Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Das Jüdische Echo Nr. 35 „Voraussetzung des Verständnisses der Wechselwirkungen zwischen Jüdischem und Nichtjiidischem ist vor allem die Klärung unseres Wissens über die jüdische E i g e n a r t“. Der Autor bekennt, daß er den meisten über diesen Punkt geäußerten' Ansichten, die in der Regel auf einem „vagen Verallgemeinern vereinzelter Erfahrungen“ beruhen und von der „Fiktion der Gleichheit der Juden“ aller Zeiten und Gegenden ausgehen, mißtrauisch gegenüberstehe. Nur ei n e Eigenschaft glaubt Feuchtwanger überall und immer beim Juden zu finden. Es ist die „Lust und Fähigkeit fremde Eindrücke aufzunehmen, in sich zu verarbeiten und originell weiter zu bilden“; „die Verquickungsfähigkeit“ des Juden, ,der treibende seelische Faktor“, der als das Wesen jüdischer Geschichte vom Autor erkannten „Verquickung von Jüdischem und Fremdem“. Hat Feuchtwanger so der wissenschaftlichen Judenfrage ihre Grenzen gesteckt, so geht er nun über zu einer Betrachtung der j ii - dischen Politik. Da die wissenschaftliche Judenfrage bis heute ungelöst —• weil ungeklärt und ihrer Grundlagen und Aufgaben sich selber nicht bewußt — ist, müsse notwendigerweise auch die jüdische Politik heute der Klarheit und Folgerichtigkeit entbehren. Feuchtwanger sucht nachzuweisen, wie die verschiedenen politischen Parteien „ihre Orientierung an Illusionen statt an der jüdischen Wirklichkeit“ nehmen. In diesem Sinne unterzieht er nach einer kurzen Kritik des Antisemitismus die Hauptströmungen in der jüdischen Politik der Gegenwart: den Zionismus, die Orthodoxie und den Assimilantismus einer eingehenden Betrachtung und Würdigung. Der Zionismus verkenne — hierin dem Antisemitismus, als seinem Gegenpol, gleichend — daß „die personale Isolierung des einen Teils nicht die Aufhebung der Beziehungen zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem bedeute“, daß die Juden „selbst die alte Judenfrage in ihren rein jüdischen Staat mitnehmen würden“. Im übrigen wird der radikale Zionismus des Herzischen Judenstaats — im Gegensatz zu dem heute von den Führern der Bewegung verfolgten „kleineren und darum auch erreichbaren Ziele“, als eine „nicht weniger genialisch-enthusiastische als doktrinär-rationalistische Idee“ charakterisiert, die in ihrem Hauptbegriff „der historisch tempirischen Forschung nur schwer Stand halte“ und keine Lösung der Judenfrage bringe. Eine solche wolle der heutige offizielle Zionismus auch nicht bringen. „Er will möglichst viel einzelne Judenschicksale glücklich gestalten, individuelle Judenfragen lösen. Als Wirkung dieser Teillösungen auf die Gesamtheit der Juden er- Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Kooigshof) hofft er: daß Zion ein geistiges Zentrum für diese wird, eine wenn schon nicht räumliche, so doch ideelle Aufhebung des Golus für alle. Dieser neue Zionismus arbeitet praktisch. Es wird nach Möglichkeit Land gekauft; für jüdische Bildung gesorgt; Juden wandern ein und werden allmählich Bauern. Und es sind Anzeichen vorhanden1), daß sich langsam eine homogene landwirtschaftlich tätige und hebräisch redende Bevölkerung dort bildet. Es sind1 große Schwierigkeiten zu überwinden. Wer aber deshalb heute noch diesen neuen Zionismus Utopie nennt, macht sich selbst des Doktrinarismus schuldig. . . . Man muß dem jüdischen Werk als wichtigen Aktivposten buchen: den ungeheueren Enthusiasmus, von dem alle beherrscht sind, die Leiter, die Landkäufer, die Kolonisten und die großen und kleinen Geldspender. Aus dem Sombartschen wirtschaftlich interessierten, zweckbedachten, rationalistischen Juden macht die zionistische Idee Idealisten, die vielfach bewußt auf wirtschaftliche Vorteile verzichten und die schlechter rentable Sache der besser rentablen vorziehen“. (Fortsetzung folgt.) Mr. Samuel und die russischen Juden. Unter der Überschrift „Mr. Samuel und die russischen Juden“ bringt die letzte Nummer der „Nation“ folgenden Artikel: Das Kabinett hat keine rechten Bewunderer, seine paar Freunde, finden wir, neigen dazu, es mit schwachem Lobe zu verurteilen. Seine Verteidiger wissen nicht, was sie wollen. Warum hat niemand eine Hymne auf die Logik und Konsequenz des Kabinetts angestimmt? Es lag in Fehde mit englischen Traditionen. Es hat den freiwilligen Dienst aufgegeben. Es hat den Freihandel unterminiert. Es hat der Redefreiheit ein Ende gemacht. Es hat die Gabeas Corpus zerstört. Das sind große Siege. Aber neben der Redefreiheit, dem Freiwilligendienst, dem Freihandel und der Gabeas Corpus ist noch eine Tradition übrig. Jetzt endlich ist das Asylrecht auch gestrichen. ■ Wir sind es Mr. Herbert Samuel schuldig, sein Tun eingehender zu prüfen und dort zu loben, wo es angebracht ist. Es ist viel, w a s er getan hat, aber die Art, wie er verfahren ist, verdient das Interesse des Psychologen. Es gibt verschiedene Arten der Nachgiebigkeit. Die eine Art ist so: der Betreffende schämt sich, gibt dem Drängen nach, bedauert, daß er unter den augenblicklich besonders schwierigen Umständen nicht länger widerstehen kann, führt die Versuchung auf der anderen Seite als Entschuldigungsgrund an und gibt schließlich einem anderen die Schuld. Aber es gibt auch eine beherztere Art der Nachgiebigkeit. Wenn die Regierung des Zaren bereits monatelang die Rücksendung unserer russischen Flüchtlinge verlangt hätte, wenn sie unserem Botschafter in die Ohren gelogen hätte, das Auswärtige Amt belästigt hätte, und gedroht hätte die Angelegenheit als Ursache zur Schwächung unseres Bündnisses zu betrachten, so würde der englische Durchschnittsminister keine allzu glänzende Figur abgegeben haben unter diesen Umständen. Er hätte zweideutig antworten können. Vielleicht hätte er abwarten und sehen wollen. Und wenn er zuletzt nachgegeben hätte, besorgt D Feuchtwanger urteilt hier auf Grund eigener auf einer mehrwöchigen Reise durch Palästina gewonnener Anschauung..