich bei einer Armee einschreiben zu lassen, die solche Aufgaben zu erfüllen hatte, sind sie „politische“ Flüchtlinge? Diejenigen, die flohen, weil im Nachbardorf ein Porgrom anfing, , sind sie „politische“ Flüchtlinge? Doch nur Glaubensgenossen des Herrn Samuel, vermuten wir. Diese alle flüchteten wegen politischer oder Ras$en-Bedrückung, aber wenige von ihnen könnten ihr Auswandererrecht „beweisen“. ' Diese Leute sind -ihrem früheren Vaterlande nicht verpflichtet. — - Man könnte sagen, daß sie unserem Vaterland verpflichtet sind. Aber sie sind keine Bürger, wir haben sie nie zur Naturalisation ermutigt. Diese war bei uns mit einem für die Ärmeren unerschwinglichen Preise : verbunden. Ja, noch mehr, es war Sitte bei unserer Polizei, der Bitte russischer Flüchtlinge um Naturalisation entgegenzutreten. Wir denken da an den Fall eines jungen Mannes, den wir gut kannten, der von hervorragenden Fähigkeiten und edlem Charakter war, und der abgewiesen wurde, nur weil er Sozialist war. Selbst jetzt erhalten diejenigen Flüchtlinge, die zu Soldaten gemacht werden, die Bürgerrechte unseres Landes erst zum Schluß des Krieges. Viele werden für uns sterben als Ausländer. Wundern wir uns noch, daß ihr Selbstgefühl ihnen verbietet, Soldaten zu sein, bevor sie das Bürgerrecht haben? Man wird sagen, sie haben unsere. „Gastfreundschaft1 genossen. Das Wort hat keinen Sinn, wenn wir es auf Belgier oder Serben anwenden. Ihnen haben wir .buchstäblich Wohnung, Kleidung, Nahrung . gewährt, und es war nicht zu viel gegeben. Aber jene Russen haben alles bezahlt, sie waren Mieter, nicht Gäste und haben sich durch Arbeit den Platz auf unseren Boden verdient. Wir müßten froh und stolz sein, wenn sie sich unserem Heer als Freiwillige eingereiht hätten. Es wäre klug gewesen, dasselbe zu tun wie die Franzosen: Ein besonderes Freiwilligen-Corps aus ihnen zu bilden. Es wäre fast jetzt nicht zu spät, unwürdige Maßregeln fallen zu lassen und noch mehr solche edlen Corps zu bilden, wie das der „Zionisten“, das tapfer focht bei den Dardanellen, Wenn schlimmstenfalls es uns tatsächlich unangenehm wäre, jetzt, in unserem Lande, wo Arbeit dringend erforderlich ist, diese an Zahl ungefähr 10 000 betragenden ausländischen Arbeiter zu haben, so hätten wir zu ihnen sagen müssen: „Geht, wohin ihr wollt, nach Amerika oder Holland, oder irgend einem freien Lande, das noch frei ist, England ist nicht der Platz für euch“. Das hieße zwar immer noch das alte englische Asylrecht für die Dauer des Krieges aufheben. Das Kabinett mag logisch Vorgehen, wenn es muß. Mr. Samuel mag seine eigene Rasse schädigen, wenn er will. Aber eines ist unerträglich, nämlich, daß man Mr. Samuel erlaubt, englische Schiffe zum Transport der Flüchtlinge nach Rußland zu benutzen.— Wir wollen die Schwierigkeiten, /denen seiin skrupulöses Gemüt begegnet, nicht unterschätzen. So wie andere Minister, die in das Kabinett eintreten, fürchten, daß man ihnen sagen könnte: ,Was! Der Mann ist ja noch Liberaler“, so scheint Mr. Samuel zu fürchten, daß man von ihm sagen könnte, er sei ein guter Jude. Übertriebene Furcht. Mr. Samuel mißversteht den englischen Charak-