Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-08-25 · 34 (25.8.1916) · p. Seite 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 298 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138051--00986-9073812
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

306 Das Jüdische Echo Nr. 34 je das Volk zu beherrschen, ihm in politischen, in kulturellen, in sozialen Fräsen seinen eignen Willen aufzuzwingen. Jacob Schiff bekämpft die, welche dem Volke die Augen über seine eigne Stärke und Eigenart öffnen wollen, bemüht sich, das Rad nationaler Entwicklung rückwärts zu drehen, be in ii h t s i c h , i n d e m er nach wie vor f ii r Tausende einzelner Juden kämpft, das J u d e ii v o 1 k in seiner Entfaltung zurückzuhalten. Darin liegt seine tragische Schuld. Die Gegensätze spitzen sich immer mehr zu. Immer größer wird die Zahl derer, die in Jacob Schiffs Bestreben, die nationale Eigenart dreier Millionen amerikanischer Juden im Schmelztiegel der Kulturen, dem Amerikanertum, aufgehen zu lassen, einen Verrat am Judentum sehen. Immer stärker wird Jacob Schiffs Bemühen, sich dem Wachstum der jüdischen Kulturmacht entgegenzustemmen. Die Funken, die lange Zeit nur unter der Asche geglimmt haben, schlagen plötzlich, zur hellen Flamme vereinigt, empor: das mündig gewordene jüdische Volk in Amerika strebt nach einem Kongreß, auf dem es über das Schicksal der gesamten internationalen Judenheit beraten, sich mit ihr identisch erklären, auf ihr Schicksal einwirken will. Man hofft, daß die bisherigen Führer des Volkes — unter ihnen Jacob Schiff — bei dieser nationalen Tat mittun, sich an die Spitze stellen werden. Aber man irrt sich. Der plötzliche Beweis nationaler Selbständigkeit ist den Führern wohl zu früh, zu überraschend gekommen, sie können es noch nicht fassen, daß das Volk selbst gehen, ja sie auf seinem Laufe mitreißen will, und über die Undankbarkeit des Volkes grollend, ziehen sie sich zurück. Auch Jacob Schiff. Das Volk ist enttäuscht, verletzt, wird mißtrauisch, und beginnt sich zu fragen, ob es Jacob Schiff nicht stets überschätzt hat. Der geringste Anstoß genügt, damit aus der gewitterschwangeren Atmosphäre der Blitz zündend hervorbreche. Dieser Anstoß kommt: Jacob Schiff,;der Gegner nationalen Zusammenschlusses der Juden in Amerika, hält eine öffentliche Rede über Rußland, in der er die Absonderung der russischen Juden als Quelle ihres Unglücks bezeichnet. Das Wort ist zweideutig, es läßt schwer erkennen, ob eine freiwillige oder eine gezwungene Absonderung gemeint ist; das ohnehin gereizte Volk aber faßt es so auf, als gäbe Jacob Schiff den russischen Juden — eben durch ihre Absonderung — selbst die Schuld an ihrem Unglück. Und nun bricht der Unwille des Volkes los, fast die gesamte amerikanisch-jüdische Presse nimmt gegen den Volksfeind Stellung und bezeichnet den menschenfreundlichen Wohltäter vieler Juden als Verräter am jüdischen Volkstum. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Jacob Schiff ist bis ins Herz hinein getroffen. Er sieht in dem ganzen Sturm wider ihn eine Agitation persönlicher Feinde, er verzweifelt über den Undank des Volkes, das sich von seinen —vermeintlichen —Feinden gegen ihn aufstacheln läßt und beschließt, sich von jeder nationalen jüdischen Arbeit zurückzuziehen. In einer öffentlichen Versammlung nimmt er von seiner nationalen Tätigkeit Abschied. In einer Rede, die den Schlußeffekt dieses Dramas bezeichnet, legt er dar, daß man ihn verkannt, verleumdet hat, bezeichnet er das ganze Mißverständnis als einen schlau angelegten Plan, utn ihn zu stürzen und verläßt die Tribüne mit dem Gelöbnis, zwar weiter als Wohltäter Einzelner zu wirken, aber keinerlei Versuch mehr zu machen, den Volkswillen zu vertreten. Als Wohltäter vieler Einzelner hat Jacob Schiff .begonnen, als Wohltäter vieler Einzelner wird er seine Laufbahn enden. Auf der Mitte seines Weges liegt die Stelle, an der er sich hätte entscheiden müssen, sich von seinem Aristokratentum loszumachen und seinen Willen dem des jüdischen Volkes unterzuordnen. An dieser Wegstelle ist er gescheitert. Das ist seine tragische Schuld. Darum wird er im Gedächtnis seines Volkes nur als ein arbeitsfroher Philanthrop leben, nicht aber als der Mitschöpfer einer neuen Epoche der jüdischen Geschichte. Nicht einzelne Feinde, nicht eine bestimmte politische Gruppe haben J. Schiff um das Vertrauen des Volkes betrogen. Er selbst hat es sich verscherzt, weil er an die Stärke des Volkes nicht glauben, weil er über dem Volke thronen, nicht aber sich seinem Willen fügen wollte. Schicksal und eigne Schuld haben Jacob Schiff seiner Anhängerschaft beraubt. Jacob Schiffs Äbschiedsrede. (Gehalten bei der 7. Jahressitzung der New Yorker Kehillah.) „Ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Willkommensgruß, denn ich weiß, was dieser beweist und wozu er bestimmt ist. Ich bin heute morgen früh von ^meinem Uandhiause /Rereingekommen, nur um zu einem selbstsüchtigen Zweck ein Weilchen bei Ihnen zu sein. Ich habe gefühlt, daß, so ungern ich es auch tue, ich zu den Juden New Yorks, zu den Juden des Landes, vor denen ich so niederträchtig verleumdet worden bin, von mir seihst sprechen muß. Ich bin hierhergekommen, um das Schwert der Trennung niederzulegen. Ich lebe seit 51 Jahren in New York. Ich bin jetzt fast 70 Jahre alt, und ich glaube, seitdem ich zum Manne herangereift bin, ist kein Tag vorübergegangen, an dem ich nicht zum Besten meines Volkes gewirkt habe. Die New Yorker i l.,’1.d. andre Leute haben — vielleicht unglücklicher Weise entgegen meinen Bitten und sogar trotz meines Widerspruches — einen bunten Rock für mich gewoben. Ich sage: unglücklicher Weise, denn seit Josephs Tagen hat ein bunter Rock immer schlimme Folgen gehabt und hat sie jetzt für mich. Ich hoffe, die Jargonpresse hat heute tüchtige Berichterstatter hier, und wenn ich diese überhaupt um etwas bitten darf, so bitte ich sie, meine heutigen Worte im vollen Umfang zu veröffentlichen. Wenn sie, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, bei der Versammlung vor zwei Wochen mi Central Jewish Institute ihre Berichterstatter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.